Wort zum Tage, 12.01.2017

von Dietmar Rebmann aus München

Erkundung

Die Erde ist eine Scheibe, und ihr Mittelpunkt ist genau hier. Hier, wo ich stehe! Das sagt die Comicfigur Hägar, der Schreckliche, zu seinem Freund Sven Glückspilz. Hägar, der Schreckliche, hat die Welt erobert, vor allem dadurch, dass dieser Comic das finstere Mittelalter hautnah vermittelt. Und uns in der Gegenwart mit einem verschmitzten Lächeln den Spiegel vorhält.

Die Erde ist eine Scheibe. Und ihr Mittelpunkt ist genau dort, wo ich stehe. Natürlich muss man da lachen. Was im Mittelalter unbekannt war, gehört heute zum Alltagswissen: Die Erde ist bestenfalls eine Art Kugel, die sich um die Sonne dreht. Aber Hägars Satz geht tiefer. Tatsächlich karikiert er ein typisches menschliches Verhalten: Unbewusst verhalten wir uns oft so, als ob wir in unserem Leben auf einem Teller stünden. Sehen können wir bis zum Rand, manchmal ein bisschen darüber hinaus. Dabei geht der Blick in alle Richtungen gleich weit. Und fast zwangsläufig entsteht das Gefühl, im Mittelpunkt dieses Tellers zu stehen. Deshalb zeigen Weltkarten bei uns immer Europa in der Mitte; deshalb denken wir bei weltpolitischen Ereignissen immer aus unserer Perspektive. Genau deshalb ist Hägars Satz so wertvoll: Weil er indirekt dazu auffordert, sich selbst aus dem Mittelpunkt des Denkens einmal herauszunehmen. Die Erde ist eine Kugel, und jeder Mensch hat das Recht, in der Mitte zu stehen, nicht nur ich allein. Das wäre ein tolles Motto für alle Verhandlungen über gerechte Verteilung der Güter und Nahrungsmittel. Und vielleicht ist es die einzige Antwort auf jede Form von Gewalt und Terror.

Kriege und Auseinandersetzungen werden geführt, weil sich Machthaber das Recht nehmen wollen, in der Mitte zu stehen und alle Fäden in der Hand zu halten. Viele Konflikte am Arbeitsplatz entstehen durch die Ellenbogen-Mentalität: Ich will im Mittelpunkt stehen, also dränge ich lästige Konkurrenten an den Rand.

Es ist auch in der Erziehung der Kinder immer schwierig: Wie vermittle ich meinem Kind, dass es wertvoll und wichtig ist, dass es sich aber auch wieder zurücknehmen muss, weil die anderen auch ihr Recht haben sollen. Wie geht die Balance zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe?

Eine mögliche Lösung sehe ich in der christlichen Glaubenstradition, die sagt: Gott hat jeden Menschen mit seiner ganzen Liebe erschaffen. Es muss sich keiner in die Mitte drängen, denn die Liebe Gottes ist immer gleich stark, egal, wo ich stehe. Hägars Satz lautet dann abgewandelt: Die Erde ist eine Kugel, und Gott ist immer hier, hier, wo ich stehe.


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Dieser Beitrag wurde am 12.01.2017 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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