Morgenandacht, 28.09.2016

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Schlaglöcher

Den ganzen Sommer über haben Baufirmen an unseren Straßen und Brücken gearbeitet, um die wichtigsten Schäden zu reparieren. Aber es bleibt noch viel zu tun. Viel Geld muss dazu investiert werden. Denn Straßenbauexperten warnen vor den Folgen einer kurzsichtigen Sparpolitik: Wer in diesem Jahr nicht ordentlich repariert, zahlt im kommenden Jahr das Vielfache. Das heißt, die Kosten potenzieren sich.

Ich finde, daraus können wir viel lernen. Denn diese Warnung gilt nun nicht nur für den Straßenbau, sondern auch für unser eigenes Leben. Schlaglöcher finden sich häufig auch in unseren Herzen und Seelen. Im Alltag reden wir darüber nicht gerne. Es fällt uns schwer zu sagen: ja, ich bin beschädigt, ich habe so viele größere und kleinere Löcher in mir. Und ich leide an mir, weil ich mich mit diesen Seelenlöchern selbst nicht leiden kann. Und eigentlich möchte ich da gar nicht hin sehen, möchte einfach alles schnell zudecken oder notdürftig reparieren.

Bis ich die Zweifel in mir durch eine neue Sicht dauerhaft überwinden kann, brauche ich eine Art Perspektivenwechsel. Neue Augen, die etwas sehen, was ich bisher noch nicht einmal zu träumen gewagt habe. Das wusste auch der Seher der Geheimen Offenbarung, dem letzten Buch des Neuen Testaments.

Schon in den ersten Jahrhunderten hatten die Christen viel zu leiden, weil sie verfolgt wurden. Auch sie mussten mit ihren Zweifeln kämpfen. Und sie mussten immer wieder ermutigt werden. Eine solche Ermutigung stellen die Visionen der Johannesoffenbarung dar. Heilende Hoffnungsbilder kann man das nennen, was Johannes in seiner Schau den Menschen zugänglich machen will, wenn er sagt:

Seht das Zelt Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte zelten, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, kein Geschrei. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende.“ (Offb 21,1-6)

Nun klingt das für unsere Ohren vielleicht nicht so verständlich. Vielleicht muss man das übersetzen, was der Visionär Johannes beschreibt: Johannes entwickelt diese Vision inmitten einer kleinen christlichen Gemeinde, die rundum Verfolgungen ausgesetzt und arm ist. Krankheit und Tod sind die täglichen Begleiter, Angst und Not und Trauer beherrschten die Menschen. In dieser Situation spricht Johannes von dem neuen Jerusalem, in dem Gott vom Himmel herab kommt. Er nennt es bescheiden das Zelt Gottes bei den Menschen, denn die Menschen, zu denen er spricht, leben nur in einfachen Verhältnissen. Wer Gott sehen und spüren will, sagt Johannes, der muss nicht nach oben schauen, denn Gott kommt runter. Der Himmel kommt herunter und die alte Trennung oben und unten, Himmel und Erde, Paradies und Hölle wird aufgehoben.

Gott zeltet mitten unter den Menschen und wischt ihnen die Tränen ab.

Und weil er da ist, muss ich mich nicht mehr allein, schuldig und ohnmächtig fühlen. Denn er verwandelt mich, seine Nähe macht mich neu. Ich muss nicht mehr auf mein Leben blicken, als wäre es eine endlose Straße mit großen Löchern. Sondern es ist ein Weg von einem Anfang zu einem Ende. Und am Anfang steht Gott und am Ende auch. Er steht neben mir und sieht sich mit mir meine Schicksalsschläge an, und dann kann ich sagen: ja, das ist mein Leben.

Und jedes Schlagloch auf meinem Lebensweg hat eine Geschichte, und Gott kennt jede dieser Geschichten, besser als ich selber. Und deshalb kann mein Klagen und Schreien auch zu Ende sein. Denn die Schlaglöcher meines Lebens machen mich nicht zu einem schlechten Menschen. Mit den Augen Gottes sieht das alles ganz anders aus. Und das, was ich früher von mir und meinem Leben gedacht hab, verwandelt sich in eine neue Sicht. Weil er an meiner Seite steht. Und so kann die Vision des Johannes für mich heißen: versteck dich nicht vor dem Gott über dir, sondern suche den Gott neben dir. Schau nicht ängstlich nach oben, sondern vertrauensvoll zur Seite. Da steht der, der alle Tränen abwischt und alle Schäden in mir mit seiner Liebe heilt.


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Dieser Beitrag wurde am 28.09.2016 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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