Morgenandacht, 29.08.2016

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Der Wunsch, manchmal offline zu sein

Online sein - immer erreichbar, immer ansprechbar. Es tut vielen Menschen gut, wenn sie durch andere regelmäßig informiert oder auch angefragt werden. Dann sind sie auf dem neuesten Stand. Sie wissen, was die Freunde gerade erlebt haben, was sie denken und was sie mitteilen möchten. Mit vielen Menschen, von denen einige auch weit entfernt sind, in Kontakt zu sein - das ist verlockend. Sicher auch verpflichtend und beanspruchend. Denn es wird erwartet, dass man auf Nachrichten schnell reagiert und auch Stellung bezieht zu dem, was die Freunde verschicken im Positiven oder Negativen.

Die modernen Medien bieten da ungeahnte Möglichkeiten der Kommunikation, die man sich früher nicht im Traum hätte vorstellen können. Sehr Vieles lässt sich nahezu rund um die Uhr mit anderen teilen. Man kann immer erreichbar sein.

Andererseits gibt es mehr und mehr auch den Wunsch, einmal offline zu sein, also nicht erreichbar und nicht herausgefordert, die Befindlichkeiten anderer zu kommentieren. Mittlerweile gibt es sogar Hotels, die ausdrücklich damit werben, offline zu sein. Kein Handyempfang, kein W-Lan, nicht einmal ein Fernseher im Zimmer.

Offline ist vergleichbar mit einer Unterbrechung des Zwangs, sich untereinander verständigen zu müssen. Vor einigen Tagen las ich einen Text über solche Unterbrechungen:

„Erst wenn Unterbrechungen stattfinden, beginnen Menschen zu fragen und zu suchen

nach Hintergründen,
nach Wahrheiten,
nach sich selbst.

Unterbrechungen dienen dem Ausatmen, dem Aufatmen, dem Zu-sich-selbst-Kommen. Willst du beten, fang mit Unterbrechungen an.“

Soweit der Text.

Es ist wichtig, manchmal den Ablauf des Alltags - manche sprechen vom Trott des Alltags – zu unterbrechen: Arbeit, Verpflichtungen in der Familie, Termine in der Freizeit, die wahrgenommen werden sollen, schriftliche Arbeiten. Ich hätte schon längst einmal einen wichtigen Besuch machen müssen, aber ich komme nicht dazu, sagen sie. Der Alltag hat mich voll im Griff. Die Zeit ist zu kurz.

Trotzdem, es braucht auch einmal Zeit, den eigenen Gedanken nachzuhängen, zu träumen, der Fantasie freien Lauf zu lassen, einfach auch einmal für sich selbst da zu sein. Ohne irgendeinen Leistungsdruck von außen.

Auch der Sonntag ist für mich eine solche Unterbrechung der Reihe der Werktage. Manchmal ist er zwar auch verplant. Aber der Gottesdienst hat eine ganz zentrale Rolle. Und den Nachmittag halte ich mir frei für eine Wanderung oder für einen Besuch.

Für mich ist auch das Gebet so etwas wie eine Unterbrechung. Einmal abschalten und sich konzentrieren auf die Mitte. Oder wie es in dem Text heißt, fragen und suchen nach den Hintergründen in allem Vordergründigen. Nach der Wahrheit, angesichts der vielen Informationen. Nach mir selbst, unabhängig von dem, was andere über mich sagen oder was sie von mir erwarten. Zeit, zu sich zu kommen. Bei sich und nicht immer draußen zu sein.

Aber Gebet ist für mich noch mehr. Es ist die Erinnerung an jenen Grund, der mich trägt und hält. Es ist die Erinnerung an den, der mich bei meinem Namen gerufen hat und der mich immer wieder ruft. Der mir zeigt, dass ich in seinen Augen viel wert bin, auch wenn ich nicht immer die Anerkennung bei Menschen finde, die ich mir vielleicht erhofft habe. Beten ist für mich wie ein Ausruhen vor Gott - ohne Leistungsdruck und ohne Kontrolle. Einfach da sein dürfen. Im Vertrauen, dass mein Dasein für Gott wichtig ist. Und nicht meine mehr oder weniger wohlformulierten Worte.  

In einem Lied im neuen Gotteslob heißt es: „Herr, dir ist nichts verborgen. Du schaust mein Wesen ganz. Das Gestern, Heut und Morgen wird hell in deinem Glanz. Du kennst mich bis zum Grund; ob ich mag ruhn, ob gehen, ob sitzen oder stehen, es ist dir alles kund.“ (GL 428, 1) Ein ähnlicher Gedanke in einer anderen Liedstrophe geht so: „Und doch bleibt er nicht ferne, ist jedem von uns nah. Ob er gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah, mag er dich doch nicht missen in der Geschöpfe Schar, will stündlich von dir wissen und zählt dir Tag und Jahr.“ (GL 429, 3)

Unter dem Blick Gottes leben zu dürfen, loslassen zu dürfen, tut gut.


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Dieser Beitrag wurde am 29.08.2016 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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