Morgenandacht, 30.09.2016

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Die Kunst des Loslassens

Für viele Eltern hat sich in den letzten Wochen etwas grundlegend verändert: die Kinder sind weg. Die einen im Kindergarten, andere in der Schule, im Studium oder aus dem Elternhaus ausgezogen. Das lässt sich nicht ändern, aber Psychologen weisen immer wieder darauf hin, dass wir Dinge viel zu schnell abschließen müssen. Das führt dann zu Verlustdepressionen, Umzugsdepressionen und Entwurzelungsdepressionen. Das klingt alles schrecklich krankhaft, aber hinter diesen Ausdrücken steht die ganz einfache Erfahrung: wenn etwas zu Ende geht und ich kann es nicht betrauern, dann kann ich nicht wirklich loslassen. Wenn ich nicht loslassen kann, bleibt etwas in meiner Seele zurück, das mich auf Dauer belastet oder krank macht. Dann fehlt mir die Kraft, die ich für neue Aufgaben bräuchte. Und wenn mir Kraft fehlt, dann werde ich unsicher und bekomme Angst. Ich suche nach etwas, an dem ich mich festhalten kann. Und wenn ich nichts finde, bekomme ich das Gefühl unterzugehen.

In der Bibel findet sich dazu eine Szenerie: Die Jünger Jesu sind auf einem Boot unterwegs. In der Dunkelheit kommt ihnen Jesus auf dem Wasser entgegen und sagt: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwidert ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagt: „Komm!“ Da steigt Petrus aus dem Boot und geht über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sieht, wie heftig der Wind ist, bekommt er Angst und beginnt unterzugehen. Er schreit: „Herr, rette mich!“ Jesus streckt sofort die Hand aus, ergreift ihn und sagt zu ihm: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Dass es in dieser Erzählung ums Loslassen geht, spürt man schon in den ersten Sätzen. Die Jünger haben viel erlebt mit Jesus, ein Wunder nach dem anderen. Sie würden das, was sie mit Jesus erleben, gerne festhalten, aber es wird nicht mehr lange dauern, dann wird Jesus ihnen klar sagen, dass man ihn umbringen wird. Und Petrus wird protestieren, nein das darf nicht geschehen. Wir werden dich nicht loslassen.Die Szene spielt auf dem Wasser und bringt in diesem Bild die tiefe Angst zum Vorschein, dass wir untergehen können. Das Vergangene betrauern, loslassen, was nicht zu halten ist, und ins Neue springen, ohne Absicherung: das sind die drei inneren Bewegungen, die wir bei allen Übergängen des Lebens machen müssen. Es kann im äußeren Leben nichts weitergehen und gut werden, wenn wir diese inneren Bewegungen nicht machen.

Diese Szenerie zeigt also in einer dramatischen Begebenheit: wenn etwas zu Ende geht und ich kann es nicht betrauern, dann kann ich nicht wirklich loslassen. Wenn ich nicht loslassen kann, bleibt etwas in meiner Seele zurück, das mich auf Dauer belastet oder krank macht. Dann fehlt mir die Kraft, die ich für neue Aufgaben bräuchte. Und wenn mir Kraft fehlt, dann werde ich unsicher und bekomme Angst. Petrus verhält sich mit seinem Sprung ins Wasser zunächst wie ein spontaner Jugendlicher, und muss plötzlich feststellen, dass er ein ängstlicher Erwachsener ist. Und so können wir in dem, was zwischen Petrus und Jesus geschieht, etwas über uns selbst lernen. Manchmal bricht eine Panik aus, wenn sich etwas ändert und wir meinen, wir könnten unser Leben nicht meistern. Jesus sagt mir dann: hab Vertrauen, fürchte dich nicht, denn du kannst dich nicht an dein Boot festklammern. Komm, trau dich, spring! Aber du darfst dich nicht ablenken lassen. Nicht von dem, was die anderen sagen und denken, nicht von der vergangenen Dingen und nicht von den Stimmen in dir, die dich verunsichern wollen. Behalte dein Ziel fest im Auge. Aber dann sehe ich die Wellen, die Gischt, den Sturm um mich herum. Und jetzt gibt es nichts mehr, woran ich mich festhalten kann. Ich merke wie ich untergehe. Ich hätte es wissen müssen, ich bin doch erwachsen, ich kenne doch das Leben, ich weiß doch, was alles schief gehen kann.

Und dann kommt die Frage Jesu: warum zweifelst du, warum fällst du auseinander in zwei Menschen, in einen, der sich traut, und in einen, der wieder zurückschreckt? Suche in dir, ob es irgendwo in deinem Herzen ein klein wenig Glaube und Vertrauen gibt, denn nur, wenn du vertrauen kannst, kannst du wirklich loslassen. Und dann stelle ich mir vor, wie Jesus mir die Hand entgegenstreckt wie Petrus und sagt: „Spring!“


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Dieser Beitrag wurde am 30.09.2016 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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