Morgenandacht, 27.09.2016

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Gott sieht auf das Herz

„Ich könnte ihn umbringen“, schreit die große Schwester am Küchentisch. Sie ärgert sich, weil der jüngere Bruder sich schon wieder erfolgreich vor der Hausarbeit gedrückt hat. Sie ist wütend und lässt ihrem Ärger freien Lauf. Der Bruder beklagt sich über die zickige Schwester und sucht Hilfe bei der Mutter. Ein paar Minuten später kann sich so ein emotionales Gewitter schon wieder verzogen haben. Was in der Familie geschieht, ist oft mit starken Gefühlen verbunden. Deshalb sind wir auch so stark von diesen Erfahrungen geprägt. Da gibt es schöne Erinnerungen an Familienfeste und Kinderabenteuer und das Gefühl, im Kreis der Familie geborgen gewesen zu sein.

Aber es gibt auch das Andere: die Rivalitäten zwischen den Geschwistern, die Kämpfe um das Wohlwollen der Eltern und die vielen alltäglichen Verletzungen, die Eltern den Kindern zufügen, einfach weil sie oft keine Kraft mehr haben. In dem ganzen Gefüge einer Familie kann keiner immer so sein, wie er sein möchte. Jeder wird durch die Reaktionen der anderen auch verfremdet und verbogen. Und später, wenn man dann erwachsen ist, zwingt das Leben vielleicht dazu, nochmals zurück zu schauen. Wenn ich etwa in einer Lebenskrise stecke und mich frage: Wer bin ich eigentlich? Wie bin ich so geworden, wie ich heute bin? Dann fallen mir dann die „alten Geschichten“ wieder ein. Und dann tauchen auch die Stimmen der Eltern wieder auf, die mir gesagt haben: „Streng dich an!“. „Sei ein braves Kind!“. „Mach uns keinen Ärger!“.

Und manchmal ist es wie ein Fluch: ich möchte gerne ich selber sein und frei entscheiden über mein Leben, aber die alten Botschaften der Familie funken mir dazwischen und bremsen mich aus. Worauf soll ich hören? Wer zeigt mir, wer ich wirklich bin und wie kann ich all die seelischen Lasten abwerfen, die ich von der Familie mitbekommen habe?

In einer kleinen biblischen Szene steckt hier eine wichtige und heilsame Antwort. Gott schickt den Propheten Samuel aus, um einen neuen König zu suchen und zu salben. Man hätte erwarten können, dass Gott unter den Söhnen Isais einen heraus sucht, der kräftig und stark ist und mit sicherer Autorität auftritt. Nur so einer kann doch König werden. Und so hatte es sich wohl auch die ganze Familie gedacht. Aber Gott wählt anders: er nimmt den, der in den Augen der Familie nicht viel zu bieten hat, David. Obwohl der eigentlich gar nicht in Frage kommt. David sieht zwar gut aus, aber er ist zu jung, zu schwach, zu unerfahren, deshalb wird er nicht einmal herbeigerufen, als der Prophet Samuel erscheint.

Gott sieht aber nicht auf das Äußere, er sieht auf das Herz, heißt es. Das ist der zentrale Satz in dieser Szene. Es ist eine erstaunliche Aussage. Wir unterstellen Gott ja gerne, dass er uns Menschen nach unserem Verhalten und unserem Auftreten beurteilt. Aber Gott schaut tiefer in uns hinein, er sieht bis auf den Grund meiner Seele und meines Herzens, er sieht den Kern in mir, also das, was er in Liebe in mir angelegt hat. Und ich glaube, Gott will, dass ich aus diesem Kern heraus lebe.

Auch in der Berufs- und Arbeitswelt wird es zunehmend schwieriger, den Kollegen oder Mitarbeiter nicht nur als Konkurrenten, sondern als Menschen zu betrachten, der genauso wie ich, in seinem Kern ein liebenswerter Mensch ist, der Anerkennung sucht und braucht, so wie ich auch. So kann man gelegentlich eine kleine Übung machen und einmal an die Menschen denken, mit denen man zusammenlebt und arbeitet. Besonders diejenigen, mit denen man sich schwer tut. Wenn ich überprüfe, was mich an diesem oder jenem Menschen besonders stört, dann kann ich versuchen, ihn einmal mit der Brille Gottes zu betrachten: ich versuche mir vorzustellen, dass dieser Mensch nicht nur aus Fehlern und unangenehmen Seiten besteht, sondern in seinem Kern eigentlich ein wunderschöner Gedanke Gottes ist. Gott sieht auf das Herz. Mit diesem Wissen kann ich Vieles überwinden, was mich aus meiner Vergangenheit belastet und meine Zukunft leben aus der Kraft, die von Gott kommt.


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Dieser Beitrag wurde am 27.09.2016 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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