Am Sonntagmorgen, 08.01.2017

von Johannes Schießl aus München

Zukunft – Goldene Zeiten oder apokalyptischer Horror

Autor
„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“, hat Albert Einstein einmal gesagt. Wohl wahr! Aber was lässt sich über die Zukunft sagen? Ist das nicht alles bloß Spekulation? Trotzdem würde jeder – gerade zu Beginn eines Neuen Jahres – gern mehr über die Zukunft wissen, seine eigene, die der Gesellschaft, der Erde, des ganzen Kosmos.

Aber: „Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dass dieser Satz ein gewisses Maß an Weisheit in sich birgt, sieht man allein schon daran, dass er so unterschiedlichen Köpfen wie dem Münchner Humoristen Karl Valentin, dem Schriftsteller Mark Twain und dem Physiker Niels Bohr zugeschrieben wird. Und doch gilt, dass es den Menschen vom Tier unterscheidet, dass er nicht nur im Augenblick lebt, sondern auch ausgreifen kann in die Vergangenheit und eben die Zukunft.

Der Mensch kann sich erinnern, kann seine Erfahrungen deuten und aus ihnen lernen und er kann nach vorne blicken, planen, Vorsorge treffen, auch wenn sich die Zukunft verbirgt. Beide Dimensionen hat der dänische Philosoph Sören Kierkegaard mit dem klugen Satz verbunden: „Das Leben muss rückwärts verstanden, aber … vorwärts gelebt werden.“

Immer schon hat der Mensch versucht, in die Zukunft zu schauen, Propheten und Prognostiker üben seit jeher eine große Faszination aus. Während in der Antike der Flug der Vögel gedeutet wurde oder die Eingeweide von Opfertieren, setzt der moderne Mensch, so rational er zu sein meint, etwa auf Horoskope oder die Meinungsforschung. Und auch die Religionen entwerfen Bilder von der Zukunft, sei es in der Verheißung eines künftigen Paradieses, oder sei es in apokalyptischen Szenarien, die allerdings meist doch mit dem Sieg des Guten über das Böse enden.

Seit gut 500 Jahren beschäftigen sich die Menschen intensiver mit der Zukunft, angefangen von der „Utopia“ des Thomas Morus über Aldous Huxley und George Orwell bis hin zu den verschiedenen Spielarten des „Science fiction“. Oft freilich sind solche Utopien eher Appelle, dass es nicht so schlimm kommen möge, verbunden mit der Aufforderung, die Zukunft in die Hand zu nehmen und sich vor absehbaren Fehlern zu schützen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich sogar eine eigene „Zukunftsforschung“. Doch dem aufklärerischen Zukunftsoptimismus versetzte bereits 1972 der Bericht des „Club of Rome“ einen schweren Dämpfer. Und heute? Da stehen der Angst vor Katastrophen, Klimawandel oder Kriegen zum Beispiel die Glücksversprechen von Digitalisierung, molekularer Medizin oder Agrotechnologie gegenüber. Dazu kommen Emotionen, etwa die Zukunftssorgen junger Menschen in einer Zeit, in der nicht mehr alles wie selbstverständlich aufwärts zu gehen scheint. Oder die Angst vor Terror, vor Überfremdung, vor Verarmung. All das verändert unsere Welt!

Aber was lässt sich philosophisch verantwortet über die Zukunft sagen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich auch die „Philosophischen Tage“ der Katholischen Akademie Bayern im letzten Herbst. Ausgangspunkt war die ganz große Perspektive der Astrophysik, die freilich nicht sehr hoffnungsfroh stimmt. Denn es wird die Zeit kommen, in der das Sonnensystem sein sicheres Ende erreicht. Dazu der Landshuter Astro-Physiker Josef Gaßner, der gemeinsam mit seinem Kollegen Harald Lesch ein Buch über den Urknall und seine Folgen geschrieben hat:

Sprecher
„Unsere Sonne wird in circa fünf Milliarden Jahren unweigerlich zum ,roten Riesen‘ ... Damit wären wir erdgeschichtlich etwa bei der Hälfte angelangt. Im September 2013 haben allerdings britische Kollegen Modellrechnungen vorgelegt, wonach uns nur mehr 1,75 Milliarden Jahre verbleiben, weil dann die solaren ,Flares‘ –
gemeint sind Massen-Auswürfe am Rand der Sonne – bereits ein tödliches Ausmaß erreicht haben werden … Hoffentlich sind es bis dahin noch 1,75 Milliarden gute Jahre für das Leben auf der Erde.“

Autor
Und Josef Gaßner hat auch mit seinem letzten Satz Recht. Obwohl der Untergang unserer Erde eine eigenwillige Mischung aus Gruseln und Faszination auslöst, so liegt er doch in weiter Ferne. Und es wäre noch Zeit für das Pflanzen vieler Apfelbäumchen, um einen sprichwörtlich gewordenen Satz von Martin Luther aufzugreifen. – Viel näher an uns Heutigen ist die selbstgemachte Zerstörung des Planeten durch uns Menschen – Stichwort Erderwärmung. Und da kann der Potsdamer Klimaforscher Ottmar Edenhofer ganz konkrete Zahlen nennen:

Sprecher
„Niemand bezweifelt mehr ernsthaft, dass der Anstieg der globalen Mitteltemperatur hauptsächlich durch den Menschen und die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas verursacht wird. Seit Beginn der Industrialisierung hat sich die Erde bereits um 0,7 Grad Celsius erwärmt, und für den Verlauf des 21. Jahrhunderts sind ohne klimapolitische Maßnahmen weitere 4 Grad nicht unwahrscheinlich … Der Klimawandel sollte zumindest so weit begrenzt werden, dass irreversible … Schäden ausgeschlossen werden können.“

Autor
Während die kosmischen Entwicklungen unserem Handeln weitgehend entzogen sind, kann der Mensch beim Klimawandel – noch – handeln. Die Erderwärmung muss also begrenzt werden. Dazu braucht es – so Ottmar Edenhofer – einen Paradigmen-Wechsel. Er schlägt vor, die Atmosphäre völkerrechtlich als Gemeingut anzuerkennen, was freilich massive ökonomische Konsequenzen für die Eigentümer von Kohle-, Öl- und Gas-Ressourcen hat. Doch das Privateigentum steht für Edenhofer unter dem „Vorbehalt der Sozialpflichtigkeit“. Man kann also mit seinem Besitz nicht machen, was man will.

Womit wir schon mitten in unserer Gesellschaft angekommen wären. Wie hat sich die Haltung zur Zukunft verändert? Der Münchner Soziologe Armin Nassehi geht der Frage nach, wie es dazu kam, dass Fortschritt zur „Metapher der Moderne“ wurde. Während frühere Gesellschaften eher auf die Erhaltung des Althergebrachten setzten, richtet die Moderne ihren Blick fast ausschließlich nach vorne beziehungsweise nach oben. Nassehi beschreibt die jüngere Entwicklung so:

Sprecher
„In der frühen Neuzeit wird das Erlebnis der Unbestimmtheit, der Kontingenz, der Unbekanntheit der Kultur und der Zukunft mehr und mehr unter die Ägide des Zukünftigen, das eigentliche Ziel jedes Geschehens gestellt. Das Neue in Wissenschaft, Pädagogik, Politik und Wirtschaft beginnt nicht mehr bedrohlich zu sein … Erst zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert hat sich dieser kollektive Singular ,Fortschritt‘ herausgebildet und soll zum einen die Erfahrungen der einzelnen Funktionsbereiche der Gesellschaft sowohl deskriptiv als auch normativ auf den Begriff bringen. Zum anderen aber geht es um ein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung, nach der Selbstbeschreibung einer Epoche. Das Medium dieser Form ist die Zeit – in Gestalt der Geschichte als gerichtetem Prozess.“

Autor
Rückschritt ist fürderhin kaum mehr denkbar, alles entwickelt sich weiter, differenziert sich aus, systematisiert sich auf höherem Niveau. Doch wie geht es in dieser immer komplizierteren Welt dem Menschen – als einem in Raum und Zeit begrenztem Wesen? „Vita brevis, ars longa“: Dieser dem antiken Arzt Hippokrates zugeschriebene Satz will sagen, dass unser Leben zu kurz ist, um vollkommene Kunstfertigkeit zu erreichen. Und damit ist nicht nur die Kunst im engeren Sinn gemeint, sondern alle menschliche Kreativität.

Oder wie es Johann Wolfgang von Goethe einmal formulierte: „Dieses Leben, meine Herren, ist für unsere Seele zu kurz.“ Der Bonner Philosoph Sebastian Knell hat sich intensiv mit diesem Missverhältnis beschäftigt:

Sprecher
„Wir Menschen unterscheiden uns dadurch von anderen Tieren, dass wir uns eine kulturelle Lebensform geschaffen haben, die wir im Rahmen unserer biologisch befristeten Lebensspanne weder in ihren vielfältigen Potenzialen aktiv verwirklichen, noch in der Gesamtheit ihrer Erzeugnisse verstehend durchdringen können. Insofern besteht hier in der Tat ein Ungleichgewicht, das demjenigen Missverhältnis entspricht, das das antike Diktum ,Vita brevis, ars longa‘ zum Ausdruck bringt … Im Gegensatz zu den beeindruckenden Erfolgen beim Transzendieren räumlicher Grenzen hat es seit dem Aufkommen der ersten Hochkulturen kaum wesentlichen Fortschritt bei der Überwindung der zweiten fundamentalen Begrenzung gegeben, der unsere naturwüchsige Existenzform unterliegt: des zeitlichen Rahmens, in dem sich ein menschliches Leben abspielt.“

Autor
Auch wenn die durchschnittliche Lebenserwartung gerade in den industrialisierten Ländern deutlich zugenommen hat, die maximale Lebensspanne eines Menschen hat sich nicht groß verändert und liegt bei rund 100 Jahren, so Knells Beobachtung. Die so genannte Biogerontologie aber hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Ursachen des Alterns komplett zu verstehen. Warum soll sie dann nicht auch irgendwann in der Lage sein, das Limit von 100 Jahren weiter hinauszuschieben?

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das würde keinen Sieg über den Tod bedeuten, denn das kosmische Entropie-Gesetz würde natürlich weiterhin gelten, das heißt, die Unordnung im System nimmt unweigerlich zu. Aber auch philosophisch lässt sich einiges dazu sagen: Der Mensch ist ein zeitlich geprägtes Wesen, ja ohne die Dimension der Zeit kaum denkbar. Wir verhalten uns „im praktischen Vollzug unserer Existenz zur Dauer unserer Existenz“, so Sebastian Knell.

Und wenn deren Ende weiter hinausgeschoben wird, kann das zum Verlust der Ernsthaftigkeit des Lebens führen – nach dem Motto „Warten wir’s halt ab“ – oder zu totaler Langeweile – unter der Überschrift „Alles schon dagewesen“. Zudem ist das menschliche Leben für Sebastian Knell „narrativ“ verfasst, es muss sich in einem großen Erzählungs-Bogen zusammenbinden lassen, sonst zerfleddert es. Trotz natürlich möglicher Brüche bezieht sich der Mensch in seinem Denken – wenigstens hypothetisch – immer auf den einen übergreifenden Lebensplan.

Solche Lebenspläne bieten auch die Religionen an, hier soll es abschließend um ein paar Überlegungen aus christlicher Sicht gehen. Die Theologie habe sich zu lange mit einer „Physik des Jenseits“ aufgehalten, so der Regensburger Philosoph und Theologe Thomas Schärtl. Dem sei eine radikale Hoffnungsperspektive entgegenzusetzen. Die Vollendung bei Gott gehe zu stark von menschlichen Vorstellungen aus, beschränke sich zu sehr auf das Individuum und auf eine Fortsetzung des Diesseits. Thomas Schärtl über das, was er einen „konsequenten Äternalismus“ nennt:

Sprecher
„Wir müssen zu denken wagen, dass die eschatologische Vollendung nicht einfach nur trotz des Todes, sondern gerade im Tod erreicht wird: Das ,Eschaton‘ beginnt mit dem Kreuz. Gegenüber einer politischen Instrumentalisierung muss die radikale Andersartigkeit der eschatologischen Wirklichkeit betont werden. Die allzu oft um ein individual-eschatologisches Zentrum gravitierende Hoffnung muss in einen Kontext gestellt werden, der sie um ein Erbe ergänzt, das wir gerade dem … Alten Testament verdanken. Es geht dabei um eine auch das Vergangene einbegreifende Volk-Gottes-Eschatologie und eine kosmologische Eschatologie.“

Autor
Die Bibel verwendet ganz verschiedene Bilder über das Verhältnis der diesseitigen Welt zur Ewigkeit: Da ist die Rede von der Rückkehr ins gelobte Land oder ins Paradies. Da geht es um die Wiederherstellung der gerechten Machtverhältnisse, da wird von der Entrückung oder der Verwandlung gesprochen. Und da geht es um Vernichtung und Neuschöpfung. Man könnte nun meinen, diese Bilder würden sich wenigstens teilweise ausschließen, aber sie sind letztlich allesamt nur Annäherungen an das „was kein Auge geschaut und kein Ohr gehört hat“.

Für Thomas Schärtl ist die christliche Zukunftshoffnung von zwei Bewegungsrichtungen gekennzeichnet, zunächst davon, dass Gott in der Schöpfung, der Erwählung seines Volkes und der Menschwerdung des Gottessohnes auf uns zukommt. Die andere Bewegungsrichtung meint, dass wir mit der Schöpfung unsererseits auf Gott zugehen, auf die Vollendung in der Ewigkeit. Und so bleibt dann selbst nach einem „kosmischen Karfreitag“ die Hoffnung auf österliche Erlösung – jenseits von Raum und Zeit.


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Dieser Beitrag wurde am 08.01.2017 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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