Wort zum Tage, 28.11.2016

von Beate Hirt aus Frankfurt

Der Friedensfürst kommt

Nun hat er also wieder angefangen, der Advent. Das Warten auf Weihnachten. Aufs Christkind. Und auf den Weltenretter. In den Liedern und biblischen Texten zum Advent ist vom Friedensfürst die Rede, der herbeigesehnt wird. Zur berühmten Musik von Georg Friedrich Händel heißt es da zum Beispiel: „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt, der Friedefürst.“ Da wird einer besungen, der den Menschen Frieden und Heil bringt, der alles gut machen soll, vor allem für diejenigen, die sich verachtet und verraten fühlen. Und irgendwie muss ich dabei in diesem Jahr auch an gesellschaftliche und politische Entwicklungen denken. An die vielen Menschen, die sich offenbar auch heute nach so einem Retter sehnen, nach einem, der endlich alles, was schlecht ist, wieder gut macht. Die Welt ins Lot bringt. Vielleicht steckt es ja in uns Menschen, dass wir von solch einem Messias träumen. Einem, der stark und mächtig daherkommt und die Welt wieder richtet.

In der Bibel ist der Messias allerdings kein „starker Mann“. Keiner, der dröhnend und laut den Raum betritt und die anderen erst einmal klein macht, um groß herauszukommen. Im Adventslied „Macht hoch die Tür“ heißt es zum Beispiel: „Er ist gerecht, ein Helfer wert. Sanftmütigkeit ist sein Gefährt.“ Und in der Bibel wird dieser Friedensfürst so beschrieben: „Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel.“ (Sacharja 9,9) Genau so zieht Jesus dann ja auch in Jerusalem ein: Nicht als pompöser Kriegsheld, sondern demütig auf einem Esel hockend. Und noch mehr Sanftmütiges kann man in der Bibel über den Messias lesen: „Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.“ (Jesaja 42,2-3) Auch Jesus hat ja so gelebt: Er hat eher die leisen Tönen gewählt und die Menschen, die geknickt waren wie ein Rohr, nicht zerbrochen, sondern wieder aufgerichtet.

Für mich ist all das auch eine Empfehlung für heute, für Politik und Gesellschaft: Ich will mich nicht nach den starken, lauten Helden sehnen – auch, wenn das vielleicht der erste Impuls ist, wenn ich mich über die Welt ärgere. Die Bibel und der Advent, die raten mir: Schau eher auf die leisen Helden. Politiker, die nicht laut poltern, sondern in aller Ruhe mit allen reden. Und nicht zuletzt: auch wirklich zuhören können. Führungsgestalten, die sich selbst zurücknehmen können, die demütig sind, vielleicht auch einmal über sich lachen können. Politiker, die sich auch nicht einfach der Meinung der Masse anpassen, wenn die schreit: „Steinigt sie“ oder: „Werft sie aus dem Land“. Sondern sich um Deeskalation kümmern, um friedliche Lösungen. Nach solchen Politikern und Führungsgestalten will ich Ausschau halten. Gerade in diesem Advent.


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Dieser Beitrag wurde am 28.11.2016 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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