Morgenandacht, 22.07.2016

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Maria Magdalena

'Guten Morgen, Frau Meier!' Das klingt anders als nur 'Guten Morgen' zu sagen. Einen Menschen mit seinem Namen anzusprechen, ist Ausdruck einer Beziehung: Du bist mir wichtig, ich sehe Dich, ich meine Dich. Ich merke das ganz oft in der Seelsorge. Es verbessert die Beziehung zu den Menschen, wenn ich ihren Namen kenne. Ich weiß das noch von mir selbst aus der Schule: Wenn ein Lehrer nur „Du“ sagte, war das blöd. Wenn er den Nachnamen wusste, wars schon besser. Am liebsten war es mir, mit Vornamen angesprochen zu werden. Das löst was aus. Bis heute finde ich es ein Zeichen der Vertrautheit, den eigenen Namen zu hören. Es gibt schwierige Situationen, die sich plötzlich zu verändern scheinen, wenn mich dabei jemand richtig intensiv anschaut und sagt: „Christoph, jetzt mal ganz langsam, ruhig durchatmen, Du kriegst das hin!“

Es gibt eine Ostergeschichte beim Evangelisten Johannes, die mich sehr anrührt, weil sie genau von diesem gegenseitigen Ansprechen erzählt und lebt. Maria von Magdala ist zutiefst erschüttert und traurig angesichts des unvorstellbaren Leids, das über Jesus und alle seine Freundinnen und Freunde gekommen war. Sie kann nicht mehr klar denken, auch nicht mehr klar sehen. Sie, die sich Jesus tief eingeprägt hatte mit den Augen der Liebe wie niemand sonst, sie meint, frühmorgens am Grab den Gärtner zu sehen, als sie einer nach dem Grund ihrer Tränen fragt. Was könnte sie aus ihrer Trauer befreien, was könnte ihre Tränen trocknen? Keine Erklärung, keine Auflösung des Rätsels, sondern nur ein Wort: Maria! Jesus nennt sie beim Namen. Der löst alle Trauer und Verzweiflung. Im Aussprechen Ihres Namens wird das lebendig, was die Beziehung zwischen den beiden ausmacht: Maria weiß sich von Jesu Wort und Geschick persönlich angesprochen, weiß sich bis in die Tiefe von ihm verstanden und deshalb geliebt. So strömt in diesem Augenblick alles Glück ihres Lebens in sie zurück und sie antwortet mit einem liebevollen „Rabbuni“, mein Herr und Meister! (Joh 20,16) Sie möchte nach ihm greifen, ihn festhalten, aber das geht nicht. Vielmehr sendet Jesus sie zu den anderen Jüngern, als Zeugin der Auferstehung, als Zeugin des Lebens. Was sie im Innersten anrührt, wird zum Motor für ihr Leben und das Leben der anderen, wird letztlich zum Urgrund der Christenheit.

Mich bewegt das persönlich sehr, denn der Urgrund meines Glaubens sind nicht so sehr Glaubenssätze, die von einem Christen nun einmal zu glauben sind. Urgrund meines Glaubens ist eine ganz persönliche Beziehung zu meinem Gott – die gläubige Gewissheit, dass ich persönlich beim Namen gerufen bin, dass ich im Innersten von Gott verstanden und geliebt bin. Genau genommen ist es das Auferstehungserlebnis der Maria Magdalena, das auch mich im Innersten bewegt.

Heute ist ihr Fest. Papst Franziskus hat ihr vor kurzem offiziell den Rang zugesprochen, der ihr im Herzen vieler Christinnen und Christen schon immer gebührt und der auch in den Evangelien immer wieder aufscheint: Er hat sie zur Apostelin erhoben und damit endlich die bisher scheinbar in Erz gegossene Domäne der männlichen Apostel durchbrochen. Für mich heißt das: Glaube an die über den Tod hinausreichende innerste Beziehung zwischen Gott und Mensch beruht nicht allein auf dem Zeugnis von bestimmten Männern, sondern genauso auch von Frauen. Glaube ist letztlich weder männlich noch weiblich, sondern ein Geschehen des Herzens, das Maria Magdalena für mein Empfinden am innigsten und schönsten erlebt und weitergetragen hat. So deute ich diesen Tag heute auch als Fest meines Glaubens. Möge sich die Christenheit immer tiefer von dieser innigen Beziehung zu Gott führen lassen und erkennen, wie wenig bedeutend die Kategorien männlich und weiblich, wie wenig zentral die Fragen nach Rang und Amt sind.


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Dieser Beitrag wurde am 22.07.2016 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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