Wort zum Tage, 28.12.2016

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

Platz fürs Unerwartete

Achtung Stau! Das Schild neben der Autobahn verheißt nichts Gutes. Ich habe Termine, und genau das kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Schon wenig später stockt der Verkehr, dann geht gar nichts mehr. Vollsperrung in beiden Richtungen. Keine Ahnung, warum. Sofort merke ich, wie Wut in mir hochsteigt. Ich bin genervt, weil jetzt all meine Planungen für die Katz sind. Meinen schön ausgedachten Zeitplan kann ich vergessen. Toben, Rumbrüllen, Fluchen? Bringt auch nichts. Es würde doch keinen Meter weiter gehen. Vor mir steigen die ersten aus ihren Fahrzeugen und schlendern über die Autobahn. Also öffne auch ich die Tür und trete auf die Fahrbahn. Es ist ein fast unwirkliches Gefühl. Spazieren auf der Überholspur, normalerweise der sichere Tod. Erst jetzt wird mir überhaupt bewusst, wie ungewöhnlich still es an diesem Ort ist, wo sonst ein Höllenlärm durch die vorbeirasenden Autos herrscht.

Auf der Spur neben mir steht ein mächtiger LKW. Der Fahrer lehnt an seinem Fahrzeug. „Bauarbeiten“, sagt er. „Wird sicher bald weitergehen.“ Ich frage ihn, ob er diese Strecke öfter fährt, erkundige mich, wo er als Fernfahrer überall herumkommt. Er erzählt mir ein wenig über seinen stressigen Job zwischen Zeitdruck und Einsamkeit auf der Autobahn. Es wird ein Gespräch, das es so wahrscheinlich nie gegeben hätte. Wann hätte ich in meinem Alltag jemals diesen Mann getroffen und mich mit ihm unterhalten? Als es nach rund zwanzig Minuten weitergeht, ist von meinem anfänglichen Ärger nichts mehr übrig. Im Gegenteil.

Ein Bruch im sorgsam geplanten Ablauf ist immer nervig. Doch manchmal tut so ein Bruch in der Routine sogar richtig gut. Zeit, um mal anzuhalten, wieder runter zu kommen. Weg von all den Wichtigkeiten, zurück auf die Erde. Dass das oft genug wie eine schöne Utopie erscheint, weiß ich natürlich auch. Doch je höher der Druck, je dichter der Tagesplan, umso unaufmerksamer werde ich in der Regel für das, was sonst noch um mich herum geschieht. Und so entgehen mir dann schnell mal andere Dinge. Scheinbare Nebensächlichkeiten und dennoch wichtig fürs Leben. Die gedrückte Stimmung der Mitarbeiterin etwa oder das freundliche Lächeln der Praktikantin, die ich eben im Treppenhaus getroffen habe. Oder eben ein kleiner Plausch auf einer stillen Autobahn. Es muss nicht mal der unfreiwillige Zwangsstopp sein. Eine bewusst eingebaute Unterbrechung im Tagesablauf tut es auch. Immer wieder mal. Platz machen für das Unerwartete.


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Dieser Beitrag wurde am 28.12.2016 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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