Morgenandacht, 29.09.2016

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Kopfbewohner

Wenn es jetzt Herbst wird, so ist das für viele Menschen eine Herausforderung: Die Tage werden kürzer und das Licht fehlt. Wir können zwar gegen die Dunkelheit unsere Schweinwerfer einsetzen und wenn´s kalt ist, drehen wir die Heizung höher. Trotzdem bleibt der Winter auch für uns moderne Menschen nicht ohne Folgen. In allen Zeitungen und Magazinen findet man Berichte über die Strategien gegen Herbst- und Winterdepressionen. Irgendetwas passiert da in unserem Seelenleben, was uns im Griff hat und uns steuert, so dass wir uns hilflos fühlen. Es scheint eine Grunderfahrung des Menschen zu sein, dass irgendetwas in mir herumgeistern kann, was mir Kraft wegnimmt. Und im Winter spürt man das vielleicht besonders deutlich. Man muss dann genauer hinzuschauen: Was macht mich denn so kraftlos? Warum fühle ich mich Kräften ausgeliefert, die mich fremd steuern? Oder mache ich mich vielleicht selber verrückt?!

In den biblischen Erzählungen findet man einige Geschichten über Menschen, die von fremden Kräften und Dämonen besessen sind. Friedolin Stier übersetzt das Wort Dämon mit „Abergeister“. „Aber“, so wie es in „Aberglaube“ oder „Aberwitz“ noch verwendet wird, heißt hier: verkehrt. Also irgendein verkehrter Geist in mir will immer etwas anderes oder das Gegenteil von dem, was ich eigentlich will. Ich merke das, wenn ich mich einmal ausspannen und erholen müsste. Dann sagt eine Stimme in mir: „Aber, das kannst du doch nicht tun. Was sagen da die Nachbarn, wenn du hier faul herumhängst. Denk dran: deine Eltern haben immer gesagt: Das Leben besteht nun mal aus Arbeit, ruhen kannst du mal im Grab.“ So bin ich immer wieder hin und her gerissen zwischen verschiedenen Anteilen und Stimmen in mir.

Auf einem antiken Friedhof haben Archäologen Schädel gefunden, in denen sich ein kleines, kreisförmiges Loch befindet. Durch Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass diese Löcher in den Köpfen bereits zu Lebzeiten der Menschen vorhanden waren. Für medizinische Zwecke wäre das Loch zu klein gewesen, deshalb gehen Forscher davon aus, dass man damit Dämonen die Möglichkeiten geben wollte, den Körper eines kranken Menschen zu verlassen. Heute lächeln wir vielleicht über solche naiven Vorstellungen. Wir benutzen da eher komplizierte psychologische Theorien und Modelle. Aber, wie immer wir es deuten und erklären, ich erlebe es einfach so, dass ich mich oft innerlich nicht frei fühle. Ich schwanke hin und her und merke, dass ich mich selbst oft unter Druck setze. Und in mir eine große Unruhe ist. Heute nennen wir solche inneren Stimmen „Kopfbewohner“.

Das ist für mich ein gutes Bild. Ich stelle mir vor, wer denn da alles in meinem Kopf sitzt, fast so wie in einem inneren Stammtisch. Da sitzen meine Eltern und Lehrer mit ihren Ratschlägen, da sitzen die Vorgesetzten, denen ich es recht machen will. Da sitzen Menschen aus meinem Umfeld, vor denen ich gut dastehen will.

Da sitzt ein Antreiber, der sagt: streng dich an. Oder der „Abwerter“, der sagt: nimm dich nicht so wichtig. Oder der Angstmacher, der sagt: Vorsicht, verlass dich nicht auf andere, vertrau keinem. Lauter „Abergeister“ bevölkern meinen Kopf. Und die können mich manchmal ganz schön verrückt machen. Da kann ich mir gut vorstellen, wie es dem Mann in der Bibel ergangen ist, der von einem unreinen Geist besessen war.

Mit einem kurzen Befehl bringt Jesus die Stimmen in dem Mann zum Verstummen. Der Evangelist Markus stellt diese Szene an den Anfang seiner Berichte über Jesus. Wie in einer Ouvertüre will er darstellen, was mit Menschen geschieht, die Jesus begegnen: wenn sie auf seine Stimme hören, werden sie von den Stimmen befreit, die sie einengen und gefangen halten. Psychologisch würden wir heute sagen: dies ist der Weg aus der Fremdbestimmung in die Selbstbestimmung. Da steckt auch das Wort Stimme drin. Wenn ich auf die Stimme Gottes höre, der mir sagt: sei ganz ruhig, du bist von mir geliebt, es kann dir nichts geschehen, dann kommen die vielen Stimmen in mir zur Ruhe. Dann wird es ruhig in meinem Kopf und ich kann der Stimme meines Herzens folgen.


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Dieser Beitrag wurde am 29.09.2016 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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