Wort zum Tage, 30.11.2016

von Beate Hirt aus Frankfurt

Andreas und die Ökumene

Es gibt nicht so viele Heilige, an die ich mitten im Alltag erinnert werde. Der heilige Andreas ist so einer, an den muss ich ab und zu denken, wenn ich an einem Bahnübergang vorbeikomme. Da steht als Verkehrsschild das so genannte Andreaskreuz, zwei zum X geformte Balken. An so einem besonderen Kreuz soll der heilige Andreas damals, vor fast 2000 Jahren, hingerichtet worden sein. Andreas und Andreaskreuze: Die erinnern mich aber auch an die Ökumene, an das Miteinander der christlichen Kirchen. Denn der heilige Andreas ist ein besonderer Heiliger für die Orthodoxen Kirchen. Seine Gebeine wurden im vierten Jahrhundert in einem großen Triumphzug von Patras, wo er gestorben ist, nach Konstantinopel gebracht; heute Istanbul, damals die Hauptstadt des Römischen Reiches. Dort, in der Apostelkirche, wird Andreas seitdem verehrt. Seine Gebeine haben für die Ostkirche eine ähnlich große Bedeutung wie Petrusgrab und Petersdom für die Römisch-Katholische Kirche. Petrus und Andreas: Die waren Brüder, erzählt die Bibel. Und auch die West- und die Ostkirche verstehen sich immer mehr als Brüder. Am Andreastag treffen sie sich traditionell jedes Jahr, Papst und Patriarch feiern in Istanbul zusammen Gottesdienst. Der Andreastag: Er ist heute, am 30. November.

Aber nicht nur an die west-östliche Ökumene muss ich beim heiligen Andreas denken, sondern seit ein paar Wochen auch besonders an die evangelisch-katholische Ökumene, und zwar seit dem 30. Oktober. Da war ich nämlich, einen Tag vor dem Reformationstag, zu Besuch in Erfurt. Ich wollte auf den Spuren Martin Luthers wandeln und hab mir endlich einmal das Augustinerkloster angeschaut, in das er als Mönch eingetreten ist und in dem er sein kirchliches Wirken begonnen hat. Beim Weiterschlendern durch Erfurt bin ich – eher durch Zufall - in der Andreaskirche gelandet. Auch dort bin ich natürlich auf den heiligen Andreas und sein Kreuz gestoßen. Und hab erfahren: Diese alte gotische Kirche aus dem 12. Jahrhundert wurde schon 1522 evangelisch. Die ehemaligen Mönche aus dem Erfurter Augustinerkloster waren die ersten evangelischen Pfarrer. Im 18. Jahrhundert hat man dort in der Andreaskirche das Holzmodell der Grabplatte Martin Luthers aufgehängt, es ist wohl das älteste bekannte Lutherdenkmal überhaupt. Die Andreaskirche liegt an der großen Andreasstraße, das ganze ehemalige Handwerkerviertel nennt sich Andreasviertel. Und die Kirche beherbergt eine ganz aktive evangelische Andreasgemeinde. Eine Frau aus dieser Gemeinde hat mir die Kirche und ihre Geschichte ganz wunderbar erklärt, als ich mit meinem Rollkoffer zufällig hereingeschneit kam.

Seitdem stehen der Apostel Andreas und das Andreaskreuz für mich noch einmal mehr für Ökumene, für das Miteinander der verschiedenen Kirchen. Ich bin froh, dass wir 500 Jahre nach der Reformation und fast 1000 Jahre nach der Spaltung der Kirche in Ost und West heute wieder so viel Austausch und Begegnung miteinander haben. Und wirklich Geschwister im Glauben sind.


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Dieser Beitrag wurde am 30.11.2016 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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