Am Sonntagmorgen, 25.09.2016 

von Johannes Schießl aus München

Über das Glück

Autor
Glück hat Konjunktur – und zwar weltweit. So soll es im asiatischen Staate Bhutan neben dem allbekannten Bruttosozialprodukt auch ein Bruttonationalglück geben – eine nur auf den ersten Blick kuriose Idee. Und die UNO hat 2012 erstmals einen Weltglücksbericht veröffentlicht, wobei schon die Frage bleibt, wie man Glück eigentlich messen kann.

Wer hierzulande durch die Ratgeber-Ecken deutscher Buchhandlungen stöbert, wird geradezu erschlagen von Glücksbüchern. Der Philosoph Wilhelm Schmid nennt dieses Phänomen „Glückshysterie“, nicht ohne selbst ein paar Titel zum Thema beigesteuert
zu haben – allerdings mit deutlich mehr Tiefgang als die oft recht schnell zusammen geschusterten Bändchen mit den verheißungsvollen Fotos von Sonnenuntergängen oder blühenden Blumen auf dem Umschlag.

Trotz dieses Booms an Glücksbüchern und an Seminaren und Coachings zu diesem Thema wirken die Deutschen nicht besonders glücklich. – Man muss nur einmal mit der
S-Bahn in die Stadt oder mit dem Zug übers Land fahren und sich ein wenig umschauen. Obwohl es doch so ist, dass wir allen Grund dazu hätten, glücklich zu sein. Denn seit gut 70 Jahren herrschen Frieden und Demokratie im Land, die meisten Menschen haben ein zumindest ganz ordentliches Auskommen und können in Freiheit leben, denken und reden. Und doch kommt immer wieder eine Einstellung durch, die früher als Inschrift auf preußischen Gymnasien stand: „Du bist nicht auf Erden, um glücklich zu sein, sondern deine Pflicht zu tun!“

Das hat die Antike noch ganz anders gesehen, der römische Philosoph Seneca etwa formuliert schlicht und scheinbar unmissverständlich: „Alle wünschen sich ein glückliches Leben.“ Nur scheinbar unmissverständlich ist dieser Satz, weil er offen lässt, worin das Glück des Menschen denn liegt. Da gibt es viele Möglichkeiten: Liegt das Glück nun in Reichtum oder in Macht? Liegt es in Genuss oder in Askese? In der Wissenschaft oder der Kunst? In Freundschaft oder Liebe? Oder schließlich in sittlichem Handeln, zuletzt sogar in Gott?

In der deutschen Sprache ist dabei noch eine Besonderheit zu beobachten: Anders als etwa im Englischen, das zwischen „luck“ und „happiness“ unterscheidet, also zwischen „Glück haben“ und „glücklich sein“, kennt unsere Sprache für beides nur ein Wort. „Glück“ hat also ein Doppelgesicht zwischen Augenblick und Existenz, zwischen dem glücklichen Zufall und dem glücklichen Leben. Diese Doppelgesichtigkeit könnte freilich auch ein Glücksfall sein.

Was lässt sich nun aber sagen über „jene stets so empfindliche Pflanze, die wir Glück nennen“, um eine Formulierung des französischen Schriftstellers Stendhal aufzugreifen. Wie so oft weitet es den Blick, bei den Philosophen nachzufragen. Das bringt zwar keine schnellen und billigen Ratgeber-Antworten, aber es kann Horizonte in unserem Kopf eröffnen, die vorher nicht sichtbar waren.

Einen ganz eigenen Ansatz wählte die Schweizer Philosophin Annemarie Pieper im letzten Herbst bei den „Philosophischen Tagen“ der Katholischen Akademie Bayern, die sich mit dem Thema Glück befasst haben. Die Basler Professorin ging nämlich von der Frage aus, wo das Glück zu Hause ist, und begann dabei – ein zunächst erstaunlicher Ansatzpunkt – mit dem menschlichen Körper:

Sprecherin
„Bei der körperlichen Verortung des Glücks fange ich mit dem Kopf an. Heureka – Ich hab’s gefunden – soll Archimedes gejubelt haben, als er bei einer Untersuchung des Goldgehalts einer Krone das Gesetz des spezifischen Gewichts entdeckte. Anschließend habe er sich in übermütiger Freude seiner Kleider entledigt und sei splitternackt nach Hause gelaufen. Das durch den Ausruf Heureka mitgeteilte Finder- oder Erfinderglück
wird im Kopf erzeugt … Das intellektuelle Glück, das sich einstellt, wenn das Gesuchte gefunden ist, erstreckt sich vom Kopf aus auf den ganzen Körper, was bei Archimedes seinen Ausdruck in dessen Nacktheit findet.“

Autor
Schon hier wird die Pointe des Ansatzes von Annemarie Pieper erkennbar. So klar wie in der Theorie sind die Körperorte in der Praxis nämlich nicht voneinander getrennt. Je mehr Körperorte zusammenspielen, desto vollkommener wird das Glücksempfinden, meint die Philosophin. Doch der Reihe nach, noch fehlen uns drei Glücksorte:

Sprecherin
„Der zweite Körperort des Glücks ist das Herz. Hier sind die Gefühle zu Hause, besonders díe Glücksgefühle, die sich vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen einstellen. Das höchste dieser Gefühle findet seinen Ausdruck im ‚Ich liebe dich’ und erfährt noch eine Steigerung, wenn das Gegenüber die Liebe erwidert. Das emotionale Glück findet sich aber noch in einer Reihe anderer Beziehungsmuster, die das Sprichwort bestätigen: Geteiltes Glück ist doppeltes Glück. Wer anderen in einer Notlage uneigennützig hilft, Solidarität mit gefährdeten Mitmenschen bekundet, macht damit nicht nur die Betroffenen glücklich, sondern auch sich selbst.“

Autor
Beim Glück geht es also nie nur ums eigene Ich – ein weit verbreitetes Missverständnis. Ob nun in der Freundschaft, in der Liebe oder auch in der Solidarität mit Schwächeren stellt sich das Glück des Herzens ein. Doch Annemarie Pieper geht es nicht nur um die höheren Sphären des Kopfes und des Herzens:

Sprecherin
„Kommen wir zum dritten Körperort des Glücks: zum Bauch. Hier haben wir es mit dem affektiven Glück zu tun, das sich in einem simplen ‚Mir schmeckt’s’ äußern kann und als Auswuchs im Gegröle der besoffenen Studenten zu Tage tritt, die in Auerbachs Keller brüllen: „Mir ist ganz kannibalisch wohl als wie fünfhundert Säuen.“ Während Faust zu Beginn des Dramas sein Unglück beklagt, dass er trotz lebenslanger Bemühungen nicht herausgefunden hat, was die Welt im Innersten zusammenhält, dass ihm also das heiß erstrebte intellektuelle Glück, das Heureka, versagt blieb, mühen sich die Studenten gar nicht mehr erst ab mit den Wissenschaften, sondern suchen ihr Glück im hemmungslosen Ausleben alkoholischer Genüsse.“

Autor
Aber beim Glücksort Bauch geht es nicht nur ums Saufen und Fressen. Wenn der Bauch die Appelle des Kopfes zum Maßhalten berücksichtigt, wandeln sich die Auswüchse in Genuss. Und da auch die Sexualität zum Bauch gehört, steigert in diesem Fall die Verbindung zum Herzen als Ort der Emotionen das Glück.

So viel lässt sich nun schon sagen: Verabsolutierungen eines Körperorts führen nicht zum Glück, sondern vielmehr zu Unglück: Der Kopf kann Herz und Bauch arg terrorisieren, das Herz kann ohne Kopf ziemlich irrational werden, und ein absolut gesetzter Bauch endet im Konsumrausch. Doch noch fehlt ein Körperort in der Systematik von Annemarie Pieper, nämlich die Hand:

Sprecherin
„Wenn wir von einer glücklichen Hand sprechen, meinen wir mehr als nur eine gewisse Fingerfertigkeit oder handwerkliche Geschicklichkeit. Das manuelle Glück verdankt sich mindestens ebenso sehr einem künstlerisch-gestalterischen Talent. Wer zum Beispiel einen grünen Daumen besitzt, versteht es, Blumen, Gärten und Parkanlagen nicht nur zum Blühen zu bringen, sondern auch ästhetisch zu arrangieren. Eine glückliche Hand schreibt man weiterhin Menschen zu, die komplizierte Apparate so zusammenbauen können, dass sie optimal funktionieren.“

Autor
So können sich das Glück des Kopfes und das der Hand ideal ergänzen. Setzt man hingegen die Hand absolut, kann das im Extremfall zu purem Machbarkeitswahn führen. Man könnte – in Ergänzung zu Annemarie Pieper – sogar noch einen fünften Glücksort im Körper hinzufügen: den Fuß. Wer gern zum Spazieren oder Bergsteigen geht, der weiß um diesen Glücksort. Und so unphilosophisch, wie es scheint, ist er gar nicht, denn gerade die Philosophen der Antike haben ihre Gedanken gern beim Gehen verfertigt.

Und genau dorthin führt unser nächster Weg, denn   e i n   antiker Philosoph darf beim Nachdenken über das Glück keinesfalls fehlen, und das ist der große Aristoteles. Sein in diesem Zusammenhang wichtigstes und bis heute wirksames Werk ist die so genannte „Nikomachische Ethik“. In dieser Schrift geht Aristoteles vom menschlichen Handeln aus, das für ihn immer auf ein Ziel, auf ein Gut – wie er es nennt – ausgerichtet ist. Und obwohl es oft ganze Ketten einzelner Begründungen für eine Handlung gibt, ist der Philosoph der festen Überzeugung, dass es ein letztes, höchstes Gut geben muss, sonst läuft alles ins Leere.

Dieses letzte, höchste Gut muss so beschaffen sein, dass es immer um seiner selbst willen und nie um eines anderen willen angestrebt wird, sonst wäre es ja nicht das letzte, höchste Gut, sondern wieder nur ein vorletztes. Aristoteles macht das letzte, höchste Gut in der „Eudaimonía“ aus, die deutsche Übersetzung des griechischen Worts changiert zwischen „Glück“ und „Glückseligkeit“. Sie, die „Eudaimonía“ gilt dem Denker als „Endziel allen Handelns“, wie er schreibt. Deswegen hat man die Ethik des Aristoteles insgesamt auch als „Eudämonismus“ bezeichnet – in ihrem Zentrum steht eben das Glück.

Doch worin besteht nun dieses Glück ganz konkret? Da wird es schon schwieriger, weil jeder Mensch seine ganz eigenen Vorstellungen vom Inhalt des Glücks hat. Zu dieser Frage erklärt der Innsbrucker Philosoph Bruno Niederbacher:

Sprecherin
Aristoteles glaubt, dass es eíne richtige Antwort auf die Frage gibt, worin das Glück besteht. Um diese Antwort zu finden, stellt er Überlegungen darüber an, was wir Menschen im Wesentlichen sind. Das Glück, so meint er, muss darin bestehen, dass wir uns als Menschen verwirklichen, das heißt, dass wir jene Fähigkeiten, die spezifisch menschlich sind, zur Entfaltung bringen und gut ausüben … So ist es naheliegend zu fragen: Hat auch der Mensch ein Werk, das ihm als Mensch zukommt? … Aristoteles antwortet mit Ja. Das Werk des Menschen ist der Lebensvollzug dessen, der Vernunft, Überlegung – lógos – hat. Das spezifisch Menschliche besteht in der Vernunftbegabtheit.“

Autor
Nachdem also die Vernunft die höchste Begabung des Menschen ist, liegt in ihrer Anwendung auch das höchste Glück. Das meint zumindest Aristoteles, der damit die Philosophen zu prinzipiell glücklichen Menschen erklärt, was allerdings nicht in jedem Einzelfall zutreffen muss. Und noch ein zweites Missverständnis ist zu vermeiden: Das Glück der Vernunft meint nicht, dass dabei der Lustfaktor außen vor bleiben muss.

Einen ganz anderen Weg wählt mehr als zweitausend Jahre später der große deutsche Philosoph Immanuel Kant. Er bricht nämlich mit dem „Eudämonismus“ des Aristoteles und setzt ihm eine Theorie der Pflicht und der Achtung vor dem Gesetz entgegen – typisch deutsch, möchte man meinen. Man sollte dabei allerdings beachten, dass Kant mit Gesetz kein staatliches, kein irgendwie von außen verordnetes Recht meint, sondern er meint die Gesetze der eigenen Vernunft, die tief in der Seele eines jeden Menschen verwurzelt sind. Diesen Paradigmen-Wechsel Kants vom Glück zur Pflicht erläutert der Erlanger Philosoph Maximilian Forschner so:

Sprecherin
Kant „leitet der Gedanke, dass die Gründe und Normen moralischen Verhaltens und die Gründe und Regeln menschlicher Glücksuche ganz verschiedene Dinge sind. Im moralischen Gesetz meldet sich unsere kategorisch gebietende praktische Vernunft zu Wort; im Glücksverlangen drückt sich unsere bedürftige und verletzbare sinnliche Natur aus. Das moralische Gesetz gebietet unbedingt … Nur als moralisches und rechtliches Wesen wird der Mensch der unvergleichlichen Würde seines freien, vernunftfähigen Personseins gerecht.“

Autor
Die Vernunft ist also nicht in erster Linie dazu da, das Glück des Menschen zu steigern. Dergleichen würde nach Kant bloß zu Enttäuschungen führen. Das Glück dermaßen auszuklammern, ist schon harter Tobak. Und zweierlei ist obendrein sicher: Solch ethischer Rigorismus ist nichts fürs breite Volk, aber in ihm steckt andererseits ein ungeheuer starker Appell zu moralischem Handeln.

Unversehens hat uns der Weg vom Glück zur Pflicht geführt. Doch dabei soll es nicht bleiben. Denn einer Frage ist zum Schluss noch näher zu kommen, nämlich der nach der Dauerhaftigkeit des Glücks. Der Volksmund meint dazu Widersprüchliches: „Glück und Glas, wie leicht bricht das“, heißt es auf der einen Seite, und auf der anderen: „Dem Glücklichen schlägt keine Stunde“. – Sie schlägt ihm aber doch, das gehört unabdingbar zum Menschsein. Das ganze Glück ist in diesem Erdenleben nicht zu haben, es scheint nur manchmal wie aus der Ferne durch. Hören wir dazu noch einmal die Schweizer Philosophin Annemarie Pieper:

Sprecherin
„Wunschlos glücklich zu sein, ist für Menschen als raum-zeitlich existierende Lebewesen nicht erstrebenswert, weil dies einen Stillstand bedeutet; es fehlt der Anreiz, sich weiter zu entwickeln. Ewige Seligkeit ist ebenfalls nicht erstrebenswert; denn auch damit wird ein Dauerzustand assoziiert, den zu verlassen kein Bedürfnis mehr besteht. Wunschloses Glück und ewige Seligkeit können keine Letztziele sein, da sie die Zeit ausblenden. Zwar zehren wir von glücklichen Augenblicken und wollen möglichst viele davon erleben, indem wir in bunter Reihenfolge unsere Glücksorte aktivieren. Doch wir brauchen auch die Zeit dazwischen, um uns zu besinnen und neuen Anlauf auf Ziele zu nehmen, die uns Glück verheißen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 25.09.2016 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche