Morgenandacht, 30.08.2016

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Die Sehnsucht, bedingungslos angenommen zu sein

„Du bist nur ein geduldeter Gast.“ Dieses Wort hat ein junges Mädchen immer wieder von seinem Stiefvater gehört. Sie war ein uneheliches Kind und wuchs zunächst bei ihrer Tante auf, zusammen mit ihren Cousinen. Die Zeit bei der Tante war eine gute Zeit, sagt sie im Rückblick. Dann hat ihre Mutter geheiratet und sie zu sich genommen. Aber ihr Stiefvater sagte immer wieder diesen schrecklichen Satz: „Du bist nur ein geduldeter Gast.“ Der Sohn aus der Ehe ihrer Eltern war bevorzugt. Sie galt nichts - oder jedenfalls nicht viel. Du bist nur ein geduldeter Gast, heißt so viel wie: Du gehörst eigentlich nicht dazu. Du bist es nicht wert dazuzugehören. Dieses Wort hat das Leben des Mädchens überschattet und ihr Selbstwertgefühl zerstört.

Und wenn sie später die Erfahrung machte, wieder einmal außen vor gelassen zu werden - jeder von uns kennt solche Erfahrungen -, dann war das für sie besonders hart. Denn dadurch wurde die Erfahrung aus der Kindheit immer wieder wachgerufen und verstärkt. Scheinbar immer wieder bestätigt. Ein endloser Teufelskreis. Sie erzählte mir von dieser Erfahrung, als sie nach einem Burn Out in der Phase der Wiedereingliederung in das Arbeitsleben war.

Der Wunsch dazuzugehören ist ganz tief in uns verankert. Wir möchten irgendwo zu Hause sein und nicht immer nur alleine draußen stehen.

Für viele Gruppen gilt: Jemand muss sich die Zugehörigkeit erst erwerben, indem er zum Beispiel die Ziele der Gruppe unterstützt und mitträgt. Oft ist das die Voraussetzung dafür, dass man aufgenommen wird und anerkannt ist. Und das hat ja auch einen guten Grund. Wer sich einer Gruppe anschließt, der soll sich auch für das, was die Gruppe verbindet, einsetzen.

Andererseits steckt in uns auch der Wunsch, ja, die tiefe Sehnsucht, sich die Zugehörigkeit nicht erst verdienen zu müssen, sondern sie um unserer selbst willen zu erfahren.

Am Anfang und am Ende des Lebens braucht der Mensch die Erfahrung, einfach dazuzugehören.

Für ein Kind ist es ganz entscheidend zu wissen: Ich bin erwünscht. Ich bin willkommen. Und das vor aller Leistung, einfach aufgrund meines Daseins. Ich bin es wert, geliebt zu werden. Das befreit, lässt aufatmen und leben.

Wer das nicht erfährt, hat das Gefühl: Ich muss mir die Beachtung und Zuwendung verdienen. Durch ein Verhalten, das den Erwartungen der Eltern entspricht, oder durch andere Leistungen, zum Beispiel in der Schule. Und wenn jemand aufgrund der Leistung Anerkennung findet, dann steht er unter Druck: Hoffentlich bringe ich wieder die gute Leistung, sonst verliere ich die Anerkennung. Jeder Mensch will aber um seiner selbst willen geliebt werden und nicht nur dann, wenn er den Erwartungen anderer entspricht.

In diesem Zusammenhang denke ich an eine Stelle im Buch des Propheten Jesaja. Das Volk Israel ist in der Verbannung in Babylon. Es fühlt sich dort verlassen und verloren. Auch verlassen von seinem Gott Jahwe. Er hat es nicht bewahrt vor der Eroberung durch die Babylonier und vor der Deportation in die Fremde.

In dieser Situation klagt das Volk: „Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen.“
Die Antwort Gottes: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn?
Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: Ich vergesse dich nicht.
Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern habe ich immer vor Augen.“ (49,14-16)

An einer anderen Stelle, die von der Rückkehr aus der Verbannung spricht, heißt es ähnlich: „Jetzt aber – so spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel. Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir … Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich für dich ganze Länder und für dein Leben ganze Völker. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir.“ (Jes 43,1.4-5a)

Kann es etwas Schöneres geben? Auf die tiefste Sehnsucht dazuzugehören und angenommen zu sein, antwortet Gott mit dem Wort: Du gehörst zu mir.


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Dieser Beitrag wurde am 30.08.2016 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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