Morgenandacht, 03.09.2016

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Der Verrohung der Sprache wehren

In den letzten Monaten war ich über Folgendes immer wieder erschrocken: Ich habe gehört beziehungsweise gelesen, welche Kommentare Menschen über sich ergehen lassen müssen, die in kontroversen Fragen eine klare Position in der Öffentlichkeit beziehen.

Kommentare, die eine erschreckende Verrohung der Sprache verraten. Da kommen die niedersten Instinkte zum Ausbruch. Auf diese Weise verspritzen Menschen ihr Gift gegen Andersdenkende.

Kritik ist selbstverständlich nicht nur erlaubt, sondern dringend notwendig. In fairer Auseinandersetzung werden in vielen Fällen die besseren Antworten gefunden, als wenn jemand sich nur auf seine eigenen Erfahrungen verlässt. Denn die großen gesellschaftlichen Fragen lassen sich kaum anders lösen.

Aber die Sprache in den ablehnenden Kommentaren ist erschreckend. Es ist erschütternd, was sich unter dem Deckmantel der Anonymität, mehr und mehr aber auch ganz offen, an Hass und Menschenverachtung entlädt.

So ist zum Beispiel in den digitalen Medien die Hemmschwelle zur Beleidigung sehr niedrig.

Aber nicht nur die Hemmschwelle zur verbalen Gewalt ist niedriger, sondern auch die Hemmschwelle zur tätlichen Gewalt: Die entwürdigende Rede ist der erste Schritt. Damit es nicht zu brutalen Handlungen oder gar zu Gewaltausbrüchen kommt, muss verbal abgerüstet werden. Wenn man sich erst daran gewöhnt hat, mit Verachtung von den anderen zu sprechen, die nicht die eigene Meinung teilen, kann es auch leicht zu brutalen Handlungen kommen. Auf viele beleidigende Worte folgen Taten.

Schrecklich sind die Bilder, auf denen zu sehen war, wie Menschen einem Wehrlosen, der auf dem Boden liegt, ins Gesicht treten. Er wird behandelt wie ein Wurm, den man einfach zertritt. Brutal und würdelos.

Damit es gar nicht erst zu beleidigenden Äußerungen kommt, muss man bereits auf die Gedanken achten. Wenn jemand abschätzig von anderen denkt, wird sich das in seinem Reden auch ausdrücken. Manchmal dann auch in der Tat.

Jesus hat bereits in seiner großen programmatischen Rede, der Bergpredigt, dieses Problem deutlich formuliert. Er greift Worte des Alten Testaments auf, die ungerechte Handlungen verbieten. Und er zeigt dann, dass man nicht erst die Tat verbieten und bestrafen, sondern tiefer ansetzen muss. Er sagt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sagte euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein, und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf! soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.“ (Mt 5,21 f.) Also ist nicht erst die ungerechte Tat verwerflich, sondern schon die verletzende Rede und der ihr zugrundeliegende Gedanke. Jesus setzt bei der Wurzel an. Er fordert in diesem Zusammenhang auch kompromisslos die Versöhnung. „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst“ sagt Jesus, „und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; gehe und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gaben.“ (Mt 5,23 f.)

Wer Gott ehren will mit einer Opfergabe, der soll sich zunächst fragen, ob er mit allen Menschen im Frieden lebt. Wenn das nicht der Fall ist, dann soll er sich zunächst versöhnen, jedenfalls alles tun, was in seiner Macht steht, um Frieden zu stiften. Gott will, dass wir versöhnt sind, wenn wir zu ihm beten.

Die erschreckenden Beleidigungen in sozialen Netzwerken sind für mich ein Alarmzeichen. Die sozialen Netzwerke sollten der Verständigung dienen und nicht der Herabsetzung der Mitmenschen - sie sollten wirklich sozial sein. Aber Menschlichkeit ist nicht ohne weiteres garantiert. Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Sie muss immer wieder neu gesucht werden. Wer sich gegen jede Form von Brutalität auch im Denken und Reden bei sich selbst wehrt, kommt der Bergpredigt einen großen Schritt näher.


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Dieser Beitrag wurde am 03.09.2016 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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