Am Sonntagmorgen, 04.12.2016 

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

„Den Wein der Freude trinken“ – Dominikanische Spiritualität als Leidenschaft für die Wirklichkeit

Schwester Ursula
Als ich das erste Mal hier ins Kloster Arenberg kam – das Gästehaus war eine riesige Baustelle der Schwestern – da hatte ich alles vor, ich wollte nur auf keinen Fall ins Kloster gehen. Also ich war zwar ein sehr christlich lebender Mensch und habe mich auch wirklich sehr viel mit christlicher Spiritualität befasst und bin regelmäßig zur Kirche gegangen, also ich war schon durchaus katholisch sozialisiert. Ich konnte mir nur immer nicht vorstellen, für mein Leben jemals ins Kloster zu gehen, weil das für mich der Inbegriff eines lebensfeindlichen Raumes war.

Autorin
Erstaunliche Worte von Schwester Ursula Hertewich. Vor einer halben Stunde erst hat mich die junge Dominikanerin bei strömendem Regen am Hauptbahnhof Koblenz abgeholt. Schneeweißes Habit vor düsterer Bahnsteigkulisse. An ihrem rechten Handgelenk baumeln bunte Freundschaftsbändchen. Neugierige Blicke folgen uns, als wir ins klostereigene Auto steigen. Blicke, die ich irgendwo in der Nackengegend spüre. Schwester Ursula hat sich längst daran gewöhnt.

Sie ist das, was man eine handfeste Frau nennt. Zupackend, humorvoll, fröhlich. Und damit, wie ich lernen werde, eine typische Dominikanerin. Sie entstammt einer alten Apothekerfamilie, die seit mehr als hundert Jahren eine Apotheke im Saarland betreibt. Und auch sie ist – wen wundert’s  - Apothekerin. Mit einer Doktorarbeit in pharmazeutischer Biologie. Eine Laufbahn im Kloster war da nicht gerade vorgezeichnet. 

Schwester Ursula
Ich konnte mir auch nicht vorstellen, was das konkret mit dem Evangelium zu tun hat, in einer Lebensform zu leben, wo alles, was irgendwie schön ist, verboten ist und man eben so in seiner Freiheit beschnitten wird – also das waren so meine Vorurteile. Und dennoch habe ich hier angeklopft vor vierzehn Jahren, weil ich schon auf der Suche war nach einem geistlichen Weg. Und das, was mich als erstes hier begeistert hat, als ich die Gemeinschaft kennenlernte, war, dass alle meine Vorurteile wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen sind.

Autorin
Mittlerweile ist Schwester Ursula in ihrem Kloster für die Seelsorge zuständig und begleitet – in einem vierköpfigen Team – die zahlreichen Gäste. Sie gibt, neben Einzelgesprächen, spirituelle Impulse und darf – wie sie es ausdrückt – Tag für Tag die Fülle des Menschseins erleben.

Das Gästehaus des Klosters, ehemals ein Kneippsanatorium des Ordens, wurde ab 2003 sehr aufwändig und innovativ restauriert. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Angesichts des schicken Ambientes und der vielen Angebote von Brandungsbad bis Kräuterstempelmassage geistert seitdem der Begriff „Wellnesskloster“ durch die Gazetten. Eine Begriffswahl, die sie gruselig findet. Denn Leib- und Seelsorge, die hier gleichermaßen angeboten werden, gehören doch ganz natürlich zusammen. Andererseits führt genau dieser Begriff Menschen hierher, die sich normalerweise nie in ein Kloster wagen würden. Man könne wirklich nicht sagen,

Schwester Ursula
…  dass nur die Erzkatholiken kommen oder nur die ganz besonders Frommen, sondern da kommt eine riesige Bandbreite Woche für Woche zu uns. Sowohl was konfessionelle Prägung angeht als auch was Herkunft angeht. Das finde ich etwas ungeheuer Spannendes. Also vielleicht kann man es auf den gemeinsamen Nenner bringen: Es sind Menschen auf der Suche.

Autorin
Einige nutzen diesen Ort sehr gezielt, um die persönliche Begleitung durch eine Seelsorgerin oder einen Seelsorger zu suchen. Andere wollen einfach nur zur Ruhe kommen, nehmen eine Wohlfühlmassage oder gehen ins Schwimmbad. Und manche nehmen an einem der vielen Angebote teil, zum Beispiel dem Kurs zur Steinbearbeitung oder an einem spirituellen Kurs.

Um welche Fragen aber geht es in den vielen Einzelgesprächen?

Schwester Ursula
Die Fragen, die uns gestellt werden, das sind schon oft Fragen, die mit Menschwerdung zu tun haben. Oder es kommen sehr viele Menschen zu uns, die sich fragen, ob sie eigentlich nur funktionieren müssen in diesem Leben oder ob es irgendwie eine andere Lebensweise gibt, die ihnen vielleicht viel mehr gerecht wird, die beruflich teilweise unvorstellbare Dinge erleben. Und die sich dann wirklich fragen, wie weit muss ich eigentlich mitspielen in einem System, was mich so krank macht. Dann gibt es ganz viele, die wirklich sich versöhnen möchten mit Dingen, die sie erlebt haben im Leben. Also wo sie spüren: Das Unversöhnte beißt. Und da wollen sie auch mit leben lernen und wirklich auch Schritte des Friedens wagen. Und es gibt auch viele Menschen, die mit Krankheit und Tod und Trennung konfrontiert sind, also auch so einen kleinen Tod erlebt haben und sich jetzt fragen, wie kann ich eigentlich weiterleben und was macht mein Leben wieder lebenswert. 

Autorin
Was hat diese Fülle verschiedenster Angeboten aber mit dominikanischer Spiritualität zu tun? Vielleicht ist es die Einheit von Leib und Seele, die Einheit von Erdverbundenheit und Gottverbundenheit, die typisch ist für den Dominikanerorden. Und die auch den Geist und das Programm des Gästehauses prägt.

In diesem Jahr feiert der Orden sein 800-jähriges Bestehen. Die ausgedehnten Feierlichkeiten finden in einigen Wochen, am 21. Januar, ihren Abschluss und Höhepunkt in der Lateranbasilika in Rom. Eine Chance, dominikanisches Leben weltweit bekannt zu machen.

Schwester Ursula weist in diesem Zusammenhang aber auch auf eine wenig bekannte dominikanische Tugend hin, die für sie der Dreh- und Angelpunkt ihrer Berufung bedeutet: die Freude.

Schwester Ursula
Ich finde es sehr bemerkenswert, dass ein Buch über unsere dominikanische Spiritualität überschrieben ist mit dem Titel: „Den Wein der Freude trinken“. Genau das ist auch etwas, was mich in unserem Orden unglaublich angezogen hat und wo ich einfach gespürt habe, dass es auch tatsächlich gelebt wird. Das hört sich vielleicht an, als wären wir der große Partyorden, so den Wein der Freude trinken, und ich muss auch zugeben, unser Orden hat eine ausgeprägte Verrücktheit in den Brüdern uns Schwestern. Wenn man sieht, was für Projekte weltweit initiiert werden, da hat ganz viel wirklich auch mit ausschweifender Freude zu tun, aber das ist eben keine Freude, die einfach so oberflächlich wäre wie so eine Spaßgesellschaft Jesu.

Es ist eine Freude, die durch Ostern hindurchgegangen ist, die durch Karfreitag hindurchgegangen ist, die Freude der Auferstehung. Dass es etwas gibt in unserem Leben, was tiefer trägt als das, was wir Tag für Tag erleben, was wir auch an Leid erleben. Dass es da einen Boden gibt, der nicht wackelt, auch wenn uns was weiß ich widerfährt.

Autorin
Das klingt in der Tat faszinierend. Gerade angesichts der vielen Unsicherheiten und Unverbindlichkeiten des modernen Lebens, das immer mehr Menschen das Gefühl verleiht, auf schwankenden Planken zu leben.

Umso mehr erstaunt es mich, dass ausgerechnet die dominikanische Spiritualität in der Öffentlichkeit nie so richtig bekannt geworden ist – ganz anders als etwa die jesuitische oder franziskanische Spiritualität. Dabei hat dieser Orden große Gestalten hervorgebracht: Thomas von Aquin, Albertus Magnus, Bartholomé de las Casas, den Vorkämpfer für die Menschenrechte der Indios. Und nicht zuletzt Meister Eckhard und Katharina von Siena. 

Allenfalls weiß man noch, dass es sich bei den Dominikanern um einen Predigerorden handelt. Wobei Predigt nicht etwas Angelesenes bedeutet, das – mehr oder weniger moralisierend  – weitergegeben wird. Im Gegenteil.

Schwester Ursula
Thomas von Aquin hat es schon wunderbar ausgedrückt, dass wir das mit den Menschen teilen, was zutiefst durch uns hindurch gegangen ist, was wir selber durchwirkt haben, durchlebt haben. Und das, was in mir dann Mensch geworden ist, was in mir quasi wach geküsst worden ist, das darf ich dann verkündigen. Ebenso ist auch unser Studium nicht Wissensaneignung, sondern ein „Ich lasse mich ergreifen durch eine Wirklichkeit“. Ich lasse es an mich heran. Und dann kann ich darüber sprechen, aber nicht vorher.

Autorin
Genau deshalb wird, nach alter dominikanischer Tradition, dem Studium auch ein so hoher Wert beigemessen. Als Weg, um mit der Wahrheit in Kontakt zu kommen. Nicht umsonst steht der Begriff „veritas“ – „Wahrheit“ sogar im Wappen des Ordens.

Schwester Ursula
Wenn ich aufhöre, die Wahrheit wirklich zu suchen – mit meiner ganzen Existenz -, dann bin ich ganz groß in der Gefahr, einfach irgendwas zu glauben. Und das hat mit christlichem Glauben nichts zu tun. Das ist fast auch eine Beleidigung für unseren Glauben, der immer auch unserer Vernunft standhalten sollte. Und wenn es um etwas geht, dann ist es, dieser Wahrheit unseres Lebens immer mehr auf die Spur zu kommen. Und nicht direkt zu sagen: Kann man nicht verstehen. Dem kann ich mich nicht annähern. Und nicht vorschnell halt zu machen vor den brennenden Fragen, sondern diese Fragen zu erleiden, zu durchleben und wirklich versuchen, immer tiefer zur Wahrheit vorzustoßen.

Autorin
Aber gibt es das denn überhaupt: die eine Wahrheit? Wahrheit hat sich in unserer Gesellschaft doch längst schon als relativer Begriff etabliert. Schwester Ursula winkt ab:

Schwester Ursula
Es gibt eine Grundwahrheit im Leben, von der wir glauben, dass es Gott ist. Wenn ich einfach sage: Wahrheit ist relativierbar. Oder: das ist die Wahrheit von dem einen und das ist die Wahrheit von dem anderen, dann höre ich auf, nach dem Grund des Lebens zu suchen. Und bin dann ganz groß in der Gefahr, mir meine eigene Wahrheit zu basteln, die vielleicht eine bequeme Wahrheit ist und mich nicht herausfordert, aber nichts mit Gott zu tun hat.

Autorin
Mit jenem Gott, der für sie – als Grund aller Wirklichkeit - vor allem eine Quelle der Freude ist.  Aber gehört nicht auch Traurigkeit, ja Verzweiflung zum Leben dazu? Man kann diese dunkle Seite des Daseins doch nicht ungestraft ausblenden.

Schwester Ursula
Es hat mal jemand so schön gesagt: „Die Freude ist die große Schwester der Liebe und die Traurigkeit ist die kleine Schwester der Liebe.“ Wenn wir die Freude pflegen in unserem Leben, dann bedeutet es, in der Liebe zu leben. Das bedeutet aber nicht, dass ich in irgendeiner Weise verschont wäre von dem, was das Leben auch so mit sich bringt. Das wünschen sich auch vielleicht viele. Oder viele, wenn sie an Kloster denken, denken: „Ach ja, die leben ja hinter ihren Klostermauern abgeschottet und nehmen sich ja aus der bösen Welt raus.“ Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Wir stellen uns dieser Welt mit all ihren Facetten und wir stellen uns den Menschen, die kommen und wir begegnen diesen Menschen im Bewusstsein, dass wir genauso wenig von irgendetwas verschont bleiben, was das Leben auch schwer machen kann.

Autorin
Aber es gibt da einen entscheidenden Unterschied.

Schwester Ursula
Wir haben vielleicht einen anderen tragenden Grund der Hoffnung, dieses Gespür, dass das Böse in dieser Welt nicht das letzte Wort haben wird, dass am Ende wirklich die Liebe Auferstehung feiert und nicht das, was uns kaputt macht. Und da wächst dann eine Freude heran, die dem Leid standhält.

Autorin
Schwester Ursula weiß, wovon sie spricht, wie ich später beim Mittagessen erfahren werde. Sie isst ausnahmsweise mit mir zusammen im Gästehaus. Hier kann man wählen zwischen Mahlzeiten im Schweigen und geselligen Mahlzeiten. Wir entscheiden uns für das Gesellige. Zwischen Nachtisch und Bratkartoffeln erzählt sie mir, dass ihr Vater gerade völlig unerwartet verstorben sei. Dabei habe sie interessanterweise gespürt,

Schwester Ursula
dass Freude und Leid sich in keinster Weise ausschließen, sondern dass beides gleichzeitig da sein darf. Eine tiefe Traurigkeit, beispielsweise einen Menschen verloren zu haben und trotzdem eine unendliche Dankbarkeit und Freude, dass ein Leben vollendet wird. Und das ist etwas, was ich ganz wichtig finde: Das sind keine Gegensätze, sondern die können oft gleichzeitig da sein.

Autorin
Die große Gefahr, wenn uns im Leben Schlimmes widerfährt, ist – so ihre Überzeugung – gar nicht das Leid selbst, sondern die Verhärtung, die Verbitterung.

Schwester Ursula
Das sage ich immer allen, die auch ins Gespräch kommen: dass ich weinen kann, dass ich trauern kann, ist ein ganz großes Geschenk. Das, was eine Katastrophe für unser Menschsein bedeutet, ist, wenn ich mich zurückziehe, einigele. Das darf auch zeitweise mal sein und ich glaube, das ist auch Teil eines jeden Trauerprozesses. Aber wenn das der Endzustand dann wird, dass ich quasi mit gar nichts mehr rechne in meinem Leben, dass ich nicht mehr berührbar bin, dann geht Freude tatsächlich verloren und das ist auch eine große Gefahr. Von daher ist es vielleicht auch so wichtig, mich in der Trauer begleiten zu lassen, weil es einfach manchmal Situationen gibt, die wir nicht mit uns alleine ertragen können, sondern wo wir auch den Anderen brauchen, der uns wieder herauslockt und der uns wieder wirklich auch Impulse gibt, die uns weitergehen lassen.

Autorin
Und die Frage nach Gott? Natürlich steht diese Frage immer wieder im Raum. Als Ordensfrau traut man ihr hier eine ganz besondere Kompetenz zu. Das ist einerseits richtig, andererseits: 

Schwester Ursula
Als Ordensfrauen haben wir keine exklusive Beziehung zu Gott, sondern ich glaube, dass Gott mit jedem Menschen einen Weg geht und dass das nicht mehr oder weniger ist, sondern dass es eher vielleicht davon abhängt, wie sehr wir Gottes Gegenwart in unserem Leben auch Raum geben. Es hat mal jemand gesagt: „Nicht Gott ist verletzlich, sondern die Anwesenheit Gottes in dieser Welt ist sehr verletzlich. Und in dieser Verletzlichkeit berühren wir uns.“ Es ist auch eine Gnade, wenn wir ihm unser Herz öffnen können. Ich weiß auch um Menschen, die einfach nicht glauben können. Aber ich spüre, meine Sehnsucht danach, ihn zu suchen, ist so groß, dass es der Hauptantrieb in meinem Leben ist. Das ist vielleicht so der Unterschied: Wir können im Kloster dieser Gottsuche einen größeren Raum geben.

Autorin
All das, was man gemeinhin mit Frömmigkeit bezeichnet, sei jedoch keine Gewähr für eine intensive Gottesbeziehung.   

Schwester Ursula
Ich glaube, dass Gottesbegegnung nicht davon abhängt, wie viel ich in meinem Alltag bete, wie oft ich in die Kirche gehe, wie fromm ich bin. Sondern es hat damit zu tun, wie viel Raum gebe ich der Liebe in meinem Leben. Und das spüre ich auch bei Menschen anderer Religionen – da kommen wir uns unendlich nah.

Autorin
Aber es gibt auch Menschen, die beim besten Willen nicht glauben können. Gibt es vielleicht auch für sie einen Weg zu Gott?

Schwester Ursula
Also erstmal damit rechnen, dass es ihn geben könnte. Ihm mal ne Chance geben und ihn auch mal einladen. Das sind für mich so die ersten Schritte auf dem Weg zu Gott.

Autorin
Klingt verblüffend einfach. Dennoch ist es eine uralte Wahrheit, dass gerade das ganz Einfache manchmal das Allerschwerste ist.

Schwester Ursula
Also diese Sehnsucht, die uns allen innewohnt, die Sehnsucht nach mehr. Die Sehnsucht eben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Die Sehnsucht, dass ich in irgendeiner Weise auch wirklich ganz werde, heil werde. Und das sind alles für mich Spuren, die mich geradewegs auf Gott verweisen. Oder auch dieses Gefühl: Das, was ich in dieser Welt erleben kann – so schön es auch ist – ist nie in der Lage, meine Sehnsucht ganz zu stillen, sondern es gibt immer etwas, was uns fehlt. Und diesem Etwas nachzugehen, ich glaube, da komme ich auf die Spur Gottes.


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Dieser Beitrag wurde am 04.12.2016 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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