Morgenandacht, 16.01.2017

von Claudia Nieser aus Paderborn

„Es sind Geschichten, sie einen diese Welt“ (Herbert Grönemeier, „Stück vom Himmel“)

Vor gut einem Jahr lud der katholische Priester Roderick Vonhögen auf der Internetseite Youtube ein Video hoch. Der kurze Film zeigt ihn selbst – aber nicht bei einer Predigt, einer Katechese oder einer anderen Botschaft mit christlichem Inhalt. Stattdessen kann man Father Roderick dabei zusehen, wie er sich zum ersten Mal den damals frisch erschienenen Kinotrailer zu „Star Wars VII – Das Erwachen der Macht“ ansieht.

Auch wenn Sie mit „Star Wars“, auch bekannt als „Krieg der Sterne“, nichts anfangen können: Ich kann Ihnen nur empfehlen, sich dieses Video anzuschauen. Ich prophezeie: Sie werden danach ein breites Lächeln auf dem Gesicht haben. Denn die Begeisterung von Father Roderick ist ansteckend. Der Anblick der Helden aus seiner Kindheit, die nun wieder neu im Kino zu sehen sind, der Lichtschwerter, der legendären Raumschiffe, veranlasst ihn zu regelrechten Jubelausbrüchen.

Die Kommentare zu dem Video sind mindestens ebenso amüsant wie das Video selbst. Zum Beispiel schrieb ein Kommentator mit dem Pseudonym „Gott“: „He, das ist einer meiner Angestellten!“

In den Kommentaren klang aber auch ein ernsthaftes Thema an. Eine Person schrieb zum Beispiel: „Ich bin Muslim und im gleichen Maß begeistert von Star Wars. Wenn ich die Aufregung dieses Priesters über die gleiche Sache sehe, begreift man, wie dumm es ist, sich wegen religiöser Unterschiede zu bekämpfen. Lasst uns alle Spaß haben und diesen Kinofilm als Menschen genießen.“ Und ein anderer schrieb: „Vater, ich bin Atheist, aber ich wünsche mir, dass die wahrhaftige Seele, die sich in Ihren Augen zeigt, millionenfach in allen Kirchleuten vervielfältigt wird."

Mich fasziniert das Video, und mich faszinieren solche Kommentare. Das hat zunächst mit der einfachen Tatsache zu tun, dass ich zu einer ähnlichen Begeisterung fähig bin, sobald in einem Kinofilm ein Raumschiff vorbeifliegt. Doch es geht mir auch um etwas anderes. Father Roderick ist im Video im Kollar-Kragen zu sehen, also eindeutig als Kirchenmann zu erkennen. In dem Video geht es dann aber nicht um den Glauben, für den er steht, sondern um einen Kinofilm, der in der ganzen Welt bekannt ist. Trotzdem wird er als Vertreter der Kirche wahrgenommen – und die Kommentare sind ohne Häme oder Feindseligkeit, was man durchaus mit einem Ausrufungszeichen versehen kann angesichts des Tons, der in den sozialen Netzwerken schnell herrscht.

Das bald 1,5 Millionen mal geklickte Video lässt mich die Frage stellen, ob man nicht zu selten auf das schaut, was alle Menschen gemeinsam begeistert, auf das, was alle gemeinsam zum Lachen bringt, auf das, was die Probleme des Lebens für eine Weile vergessen lässt. „Es sind Geschichten, sie einen diese Welt“, schrieb Herbert Grönemeier in seinem Song „Stück vom Himmel“. Und Geschichten, ob sie nun im Kino erzählt werden, im Theater oder in der Literatur, sind nach meiner Erfahrung tatsächlich etwas, was Menschen verbinden kann. Es eint, wenn man erlebt, dass man mit den gleichen Helden mitfiebert und die gleichen Bösewichte verflucht. Es eint, wenn man sich über das gleiche Happy End freut und über das gleiche traurige Ende weint. In solchen Situationen wird spürbar, dass wir alle Menschen sind, die lieben, die trauern und sich freuen, Menschen mit Leidenschaften und dem Wunsch, dass am Ende die Guten gewinnen.

Ich sehe auch Nachrichten und weiß, dass das Zusammenleben unterschiedlicher Weltanschauungen, Kulturen und Religionen mit vielen Problemen belastet ist. Und dem Hass von Fanatikern und Terroristen, der unsere Welt peinigt, hat ein Kino-Film oder ein Roman zunächst einmal nur wenig entgegenzusetzen. Natürlich ist es in der Begegnung mit Andersdenkenden und Andersglaubenden wichtig, sich über Unterschiede austauschen und zu verständigen. Aber gerade angesichts von unversöhnlichem Hass und einer vorherrschenden Rhetorik, die die Welt in Schwarz und Weiß einteilt, ist es ebenso wichtig, für Erfahrungen von Gemeinsamkeit zu sorgen.

Ich glaube, dass wir gar nicht genug von solchen Erfahrungen bekommen können. Möge die Macht mit Ihnen sein, Father Roderick!

Linktipp:
Father Roderick schaut den Trailer zu „Star Wars – das Erwachen der Macht“
https://www.youtube.com/watch?v=ayLZk4oNwuQ


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Dieser Beitrag wurde am 16.01.2017 gesendet.


Über die Autorin Claudia Nieser

Dr. Claudia Nieser wurde 1972 in Neunkirchen/Saar geboren. Sie studierte katholische Theologie an der Universität des Saarlandes (Saarbrücken) und der Theologischen Fakultät Trier und absolvierte ein Volontariat beim Saarländischen Rundfunk. Seit 2001 arbeitet Claudia Nieser als Redakteurin in der Presse- und Informationsstelle des Erzbistums Paderborn. An der Eberhard Karls Universität Tübingen promovierte sie mit einer Arbeit über die algerische Schriftstellerin Assia Djebar.

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