Wort zum Tage, 31.12.2016

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

In Gottes Händen

Einen guten Rutsch. Wie oft habe ich diesen Satz in den letzten Tagen gehört. Ich selber habe das niemandem gewünscht, denn ich mag dieses Wort nicht. Ich möchte gar nicht haltlos in ein neues Jahr rutschen. Trotzdem habe ich das Gefühl, als ob genau das gerade passiert. Dass ich ein wenig den Halt verliere, weil meine Hoffnungen auf die Zukunft ins Rutschen gekommen sind. Meine Hoffnung auf ein freies, demokratisches Europa etwa, das immer enger zusammenwächst. Meine Hoffnung, dass wir uns respektieren und zuhören, statt uns niederschreien. Und auch meine Hoffnung auf eine Welt, die Hass und  Barbarei ernsthaft überwinden will. Vielleicht waren es ja naive Hoffnungen eines Gutmenschen? Vielleicht.  Für die Welt und ihre Zukunft, so scheint mir, gab es jedenfalls schon bessere Zeiten.

„Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.“ So beginnt ein Text des Dichters Jochen Klepper. Es ist ein Lied zum Jahreswechsel, angelehnt an einen Psalm aus der Bibel. Er schreibt es im Spätjahr 1937, in einer für ihn schwierigen Lage. Fünf Jahre zuvor hat er eine jüdische Frau geheiratet. In den Augen der Nazis ist er damit verdächtig. Der Druck auf ihn wächst, wird größer und größer. Seine Texte kann er nur noch mit besonderer Erlaubnis veröffentlichen. Kleppers persönliche Situation hat sich 1937 bereits stark verdüstert. Er hält zwar nicht viel von den Nazis, aber ein Kämpfer ist er auch nicht. Er ist einer von den Stillen im Land, die hoffen, dass der Sturm an ihnen vorüberzieht. Aktiver Widerstand ist ihm fremd. Was ihn, den gläubigen Christen bewegt, drückt er lieber in seinen Texten aus. Und so wendet er sich in diesen Zeilen in fast kindlichem Vertrauen an Gott. Für ihn ist Gott der Herr der Zeit, der alles zum Guten führen wird. Irgendwann. Der am Ende auch all die Last eines Jahres in Segen verwandeln wird, wie er sagt. Naiv, weltfremd gar?

Das bald zu Ende gehende Jahr hinterlässt uns einige Lasten. Kleppers Worte berühren mich darum noch immer. Ich kann zwar noch nicht sehen, wie aus all dem Düsteren allein dieses Jahres nun Segen werden soll, aber es geht Klepper nicht um das aktuelle Hier und Jetzt. Es geht ihm um die ganze Geschichte und das Vertrauen, dass sie gut ausgeht. Es geht darum, dass die Opfer nicht vergessen sind und dass es einmal Gerechtigkeit für sie geben wird. Segen, wie der Text sagt. Und es geht darum, dass es lohnt, sich trotzdem einzusetzen. Für seine Ideale und Hoffnungen. Eben weil es gut enden wird. Das ist kein billiger Trost, kein hohles „Alles-wird-gut-Gerede“. Vielmehr eine Hoffnung, die sich auf Gott stützt. So lässt Jochen Klepper sein Lied auch mit den Worten enden: „Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.“ Auch in ein neues Jahr. 

Literaturquelle Jochen Klepper:

Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch. Ausgabe für die Diözese Speyer, Hg. von den (Erz-)Bischöfen Deutschlands und Österreichs und dem Bischof von Bozen-Brixen, Kath. Bibelanstalt Stuttgart 2013, S. 347-348, 6 Zeilen


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 31.12.2016 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche