Morgenandacht, 01.10.2016

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Dankbarkeit

Stellen Sie sich vor: zehn Menschen gehen zu einem Arzt und werden von einer schweren Krankheit geheilt. Aber nur einer kommt nochmal zurück, um sich bei dem Arzt zu bedanken. Genauso ergeht es Jesus, als er zehn Aussätzige heilt. Einer von ihnen kehrt um, als er sieht, dass er geheilt ist; und er lobt Gott mit lauter Stimme. Er wirft sich vor Jesus auf den Boden und dankt ihm. Da sagt Jesus: „Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Und er sagt zu dem Mann: „Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ Diese Heilung ist etwas wirklich Spektakuläres, etwas, was das gesamte Leben von Grund auf ändert. Denn Aussätzige mussten damals außerhalb ihres Dorfes leben. Keiner wollte sich anstecken und irgendwie dachte man sich eine solche Erkrankung auch als Strafe Gottes. Und dann wendet sich das Schicksal schlagartig: was keiner zu träumen gewagt hatte, geschieht: die Pusteln und Ekzeme auf der Haut sind plötzlich verschwunden. Keiner muss mehr einen Warnruf ausstoßen, wenn jemand näher kommt. Jeder kann wieder in seine Dorfgemeinschaft zurück. Aber warum kehren 90 Prozent der Geheilten nicht zurück, um sich zu bedanken?

Der Undankbare schaut vielleicht nicht gerne zurück zur Quelle seiner Heilung. Er ist schon wieder mit seinen Alltagssorgen beschäftigt und hat schnell vergessen, was vorher war. Zu schnell. Als der geheilte Mann zu Jesus zurückkehrt, um sich zu bedanken, sagt Jesus noch einen bemerkenswerten Satz: „Steh auf und geh. Dein Glaube hat dir geholfen.“

Jesus fordert also keine Dankbarkeit ein. Aber das dankbare Zurückschauen gehört zur Heilung mit dazu. Wer nicht sieht, was ihm geschenkt wird, ist nicht wirklich geheilt.

Ein chinesisches Sprichwort sagt es so: „Wenn du aus dem Bach trinkst, denk an die Quelle.“ Welche Bedeutung Dankbarkeit für das seelische Wohlbefinden hat, wollte der amerikanische Psychologe Robert Emmons herausfinden. Er ließ in einer Studie Menschen über mehrere Wochen Tagebuch führen. Dabei wurde auch der Gesundheitszustand protokolliert. Danach ließ er sie aus verschiedenen Blickwinkeln auf die vergangene Zeit zurückblicken. Dabei zeigte sich, dass die Personen, die mit einem dankbaren Blick zurückschauen konnten, viel weniger gestresst waren und auch weniger anfällig für Depressionen. Obwohl auch die Menschen mit der dankbaren Sichtweise nervös und ängstlich waren und Probleme hatten mit Geld und Stress im Beruf, hatten sie trotzdem eine größere innere Kraft, um mit diesen Herausforderungen umgehen zu können.

Für sie ist der dankbare Blick eine seelische Ressource, eine Kraftquelle.

Dankbare fühlen sich insgesamt wohler und glücklicher und ersparen sich viel Ärger. Sie müssen sich nicht ständig mit anderen vergleichen und haben mehr Kraft für ihre eigenen Ziele. Menschen, denen ein dankbarer Blick zurück schwer fällt, sehen meist, was ihnen nicht gelingt und was sie nicht haben. Sie fühlen sich vom Leben betrogen und fallen schnell in ein Stimmungsloch.

Psychologen sprechen dann von einer „Verbitterungsstörung“. Die Betroffenen klammern sich ängstlich an ihre Besitzstände und klagen, wie schlecht sie doch behandelt werden.

Aber der Blick auf eine größere Kraft, auf die „Quelle des Lebens“, zeigt mir, dass ich viele Gründe habe, dankbar zu sein. Wenn in diesen Tagen immer wieder für die Ernte des Jahres gedankt wird, dann geht es nicht darum, dem lieben Gott ein beiläufiges: ach-übrigens-Danke zu sagen. Es geht um eine tiefe innere Grundhaltung: dass ich anerkenne, dass ich nichts aus mir selbst habe. Dass ich innerlich ruhig und heil werde, weil ich auf Gottes größere Kraft vertraue. Und dass ich wie der Geheilte im Evangelium Gott mit lauter Stimme danken darf, dass ich im Fluss des Lebens immer wieder die Quelle spüre.


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Dieser Beitrag wurde am 01.10.2016 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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