Morgenandacht, 01.09.2016

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Alle haben Begabungen und Handicaps

Die Olympischen Spiele liegen hinter uns und die Paralympischen Spiele beginnen am 07. September. Ich sehe mir gern die Leichtathletikwettbewerbe an und staune immer wieder, zu welchen Höchstleistungen Menschen fähig sind. Natürlich haben Spitzensportler besondere Begabungen, aber es steckt dahinter auch ein enormes Training. Jeden Tag mehrere Stunden und das über Jahre hinweg. Was dann in manchen Fällen leicht aussieht, ist die Frucht großer und langandauernder Anstrengungen.

Noch mehr aber bewundere ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Paralympics. Sie erzielen trotz Ihrer Handicaps überragende Leistungen. Es ist nicht zu fassen, dass Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen zu derart erstaunlichen Leistungen fähig sind.

Bei Veranstaltungen, an denen Menschen mit und ohne Handicap teilgenommen haben, habe ich oft gehört, dass das bei der Begrüßung auch so erwähnt und gesagt wurde: Hier sind Menschen mit und ohne Behinderung. Damit geht es mir nicht gut. Ich glaube, wir alle haben beides, sowohl Begabungen als auch Behinderungen. Wer physisch nicht sonderlich begabt ist, hat vielleicht besondere geistige Fähigkeiten. Manche haben nicht so große geistige Begabungen, dafür sind sie emotional ansprechbar. Dann gibt es Menschen, die zu den Nichtbehinderten zählen, aber die rücksichtslos oder egoistisch sind. Sie können andere mit ihrem beißenden Spott tief verletzen oder mit ihrer Überheblichkeit demütigen. Könnte man das nicht als soziale Behinderung ansehen? So eine soziale Behinderung ist für andere viel schwerer zu ertragen.

Deshalb wehre ich mich gegen eine von vornherein unwürdige Einteilung in zwei Kategorien: Menschen mit und ohne Handicap: Wir alle sind Menschen mit beidem, nur eben auf unterschiedliche Weise!

Die entscheidende Frage ist nur, was wir aus unseren Begabungen machen beziehungsweise wie wir mit unseren Handicaps und Defiziten umgehen. Und da gibt es große Unterschiede. Ich staune nicht selten, wenn Menschen mir erzählen, was sie aus ihrem Leben gemacht haben, obwohl es äußerlich gesehen von vielen Begrenzungen geprägt war.

Die Reaktion Jesu auf eine seiner Beobachtungen hat mir noch in ganz anderer Form die Augen geöffnet. Jesus hält sich in der Nähe des Tempels auf, dort wo ein Opferkasten steht. Da sieht er, wie die Menschen Geldstücke hineinwerfen - manche viel, andere wenig. Und dann kommt eine Witwe und wirft zwei kleine Münzen hinein. Das nimmt Jesus zum Anlass, seinen Jüngern eine Lehre zu erteilen. Er sagte: „Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss geopfert; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben.“ (Lk 21,3 f.)

Äußerlich ist das, was sie in den Kasten wirft, vielleicht nicht der Rede wert. Aber in den Augen Jesu, die auch die Augen Gottes sind, ist es weit mehr wert als das, was die anderen in den Opferstock werfen. Denn Jesus sieht eben nicht nur das Äußere, sondern er sieht das Innere, das Herz. Wenn die Not groß ist, kommt es sicher auch auf die Größe der Gabe oder generell der Hilfe an. Aber diese Betrachtungsweise ist nicht das Einzige für Jesus, und schon gar nicht das Ausschlaggebende. Jesus kommt es darauf an, was eine Gabe, ob groß oder klein, ausdrückt. Und was sie aussagt über die Geberin und den Geber.

Ich denke, dass manche Menschen, die es in ihrem Leben nicht so weit gebracht haben, die vielleicht sogar immer am Rande der Legalität entlanggeschlittert sind, in den Augen Gottes mehr geleistet haben als manche, die ein geachtetes Leben führen. Erstere setzten viel ein, um ihr Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen, während letztere viel mitbekommen haben an Zuwendung, Unterstützung und Anerkennung, aber vergleichsweise wenig daraus gemacht haben.

Das Entscheidende bleibt den Augen verborgen. Es wird nur dem Herzen offenbar, dem Herzen, das nicht nur das Äußere, sondern auch das Innere sieht.


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Dieser Beitrag wurde am 01.09.2016 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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