Wort zum Tage, 27.12.2016

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

Mensch werden

Geschafft. Die Weihnachtstage sind vorbei. Das Fest der Liebe nennt es der Einzelhandel auch, ausgedrückt in vielen liebevollen Geschenken. Und doch gibt es heute viele, die von dieser Liebe nur wenig oder gar nichts gemerkt haben. Weil sie keine Geschenke bekommen haben und weil sie sich besonderen Konsum an Weihnachten auch gar nicht leisten können. In meiner Stadt etwa muss rund jeder sechste mit sehr wenig Geld auskommen. Es sind Menschen, die staatliche Hilfe zum Lebensunterhalt bekommen. Viele von ihnen sind alt, nicht wenige auch allein, manche arm. An Tagen wie diesen wird ihnen ihre Situation ganz besonders bewusst.

Menschen wie Maria. Ich habe sie bei meiner früheren Arbeit in der Pfarrei kennengelernt. Sie hat es nie leicht gehabt im Leben. Eine qualifizierte Ausbildung hat sie nie erhalten. Wenn sie Arbeit hatte, war diese meistens schlecht bezahlt, und auch ihr Mann brachte nie viel Geld nach Hause. Geld war immer knapp bei ihnen. Als ihr Mann dann zu trinken begann, verlor er auch noch seine Arbeit. Er ist schon vor etlichen Jahren gestorben. Lange hat sie mir ihre Geschichte erzählt. Eine bedrückende Geschichte von Armut und dem ständigen Kampf, über die Runden zu kommen. Ihre kleine Wohnung wirkt ärmlich, die Möbel sind alt und abgenutzt. Wenn etwas kaputt geht, kommt das einer Katastrophe gleich. Ihr fehlt das Geld, um es zu ersetzen.

Fast zwanzig Jahre ist es nun her, dass engagierte Christen in unserer Stadt einen Verein gegründet haben, der sich um solche Menschen kümmert. Er springt ein, wenn für Menschen wie Maria ein neuer Wintermantel gebraucht wird, oder ein Ofen, der kaputtgegangen ist. Doch auch ganz praktische Hilfe wird organisiert. Etwa, wenn kleine Reparaturen in der Wohnung zu erledigen sind oder Einkäufe, die zu mühsam und beschwerlich wären. Und natürlich gehört auch ein Schwätzchen zwischendurch unbedingt dazu. Eine ebenso simple wie wirksame Medizin gegen Vereinsamung und Sprachlosigkeit. In den vergangenen Wochen hat dieser Verein wieder Spenden gesammelt. Geld, das Viele leicht erübrigen können, ohne sich einschränken zu müssen. Für Menschen wie Maria, die sich immer einschränken musste, ist es jedoch ein Segen, der ihr das Leben erleichtert.

Christen haben in den vergangenen Weihnachtstagen wieder gefeiert, dass Gott in die Welt gekommen ist. Doch wenn Weihnachten nicht nur eine nette Geschichte bleiben soll, an die wir uns einmal im Jahr erinnern, um uns das Herz zu wärmen, dann muss es spürbar werden. Auch heute und in den kommenden zwölf Monaten. Am allerbesten in Menschen. Wenn Gott Mensch werden kann im Mitmenschen. Immer wieder. Dazu braucht es gar kein besonderes Fest der Liebe. Es lässt sich jeden Tag feiern.


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Dieser Beitrag wurde am 27.12.2016 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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