Wort zum Tage, 09.01.2017

von Dietmar Rebmann aus München

Erwartung

Aus Umfragen und Interviews kann man immer wieder heraushören, dass die Menschen heute nicht mehr allzu viele positive Erwartungen an die heutige Politik haben.  Man unterstellt den Politikerinnen und Politikern gerne, dass sie ihre eigenen Interessen zu stark im Blick haben und zu wenig an das Gemeinwohl denken. In diesem Jahr ist Bundestagswahl, und deshalb werden alle Parteien wieder um das Vertrauen der Deutschen werben müssen. Manchmal hört man den Spruch: Jedes Volk bekommt die Politik, die es verdient. Man könnte aber auch sagen: Das Volk bekommt die Politik, für die es eine klare Erwartungshaltung einnimmt.

Und vielleicht ist es falsch, wenn die Menschen ihre Erwartungen zu weit herunterschrauben und sagen: Wir glauben den Verheißungen der Politik nicht mehr.

Im Kirchenjahr sind ja die Monate Dezember und Januar mit Weihnachten und Jahresbeginn sehr stark geprägt vom Motiv der „Verheißung“. Da wird uns etwas angekündigt und unsere Erwartung soll geweckt werden. Denn die weihnachtliche Verheißung, dass Gott etwas mit dieser Welt vorhat, setzt Kraft frei für gegenwärtige Aufgaben.

Ein klassisches Beispiel aus dem politischen Bereich ist der englische Politiker Ashley Cooper – auch bekannt als Lord Shaftesbury. Er lebte im 19. Jahrhundert  und kämpfte als Mitglied des Parlaments 40 Jahre lang unermüdlich dafür, dass Kinder, Frauen und Arbeiter vor Ausbeutung geschützt wurden. Außerdem leitete er eine Organisation, die für 300.000 arme Kinder die Schulbildung ermöglichte. Immer wieder unternahm er Vorstöße, die Regierung zum Bau bezahlbarer Arbeiterwohnungen zu bewegen. Und er engagierte sich für die Sanierung der Londoner Slums. Lord Ashley hatte zahlreiche Ämter in sozial-karitativen Organisationen: Er gründete Arbeiterinstitute und förderte zahlreiche kirchliche Missionswerke.

Die Frage ist, was hat diesem Mann so viel Energie und Durchsetzungskraft gegeben? Gegen Ende seines Lebens sagte der Lord dazu Folgendes: „Wenn ich auf die letzten 40 Jahre schaue, dann stelle ich fest, dass es nicht eine einzige Stunde gab, in der ich nicht von der Erwartung der Wiederkehr unseres Herrn Jesus beeinflusst war.“

Für den Lord hörten also Advent und Weihnachten nie auf. Er lebte in der ständigen Erwartung, dass Gott kommt, um diese Welt zu vollenden. Und diese Zukunftserwartung hat in ihm die Kraft freigesetzt, die notwendig ist, um die Welt menschlicher zu machen. Wir dürfen also immer mehr erwarten: von uns selbst, von den politisch Verantwortlichen und vor allem von Gott, denn er vollendet, was wir unvollendet lassen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 09.01.2017 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche