Wort zum Tage, 29.12.2016

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

Abschiede

Ganz plötzlich ist er gestorben, ohne Vorwarnung. Ein Freund und langjähriger Arbeitskollege. Nicht nur die Arbeit, auch manches Persönliche haben wir im Lauf einiger gemeinsamer Jahre miteinander geteilt. Nachdem er in den Ruhestand gegangen ist, haben wir uns zwar seltener gesehen und sind doch in Verbindung geblieben. Immer wieder mal sind wir uns begegnet. Das letzte Mal auf einer Tagung, nur wenige Wochen vor seinem Tod. Ich weiß noch gut, dass wir uns damals eher beiläufig verabschiedet haben, quasi im Vorübergehen. Keiner von uns hat schließlich gewusst, dass es das letzte Mal sein würde. Hätten wir es geahnt, es wäre vielleicht ganz anders verlaufen. Vielleicht hätten wir uns ja noch ein paar persönliche Dinge gesagt. Vielleicht uns auch nur noch mal umarmt. Ein letztes Mal, ohne große Worte. Vielleicht. Ich weiß es nicht, aber ich habe später oft an diese flüchtige Szene gedacht. Endgültig verabschieden von ihm konnte ich mich so nur noch auf dem Friedhof. Ganz still, an seinem Grab.

Das letzte Mal. Keiner von uns weiß ja, wann das sein wird. „Seid wachsam“, mahnt die Bibel dazu, „ihr kennt weder Tag noch Stunde.“ (vgl. Lk 12,35) Ich finde, da ist schon was dran, auch heute noch. Und doch ist das im alltäglichen Wahnsinn zwischen Familie und Beruf ja leichter gesagt als getan. Wer läuft schon ständig mit dem Gedanken an die eigene Endlichkeit herum, und an die seiner Lieben. Wenn ich in der Morgenhektik im Eiltempo zum Bus hetze, die Kinder vom Sport abhole oder dienstlich auf der Autobahn von einem Termin zum nächsten pendle? Ich denke doch nicht ernsthaft daran, dass es vielleicht das letzte Mal sein könnte. Und doch geht es manchmal ganz schnell. Zu schnell. Ein Unfall, ein Infarkt. Und dann? Wie oft gehe ich morgens aus dem Haus und rufe im besten Fall noch: „Ich bin dann weg!“ bevor die Haustür hinter mir zufällt. Manchmal gehe ich auch ganz ohne Worte, weil ich einfach nicht dran denke oder es wieder mal schnell gehen muss. Wir sehen uns ja eh bald wieder. Am Nachmittag, wenn alle wieder zuhause eintrudeln. Zum Glück ist das in aller Regel auch so. Doch wenn nicht? „Seid wachsam!“. Der mahnende Satz aus der Bibel meint genau genommen: Gib acht darauf, wie du dein Leben lebst. Lebst du wirklich so, dass du jederzeit gehen könntest? Die kleine Erfahrung mit meinem Freund und Kollegen hat mich nachdenklicher gemacht. Ich bemühe mich seitdem jedenfalls öfter darum, nicht einfach so wegzugehen. Zumindest nicht von den Menschen, die mir besonders lieb und wichtig sind. Das bedeutet keine theatralischen Abschiedsszenen und auch keine besonders gewählten Worte. Es bedeutet einfach nur, möglichst bewusst und liebevoll Adieu zu sagen. In der festen Hoffnung, dass wir uns bald wiedersehen.


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Dieser Beitrag wurde am 29.12.2016 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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