Wort zum Tage, 03.12.2016

von Beate Hirt aus Frankfurt

Leben mit Behinderung

Mein Patenkind Lea ist 19, sie macht gerade ihr Freiwilligenjahr als Bufdi, als Bundesfreiwilligendienstlerin. Wenn wir uns sehen, dann erzählt sie immer wieder davon – und ich merke: Schon die ersten drei Monate haben sie richtig geprägt. Lea ist in einer Einrichtung für junge Menschen mit Behinderung. Es ist eine breite Palette von Behinderungen, die sie da erlebt. Da gibt’s die beiden Jungs, der eine mit Autismus, der andere mit ADHS. Wenn Lea von ihnen erzählt, müssen wir lachen. Der eine sitzt vor seinem Schultisch und hat seine Stifte und Hefte fein säuberlich sortiert vor sich liegen. Der andere wühlt in der Tasche und findet nichts. Und fragt seinen Nebenmann: Kann ich einen Stift von dir haben? Der autistische Junge verdreht die Augen und sagt zu Lea: Ohne Stift in die Schule kommen, so was.

Aber es geht natürlich nicht nur lustig zu in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Lea erzählt auch von den Zwillingen mit dem schweren Muskelschwund, ein Gendeffekt ist dafür verantwortlich. Mit 19 können die beiden Jungen kaum noch ihre Finger bewegen, für jede Kleinigkeit brauchen sie die Hilfe von anderen. Und die Perspektive ist grausam: Immer weniger können ihre Muskeln arbeiten, in den nächsten Jahren werden auch die Lungenmuskel versagen, und sie werden sterben. Mit ihren 19 Jahren haben sie keine Aussicht auf Ausbildung, Beruf und Familie – völlig anders als bei Lea. „Das macht was mit dir“, sagt sie.

Und sie erzählt: Sie denkt auch neu und anders über Themen wie pränatale Diagnostik oder Abtreibung nach durch ihre Arbeit als Bufdi. Diese besonderen Erfahrungen: die lassen sie zweifeln an schnellen Schwarz-Weiß-Lösungen und eindeutigen Forderungen. Und gleichzeitig bedeutet es ihr so unglaublich viel, für diese jungen Menschen in ihrer Einrichtung da zu sein und ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Wenn Lea erzählt, denke ich: Wie wichtig ist es, nicht nur theoretisch über Behinderung nachzudenken und zu sprechen, sondern sich auch praktisch darauf einzulassen, aufgrund von Begegnungen und Erfahrungen, die man gemacht hat.

Heute ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung, und sicher wird es Reden und Aufrufe zum Thema geben – und auch ich versuche das ja mit diesem Beitrag im Radio. Natürlich will auch ich sagen: Das Leben ist lebenswert von der Wiege bis zur Bahre und egal, was jemand leisten kann. Aber ich tu das in aller Bescheidenheit, denn ich weiß: Ich kann ja kaum ahnen, wie es ist, das Leben mit einer schweren Behinderung oder das Leben mit einem behinderten Kind oder Partner. Ich denke heute besonders an die Menschen, die jeden Tag mit ihren Behinderungen leben. Die einander unterstützen und in tausend Kleinigkeiten füreinander da sind. Dem anderen aufs Klo helfen. Oder in der Schule den Stift oder den Finger eines anderen an die richtige Stelle schieben. So wie mein Patenkind Lea das als Bufdi gerade tut.


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Dieser Beitrag wurde am 03.12.2016 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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