Wort zum Tage, 30.12.2016

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

Erinnerungsbox

Auf meinem Schreibtisch steht ein einfacher Briefumschlag. Erinnerungsbox steht darauf. Meine Tochter hat ihn mir einmal geschenkt. Darin befindet sich ein Foto unserer Familie. Eine bunte Vogelfeder, die wir bei einem gemeinsamen Urlaubsspaziergang am Strand gefunden haben. Auch eine alte Kinokarte ist dabei. Es war ein Film, den wir zusammen besucht haben und der uns beiden gut gefallen hat. Für einen, der uns nicht kennt, sind das banale Dinge. Abfall eigentlich. Mich haben sie damals dennoch sehr gerührt, denn für meine Tochter und mich sind sie bedeutungsvoll. Sie verbinden uns. Das ist es, was sie mir damit sagen wollte. Lass uns in Verbindung bleiben, auch dann, wenn wir uns mal eine Weile nicht sehen. Verbunden in unseren gemeinsamen Erinnerungen.

Dabei sind es ja nicht nur die schönen Momente, die uns verbinden. Da gibt es auch die schwere Erkrankung eines nahen Menschen, während der wir uns um ihn gesorgt haben. Da sind die Tränen nach der verpatzten Prüfung und die aufmunternden Worte, die die Niederlage trotzdem nicht ungeschehen machen können. Es sind nun mal die hellen und die dunklen Momente, die sich besonders tief in die Seele eingraben. Aber sie geben dem Leben eine Struktur. Geben Antworten darauf, woher wir kommen und welchen Weg wir bis heute gemeinsam gegangen sind. Als Christ gehört dazu für mich auch mein Glaube. Er verbindet mich nicht nur mit meiner Tochter sondern auch mit Millionen anderer Menschen. Auch Glaube gibt es nicht ohne Erinnerung.

Ein Leben, ohne sich erinnern zu können, ist eigentlich kaum vorstellbar. Mir wird das immer wieder bewusst, wenn ich meine Mutter im Pflegeheim besuche. Wenn mir dort Menschen auf dem Flur begegnen, die längst nicht nur vergessen haben, wo sie sind, sondern manchmal auch, wer sie sind. Die ihre Kinder nicht mehr erkennen, weil sie sich einfach nicht mehr an sie erinnern können. Denn mit jeder Erinnerung, die leise verschwindet, verschwindet  ja auch eine Brücke in die eigene Vergangenheit. Manchmal auch eine Brücke von Mensch zu Mensch. Es berührt mich immer, wenn ich sehe, wie Pfleger und Angehörige dann andere, neue Brücken bauen müssen in die Welt jener Menschen, die fast alles andere vergessen haben. 

Meine Tochter ist inzwischen groß. Sie wird uns bald verlassen,  ein Studium aufnehmen, sich ein eigenes Leben aufbauen. Auf meinem Schreibtisch wird dann weiterhin der einfache Briefumschlag stehen. Die Erinnerungsbox, die uns verbindet. Auch dann, wenn wir uns eine ganze Zeit lang nicht mehr sehen.


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Dieser Beitrag wurde am 30.12.2016 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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