Wort zum Tage, 01.12.2016

von Beate Hirt aus Frankfurt

Fegefeuer und Vegetarier

Vom Fegefeuer und Jüngsten Gericht sprechen wir Kirchenleute ja nicht mehr so oft. Schon gar nicht im friedlich-gemütlichen Advent. Dafür tun das manchmal andere, von denen man es gar nicht unbedingt erwartet hätte. Comedians zum Beispiel, wie Kaya Yanar. Dreimal schon hat er den Deutschen Comedypreis gewonnen. Vor kurzem hab ich ein Interview mit ihm gelesen, da ging es um Ernährung. Kaya Yanar erzählte, dass er sich vegetarisch und phasenweise sogar vegan ernährt. Jeder muss das selbst entscheiden, hat er gesagt, dann aber folgende Sätze hinterhergeschoben: „Sollte es ein Jüngstes Gericht geben nach christlich-abendländischer Vorstellung, dann muss halt jeder selber seine Konsequenzen tragen. Ich habe dann ein Ass im Ärmel. Ich weiß nicht, was am Ende kommt. Aber wenn Gott wirklich fragen sollte: ‚Warum hast du meine Kinder, die Tiere gefressen?‘ kann ich mein Ass ausspielen und sagen: ‚Ich weiß, dass ich nicht der tollste Mensch auf Erden war, aber ich hab keine Tiere gegessen.‘ Dann kriege ich vielleicht – keine Ahnung – zwei Pluspunkte und darf am Himmelstor warten, anstatt ins Fegefeuer zu kommen.“ Soweit Kaya Yanar zum Thema Vegetarier und Fegefeuer.

Ich gestehe: Das hat mir ziemlich gut gefallen. Ich esse nämlich auch keine Tiere. Und überhaupt versuche ich nach Kräften, möglichst freundlich mit der Schöpfung umzugehen, auch im Dezember Fahrrad und Bus fahren zum Beispiel und all so was. Und manchmal erwisch‘ ich mich dann auch bei der Frage: Warum mach ich das alles eigentlich? Die andern gönnen sich doch auch ihr Schnitzel und den BMW, und die Welt rette ich mit meinem Verhalten allein sowieso nicht. Dann muss ich - ich gestehe es - manchmal ans Fegefeuer denken und ans Jüngste Gericht. An die Pluspunkte, die ich womöglich sammeln kann mit meinem Verhalten. Das klingt natürlich etwas albern oder auch altmodisch. Aber andererseits: Ein wahrer Kern scheint mir doch darin zu stecken: Es geht darum, dass ich immer Verantwortung trage für das, was ich tue. Mir gegenüber, den nächsten Generationen gegenüber, einer höheren Instanz gegenüber. Natürlich soll heute keiner mehr mit dem Fegefeuer Angst machen. Das funktioniert ja ohnehin nicht mehr. Aber wahr ist für mich: Ich trage Verantwortung. Und auch: Es gibt Gerechtigkeit. „Irgendwie“ wird das Gute, das ich versuche zu tun, auf mich zurückkommen. Und auch all die vielen Menschen, die sich ja noch viel mehr für eine gerechte Welt einsetzen als ich, die zum Teil richtig viel riskieren für ihre Überzeugung: Die werden dafür Gutes ernten. Darauf hoffe ich schwer.

Genau vorstellen kann ich mir nicht, wie sich das mit dem Jüngsten Gericht verhält. Vielleicht sollten wir Theologinnen und Theologen uns mit allzu genauen Reden dazu sowieso ein Weilchen zurückhalten. Aber ich finde es nicht schlecht, wenn sich Comedians dazu äußern. Wenn sie die Vorstellung vom Jüngstem Gericht mit einem Augenzwinkern am Leben halten. Im Übrigen bin ich mir auch ziemlich sicher: Kaya Yanar wird dafür, dass er sich vegetarisch ernährt, einst am Himmelstor ein paar Pluspunkte bekommen.


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Dieser Beitrag wurde am 01.12.2016 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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