Wort zum Tage, 13.01.2017

von Dietmar Rebmann aus München

Berechnung

So, nun ist das neue Jahr schon fast zwei Wochen alt, demnächst werden wir sehen, welche Prognosen für dieses Jahr das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Natürlich interessieren uns die Wirtschaftsdaten ganz besonders. Wie viel Wachstum können wir zum Beispiel im ersten Quartal dieses Jahres erwarten, wie viele Prozentpunkte kann unsere Wirtschaft insgesamt zulegen. Denn danach richtet sich unser Wohlstand, davon hängen die Entwicklung in unserem Land und das Vorwärtskommen der Gesellschaft ab.

Mir ist aufgefallen, dass Wachstumszahlen immer so ungenau zwischen einem und drei Prozent hin und her schwanken. Und dass am Ende selten eine Berechnung wirklich stimmt. Trotzdem schauen viele wie gebannt auf die neuesten Zahlen irgendwelcher Institute.

Vielleicht müssen wir diese Fixierung auf Zahlen beenden, vielleicht bringt sie uns letztlich gar nicht weiter, wie die folgende Geschichte erzählt:

Ein reicher Geschäftsmann betritt auf einem Jahrmarkt das kleine Zelt einer Wahrsagerin, die hinter einer großen Glaskugel sitzt. Sie blickt nicht auf und murmelt nur leise: „Setzen Sie sich. Was kann ich für Sie tun?“ Der Mann überlegt kurz und sagt schließlich: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in den nächsten fünf Jahre ernsthaft erkranke?“ Die Frau legt eine Hand auf die Kugel und sagt nach ein paar Sekunden: „Sie sind Geschäftsmann, nicht wahr? Dann 65 Prozent. Und ich bekomme zwanzig Euro“. Der Mann zahlt und verlässt verärgert das Zelt. Das war eine teure Vorhersage, denkt er sich. Als er eines Tages wieder einmal diesen Jahrmarkt besucht, kommt er an demselben Zelt vorbei. Sofort stürmt er hinein und findet darin eine jüngere Frau vor, die ihn neugierig ansieht. „Sie wünschen?“ Der Mann antwortet erregt: „Vor zehn Jahren hat mir hier eine Kollegin von Ihnen vorhergesagt, dass ich wohl krank werden würde, aber ich bin gesund geblieben“. „So“, antwortet die Frau hinter der Glaskugel, „was genau hat Sie Ihnen denn mitgeteilt?“ „Nun, sie meinte, die Wahrscheinlichkeit, dass ich ernsthaft erkranke, liege bei 65 Prozent. Für diese falsche Vorhersage habe ich 20 Euro bezahlt.“

Die junge Frau lächelt und sagt ganz ruhig: „Aber 35 Prozent genügen doch, um gesund zu bleiben, wie man sieht. Menschen, die an Zahlen glauben, muss man belügen. Wenn man ihnen Glück verspricht, glauben sie es nicht. Denn Menschen, die an Zahlen glauben, haben kein Gottvertrauen, sie fürchten sich zu sehr vor dem Tod.“                 


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Dieser Beitrag wurde am 13.01.2017 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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