Am Sonntagmorgen, 20.11.2016 

von Andreas Brauns aus Schellerten

„Lausche meine Seele, lausche – Begegnung in heiligen Räumen“

Musik: CD “Hagios, Track 1 “Herzensauge, Herzensohr”

Autor
Der Komponist und Musiker Helge Burggrabe lauscht. Er lauscht mit der Seele. Und in ´Hagios´, einem gesungenen Gebet aus seiner Feder, macht er das Lauschen zum Thema: Lausche hindurch. 

Helge Burggrabe
Das Lauschen ist für mich eine Grundhaltung, so eine Schulung der Achtsamkeit, dass ich nicht sofort lospoltere, sondern erst einmal aufnehme, wahrnehme. Und das kann zu einer Grundhaltung im Leben werden. Und wenn ich jetzt die Seele als Wahrnehmungsorgan noch dazu nehme, dann ist es eben nicht nur ein Lauschen über das Ohr, sondern meine ganze Grundhaltung im Leben ist ein Lauschen. In meiner Seele lausche ich und so begegne ich der Welt. So trete ich mit ihr in Resonanz. In Resonanz zu treten mit jemand anderen geht nur, wenn ich innehalte und auch lausche. Dann entstehen ganz andere Verbindungen zwischen uns Menschen.                       

Autor
Helge Burggrabe ist davon überzeugt: Die Welt würde anders aussehen, wenn wir Menschen mehr lauschen würden. Doch vielen fällt das schwer. Sie halten die Stille nicht aus.                                                                                                                       

Helge Burggrabe
Die Stille ist für mich ein großer Schlüssel: Stille auszuhalten, in die Stille zu gehen. Damit meine ich nicht eine Stille als Abwesenheit von Geräusch, sondern wirklich die Stille in allem wahrzunehmen. Und das ist für mich schon der erste Schritt hin zum Lauschen.

Autor
In diese Stille hinein lauscht der Musiker, wenn er sich in Fischerhude bei Bremen zum Komponieren zurückzieht. In einem ehemaligen Schweinestall setzt er sich an sein Klavier - und da ist nichts als Stille.                                                                  

Helge Burggrabe
Die Musik lebt ganz wesentlich von der Pause. Das merke ich beim Komponieren immer wieder, dass ich darauf achten muss, dass ich nicht nur in den vollen Klang gehe, sondern dass ich auch genügend Zeiten habe, man könnte das auch vergleichen mit dem Atem: Einatmen und Ausatmen, dass das in ner guten Balance ist. Mein Eindruck ist, dass wir so in der Art, wie wir leben, eher immer am Ausatmen sind und selten das Innehalten praktizieren. Für mich kommt Musik aus der Stille und sie verklingt wieder in der Stille. Und deswegen ist das Lauschen eine wunderbare Vorbereitung für alles, was nach außen gehen möchte an Musik, an Lebensgestaltung überhaupt.“        

Autor
Mit der Musik drückt der Komponist seinen christlichen Glauben aus. Dem hat er sich erst als Erwachsener in Europa angenähert - nach seiner Kindheit, die im buddhistischen Myanmar begann. Einschneidend war die Begegnung mit der Kathedrale von Chartres. Sie gilt vielen als steingewordener Glaube. Die einzigartige Architektur hat den Musiker überwältigt. Sie lässt ihn bis heute nicht los. Immer wieder führt er Menschen - in unterschiedlichen Kursen - dorthin, um ihnen das Bauwerk zu erschließen.

Helge Burggrabe
Bei meiner Arbeit in Chartres versuche ich Menschen jetzt dort hineinzuführen in diesen Raum der Kathedrale. Und meine Beobachtung ist, dass wir sozusagen den Kulturbürger ein Stück weit mal abstreifen, sodass wir nicht mehr museal damit umgehen, ein Gebäude, was 800 Jahre alt ist, sondern dass es relevant ist für mich hier und jetzt. Dass es Antworten geben kann auf wesentliche Fragen des Lebens und des Glaubens hier und jetzt, für dich und mich. Und da sehe ich mich so´n bisschen an der Schwelle wie so ´ne Art Geburtshelfer, der da mithelfen kann, dass es zu einem wirklichen Dialog wird, von dem, was da lebendig ist in dieser Kathedrale und dem einzelnen Menschen, der dorthin reist.                                                        

Autor
Der Schlüssel für den Dialog ist für den Komponisten die Musik. Ohne sie könnte er selbst nicht glauben. Es ist die Musik, die den Raum lebendig werden lässt und dazu führt, dass sich etwas ereignet, dass Begegnung möglich wird. 

Helge Burggrabe
Für mich ist die Musik der unmittelbarste Zugang zu diesem Nicht-Nennbaren. Wenn man sich so fragt, woher kommt eigentlich überhaupt Musik, dann stellt man ja fest: Das kann man gar nicht greifen, es kommt aus einem anderen Raum. Und wenn ich jetzt mich schule, indem ich ein Instrument lerne oder gerne singe, dann kann das Nicht-Nennbare sich über die Musik offenbaren. Es braucht sozusagen immer Instrumente. Ganz konkrete Instrumente wie ´ne Geige oder Flöte, oder mich als Menschen, wenn ich singe. Und wenn ich jetzt die Musik schule, dann kann ich mich rückbinden und verbinden mit diesem Nicht-Nennbaren. Und deswegen ist für mich die Musik die zentrale Brücke zum Geistigen.

Musik: CD “Hagios“, Track 14 “Wechselnde Pfade”

Autor
Sich zurückbinden, nichts anderes bedeutet ´re-ligio´. Durch das Musizieren können Menschen sich aufmachen zu Gott, sie können sich ihm aber auch zur Verfügung stellen als Instrument, so der Komponist.                                                                                                     

Helge Burggrabe
Instrument-Sein bedeutet ja, es braucht einen Anderen, der oder die darauf spielt. Und insofern ist das für mich ein wunderbares Bild für den Glauben. Dass ich mich als Mensch, als Instrument, zur Verfügung stelle, damit etwas Größeres, also Gott auf mir spielen kann, im Sinne von Franz von Assisi: ´Mach mich zu einem Instrument deines Friedens, Herr´.

Musik: CD “Hagios“, Track 11 “Bei Gott bin ich geborgen”

Helge Burggrabe
Mich faszinieren Räume, ich bin da immer sehr neugierig: Wie ist ein Raum gebaut, wie reagiert er auf mich, wie reagiere ich auf den Raum? Die Verbindung von Mensch und Raum interessiert mich sehr. Die Verbindung von Mensch und Architektur. Seit es den Menschen gibt, baut er Räume. Er baut ein Stück weit auch immer sich selbst und seinen Bezug zur Umwelt. Manchmal ist der Schutz im Vordergrund, manchmal ist der Ritus im Vordergrund, indem wir z.B. große Gotteshäuser gebaut haben im Christentum. In jedem Fall ist der Raum ein Herausstülpen von dem, was im Menschen selber lebt. Also man könnte sagen: Architektur ist die dritte Haut des Menschen. Nach der Haut, nach der Kleidung ist die Architektur, der Raum, dann die dritte Haut. Es ist auch überhaupt nicht egal, mit was man sich umgibt, denn der Raum wirkt stark auf ganz stark wieder auf den Menschen zurück.

Autor
Mit allen Konsequenzen. So gibt es Räume, die gut tun und Räume, die Menschen unruhig machen, weil ihnen eine Struktur fehlt.            

Helge Burggrabe
Wenn wir uns vorstellen, wir würden Klärung suchen bei einer Frage, die gerade wesentlich ist, dann suchen wir sicherlich einen Ort, der uns in die Ordnung führt. Und z.B. alte Kirchenräume aus der Romanik oder Gotik sind solche Räume, die in sich so eine starke Struktur und Ordnung tragen, dass sie wie gebaute Musik sind, gebaute Ordnung, und dann mich als Menschen wiederum in die Klarheit und Ordnung führen.

Autor
Darum faszinieren diese alten Kirchenräume bis heute. Selbst Menschen, die vom Christentum nichts wissen, werden berührt von den Bauwerken des Glaubens.

Helge Burggrabe
Die gotischen Baumeister damals haben sich so als irdische kleine Vertreter des großen Weltenbaumeisters gesehen. Der Weltenbaumeister, das ist natürlich Gott. Und sie haben geschaut, dass sie seine Gesetzmäßigkeiten, wie er die Schöpfung erschaffen hat im Großen, sozusagen im Kleinen wiederholen. Insofern ist das wie gebauter Rhythmus, gebaute Weisheit, gebaute göttliche Ordnung. Und wenn wir Menschen heutzutage in Resonanz treten mit diesem Bauwerk, dann kann es uns sehr berühren. Resonanz ist ja ein Wort, was rein physikalisch bedeutet, dass zwei Dinge, die gleich gestimmt sind, in Schwingung geraten.

Autor
Wenn es dazu kommt, dann kann der Musiker nicht anders: Er lauscht mit seiner Seele und dann, dann drängt es ihn zu antworten. Manchmal nur mit wenigen Versen eines gesungenen Gebetes, manchmal aber auch mit einer großen Komposition wie etwa dem Oratorium „Lux in tenebris“, das er für den Hildesheimer Dom geschrieben hat. Ein Werk, das im März 2017 erneut aufgeführt wird. In dem Geschichte in Klängen gegenwärtig wird.                                        

Helge Burggrabe
Als Musiker bin ich geschult, ganz im Augenblick anzukommen. Das ist auch etwas, wo ich dann merke, dass es mit der Kontemplation eng verbunden ist. Also, die ganzen Schulungswege der Mystik führen ja eigentlich dahin, dass man ganz im Augenblick ankommt. Und warum? Ja, die Musik verklingt. Sie ist sofort nicht mehr hörbar. Das heißt, sie ruft uns aus der Vergangenheit und der Zukunft zurück in die Gegenwart.

Autor
Eine lauschende Seele ist ganz da. Diese Erfahrung ist für Helge Burggrabe im Prinzip in jedem Kirchenraum möglich. Allerdings ist es nicht immer einfach, weil manche Räume durch ihre Art der Gestaltung eher irritieren als einladen, nur da zu sein und zu lauschen.

Helge Burggrabe
Wenn wir uns vorstellen: Wir gehen jetzt in einen Kirchenraum hinein, dann ist der ja erst mal still. Und dann beginnen wir zu singen.                                                    

Musik: CD “Hagios“, Track 4 „Ebenbild-Hymnuis“

Helge Burggrabe
Dann wird der Raum vollkommen anders erlebbar werden, als wenn ich jetzt einfach nur mit einem Kunstführer an den Kunstgegenständen entlanggehe und dort schaue. Beides hat seine Berechtigung, ich merke nur, dass die Musik und der eigene Gesang mich selbst mit der Körperlichkeit des Kirchenraumes verbindet – auf eine intensive Weise. Und da geschieht unmittelbare Resonanz zwischen dem großen, gebauten Architekturkörper und meinem eigenen Körper.

Autor
Und so kann sich durch die Annäherung mit Musik oder Gesang die Begegnung ereignen, für die die Kirchen gebaut wurden: Die Begegnung mit Gott. Die Musik, die reine Gegenwart ist, wird zur Brücke.                                                                                                       

Helge Burggrabe
Wir haben so wunderbare Kirchenräume. Fast in jedem Ort gibt es einen alten Kirchenraum. Und mein großer Wunsch ist, die intensiv zu beleben. Dass wir Menschen dadurch bereichert werden in unserem Leben, das wir diese Kirchenräume aufschließen. Das kann auf der intellektuellen Ebene passieren, indem wir ins Staunen kommen, wie das gebaut worden ist. Das kann natürlich über den Gottesdienst passieren, über die Riten, die dort stattfinden, es kann aber auch sein, dass wir solche Räume auch noch einmal gezielt gestalten. Also nicht nur Schilder aufstellen ´Stille´ oder einfach ´ne CD einlegen, sondern dass wir aktiv die Chance ergreifen, dass wir diese wunderbaren Räume haben und dass wir merken: Dieser Kirchenraum erzeugt etwas, was ich sonst eben nicht erleben könnte und führt mich hinein in einen wesentlichen Raum.                                                                        

Autor
Die Kathedrale in Chartres hat Helge Burggrabe gelehrt, wie hilfreich es für die Seele ist, wenn Räume harmonisch sind, die Seele sich in ihnen geborgen fühlt.

Helge Burggrabe
Wenn wir so diese alten Kirchenräume uns anschauen, dann sprechen wir oft davon, dass wir sie als harmonisch empfinden. Und warum? Weil sie eben nach Proportionen, also nach Zahlenverhältnissen gebaut sind. Und es rührt daher, dass die Baumeister damals das Verständnis hatten, so wie es in der Bibel steht: Gott hat alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet. Und so wollten sie das im Kleinen, in ihrer Architektur dann wiederholen. Das haben wir über die Jahrhunderte etwas verloren. Heutzutage sind andere Kriterien wichtiger. Und deswegen fand ich es aber spannend, mit Architekten einfach mal zu diskutieren: Könnten wir vielleicht heute doch noch mal die Proportionen hervorkramen?

Autor
Und welche Proportionen wären das für heute? Wie würde er aussehen, der  harmonische Raum unserer Zeit - etwa in Fischerhude? Nach vielen Gesprächen mit dem Kölner Architekten Peter Busmann gibt es inzwischen einen Entwurf, in dem die Zahl fünf im Mittelpunkt steht.

Helge Burggrabe
Es verbindet sich da die erste weibliche Zahl zwei mit der ersten männlichen Zahl drei. Zwei plus drei, das weibliche und das männliche Prinzip, die Summe davon ist der Mensch an sich. Und meine Idee ist jetzt, einfach mal so ein fünfeckiges Gebäude zu entwickeln. Und wer weiß, vielleicht bauen wir das ja mal. Und da bin ich sehr gespannt, wie die Resonanz von uns Menschen ist, wenn wir da hineintreten, wenn wir da drin musizieren, eine Andacht feiern. Es soll eigentlich ein Haus der Stille sein, wo eben dann auch Kontemplation und Musik sein darf.                      

Musik: CD “Hagios“, Track 7 „Via cordis“


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Dieser Beitrag wurde am 20.11.2016 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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