Morgenandacht, 31.08.2016

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Der Umgang mit Beleidigungen

„Wer mich beleidigt, bestimme immer noch ich selbst.“ Diesen Satz hat mir vor einigen Wochen eine Frau gesagt, die ihn auch von jemand anderem gehört hatte.

„Wer mich beleidigt, bestimme immer noch ich selbst.“ Beleidigung ist Demütigung. Wer kennt diese Erfahrung nicht? Solche Worte sind wie spitze Pfeile, die im Herzen stecken bleiben. Wenn jemand daran rührt, tut es weh. Dann kommt die Erinnerung hoch: „Das hat er gesagt.“ „Ganz bewusst wollte er mich treffen.“ „Er kannte meine verwundbare Stelle.“ Wir alle haben solche Stellen, solche wunden Punkte. Eigentlich möchte der Mensch unverwundbar sein. Schön wäre es, wenn wir von niemandem seelisch oder körperlich verletzt würden. Der Held Siegfried aus der Nibelungensage badet im Drachenblut, um unverletzlich zu sein. Aber an einer Stelle liegt ein Lindenblatt und dort ist er verletzlich! Ähnlich taucht in einer griechischen Sage die Mutter des Helden Achilles ihren Sohn in den Fluss Styx. Dadurch wird er unverwundbar, abgesehen von der Ferse, an der seine Mutter ihn festhält. Die Ferse ist seine Schwachstelle, seine Achillesferse.

Menschen, die uns gut kennen, wissen um unsere Schwachstellen. Und das können sie, wenn sie möchten, ausnutzen. Es tut weh, wenn jemand an jene innere Wunde rührt, die ein jeder nun einmal hat.

Wir bringen aus unserer Lebensgeschichte bestimmte Botschaften mit: Worte, die wir immer wieder gehört haben und die sich uns einbrannten. Positive Botschaften, wie zum Beispiel: „Du bist ein Schatz“ oder „Wir sind froh, dass wir dich haben“ oder „Das hast du gut gemacht, das war Klasse“. Oder: „Ich trau dir das zu.“ Worte, die Mut machen. Sie steigen in der Erinnerung auf, wenn manches nicht gelingt oder man ganz down ist.

Aber auch negative Botschaften haben wir gehört - von wem auch immer. - Sie haben sich eingegraben und tauchen immer wieder in der Erinnerung auf: „Du kannst nichts. Aus dir wird nichts. Deine Geschwister sind ganz anders. Auf die kann man sich verlassen.“

Solche negativen Botschaften sind wie Melodien, die sich immer wiederholen. Ich denke dabei an die Zeit, als ich noch Schallplatten hörte. Manchmal war die ein oder andere beschädigt und der Tonabnehmer sprang wieder zurück in die alte Rille und kam deshalb über eine bestimmte Tonfolge einfach nicht hinweg. So ähnlich ist es mit den negativen Botschaften.

Einmal habe ich darüber in einer Gesprächsrunde gesprochen. Da sagte eine Teilnehmerin: Ich kenne auch ein solches Wort, nämlich: typisch. Ich war als Kind ein bisschen schusselig. Und wenn mir etwas runterfiel, sagte mein Vater immer: typisch. Mehr nicht. Aber das hat sich mir eingeprägt. Später merkte ich, dass ich es mir selber sagte, wenn mir wieder ein Missgeschick passiert war.

Manche Worte sind verletzend wie Messer und sogar noch verletzender. Die Schriftstellerin Hilde Domin schließt das Gedicht „Unaufhaltsam“ mit folgenden Sätzen: „Besser ein Messer als ein Wort. Ein Messer kann stumpf sein. Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei. Nicht das Wort. Am Ende ist das Wort. Immer am Ende das Wort.“

Ich komme zurück zu dem eingangs zitierten Satz: „Wer mich beleidigt, das bestimme immer noch ich selbst.“ Ich entscheide also letztlich selbst, was ich an mich heranlasse. Ich entscheide, wem ich Gewalt über mich gebe. Ich muss mich nicht dem Urteil eines anderen unterwerfen. - Ich finde, das ist eine gute Haltung. Aber das ist leichter gesagt als getan, sagte mit jemand. Und er hat recht. Das geht mir auch so. Denn die verletzenden Worte treffen mich, ob ich es will oder nicht, und sie sitzen manchmal tief.

Es tut sehr weh, wenn der andere mich an einer Stelle trifft, wo ich besonders empfindlich bin. Manche Kritik kann ich leicht abschütteln, zum Beispiel dann, wenn ich weiß, der andere kannte die Situation nicht so genau; er hat vorschnell geurteilt. Aber wenn er das an mir kritisiert, worunter ich selbst leide, was ich an mir nicht leiden kann, dann trifft mich das besonders.

Aber Beleidigung ist ja etwas Anderes als Kritik. Sie zielt auf Herabsetzung und Demütigung. Und dagegen darf ich mich wehren. Ich muss dem anderen nicht so viel Macht über mich zugestehen. Ich kann die Beleidigung deutlich zurückweisen. Vielleicht merkt das der andere. Ich muss mir nicht jeden Schuh anziehen, den mir jemand vor die Füße wirft. Denn: „Wer mich beleidigt, bestimme immer noch ich selbst.“


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Dieser Beitrag wurde am 31.08.2016 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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