Morgenandacht, 02.09.2016

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Macken können positive Wirkungen haben

Eine kleine Geschichte aus Afrika erzählt: „Ein Wasserverkäufer geht jeden Morgen zum Fluss, füllt seine Krüge und macht sich auf den Weg zur Stadt, um das Wasser seinen Kunden zu bringen. Einer der Krüge hat eine kleine Macke bekommen, einen Sprung, und verliert das Wasser. Der andere ist ganz neu und bringt mehr Geld ein. Der Krug mit der kleinen Macke fühlt sich minderwertig. Eines Morgens vertraut er sich seinem Besitzer an: „Weißt du“, sagte er, „ich bin mir meiner Grenzen bewusst. Du verlierst Geld meinetwegen, weil ich halbleer bin, wenn wir in der Stadt ankommen. Verzeih mir meine Schwäche.“ Am nächsten Tag, auf dem Weg zum Fluss, sagt der Besitzer zum gesprungenen Krug: „Schau am Wegrand, was siehst du dort?“ „Oh, wie schön, er ist voll von kleinen Blumen“, antwortet der Krug. „Das ist dank dir, der du jeden Morgen den Wegrand benetzt. Ich habe ein Paket Blumensamen gekauft und sie entlang des Weges gesät. Und du, ohne es zu wissen und zu wollen, hast ihnen jeden Tag Wasser gegeben.“

Die Macke, wegen der sich der Krug schämt, hat einerseits eine negative Wirkung - der Krug ist am Ende der Strecke halbleer. Und der Wasserverkäufer hat deshalb immer einen Verlust im Vergleich zu dem Krug ohne Macke. Denn mit ihm macht er mehr Gewinn. Andererseits bewirkt der lädierte Krug überraschend Gutes. Sein Besitzer ermöglicht es ihm. Er sieht in der Macke eine Chance und lässt daraus etwas Gutes entstehen. Er kauft Blumensamen, sät ihn aus und siehe da: Die tägliche Bewässerung tut den Blumen gut.

Diese Erzählung kann sowohl die Menschen nachdenklich machen, die sich selbst als Perfektionisten verstehen, als auch die, die unter ihren Grenzen leiden. Es gibt Menschen, die möchten alles perfekt machen. Halbe Sachen können sie nicht leiden. Alles, was sie tun, muss vollkommen sein. Das macht sie sympathisch. Man kann sich hundertprozentig auf sie verlassen. Dabei setzen sie sich selbst unter Druck. Sie möchten nichts abliefern, was in ihren Augen nicht perfekt ist.

Sie machen es sich selbst sehr oft schwer. Sie machen sich Druck und sind unglücklich, wenn etwas nicht restlos gelingt.

Es kann aber leicht sein, dass alle jene, die einerseits von dieser Haltung profitieren, andererseits auch darunter zu leiden haben. Denn von ihnen wird ja eine ebenso perfekte Leistung erwartet.

Aber wir sind nicht perfekt und das kann, wie die Erzählung sagt, manchmal sogar eine positive Wirkung haben. So hat diese Geschichte auch denen etwas zu sagen, die unter ihren Schwächen leiden. Denen immer wieder vieles misslingt, obwohl sie sich anstrengen. Immer wieder machen sie dieselben Fehler, trotz ihrer Bemühungen. Manchmal möchten sie den Mut verlieren - wie der Krug mit der Macke - und sich zurückziehen, weil sie nicht dieselbe Leistung bringen wie andere. Hier kann die Geschichte Mut machen. Sie erinnert sie vielleicht an Situationen, in denen eine Sache gut oder besser als erwartet ausgegangen ist, obwohl sie dabei keine gute Figur gemacht haben.

Ich kenne solche Situationen, in denen mir etwas nicht so gelungen ist, wie ich es wollte. Plötzlich waren dann aber andere da und haben mitgeholfen. Dadurch entstand Gemeinschaft und ein positives Ergebnis. Das war eine positive Wirkung.

Bei allem gilt: Unsere Macken machen uns manchmal sympathisch. So wie uns ein Mitmensch innerlich näher kommt, wenn wir sehen, dass auch ihm nicht alles gelingt. Ich meine damit nicht die Schadenfreude, sondern die entlastende Entdeckung: Ihm geht es manchmal auch so wie mir. Und bei jenen, die immer wieder auch ihre eigenen Grenzen erfahren, hat auch Gott leichteres Spiel. Das ist tröstlich. „Unsere Grenzen sind die Einfallstore Gottes.“ Diesen tröstlichen Satz las ich vor einiger Zeit auf einer Spruchkarte. Jesus hat auch die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, die ihre Grenzen gespürt haben, für seine Botschaft empfänglicher waren. Die haben ihn gesucht, die Fragen hatten. Zum Beispiel der Mann, der ihn nach dem Weg zum Leben fragte. Oder der Schriftgelehrte, der wissen wollte, welches das wichtigste Gebot ist. Jesus suchte Menschen, die unter ihren Unzulänglichkeiten und Krankheiten gelitten haben. Grenzerfahrungen können Menschen öffnen für ein tieferes Nachdenken und auch für die Frage nach Gott.

Gott will, wie der Wasserverkäufer, dass unsere Macken Frucht bringen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 02.09.2016 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche