Morgenandacht, 21.07.2016

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Kein Verlass auf Vorurteile

„Den hätte ich mir ganz anders vorgestellt!“ Das habe ich mir erst wieder gedacht, als ich einen Autor, den ich bisher nur von seinen Büchern kannte, bei einer Veranstaltung ganz persönlich kennenlernen durfte. Seine Bücher sind ja eher trocken und spröde zu lesen, aber den Autor selbst zu erleben, gibt plötzlich ein ganz anderes, viel sympathischeres Bild ab. Wie man sich doch täuschen kann?!

Mir passiert es immer wieder, dass ich mir von Menschen, die ich nur in bestimmten Situationen oder nur schriftlich oder nur von der Stimme oder gar vom Hörensagen her kenne, eine Meinung bilde, die mit dem wirklichen Menschen gar nichts mehr zu tun hat. Wie oft muss ich dann kleinlaut eingestehen, dass ich mich getäuscht habe!! Schlimmer wird es, wenn meine andere Vorstellung zu einem Urteil über diesen anderen, zu einem Vorurteil oder gar einer Verurteilung dieses Menschen führt. Und wie schnell ist es geschehen: bei Menschen mit einer anderen Hautfarbe, mit einem Kopftuch, einem Priesterkragen, einem Ordensgewand oder auch nur mit einem ungepflegten Äußeren!

Ich stehe an der Kasse im Supermarkt, vor mir ein ziemlich ungepflegtes Pärchen, von Piercing und Tattoos nur so übersät. Mit einem übervollen Wagen. Es ist der erste des Monats – und ich denke mir so meinen Teil. Ich selbst habe grade zwei Dinge in der Hand. Plötzlich dreht sich die Frau vor mir um und sagt in einem äußerst gepflegten Hochdeutsch zu mir: „Ach, Sie haben ja nur so wenig, bitte gehen Sie doch vor, bei uns wird’s wohl länger dauern!“ Tja – denke ich mir – das hätte ich so nicht erwartet. Und ich leiste in meinem Herzen Abbitte!

Ich denke an Jesus, der in der Synagoge lehrt und in einigen Menschen nur die Frage anstößt: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? (…) Woher hat er das alles? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.“ (Mt 13,55-57) Oder als Phillippus den Natanael trifft und ihm von Jesus von Nazaret erzählt, fragt dieser: „Aus Nazaret? Kann von dort etwas Gutes kommen?“ (Joh 1,46) Die Sache mit den Vorurteilen ist schon eine Last. Der Physiker Albert Einstein hat einmal gesagt: „Es ist schwieriger, eine vorgefertigte Meinung zu zertrümmern, als ein Atom.“ Das klingt zunächst nicht sehr ermutigend. Allerdings kann man ja bekanntlich Atome zertrümmern, man braucht nur sehr viel Energie dafür. Es wird aber zuletzt viel mehr Energie frei, als man aufwenden muss. Das wiederum macht mir Mut: Energie aufzuwenden, um meine Vorurteile zu relativieren und zu korrigieren, weil ich dann und nur so wunderbare, bisher verborgene Seiten eines anderen Menschen kennenlernen kann! Philippus sagt zu Natanael: „Komm und sieh!“ (Joh 1,46) Nur durch das persönliche Erleben lässt sich offenbar etwas bewegen!

Vor einigen Wochen begebe ich mich mit etwa 50 Personen meiner kleinen Stadtrandgemeinde Harting am Sonntagmorgen um 5 Uhr auf eine traditionelle Fußwallfahrt quer durch die Stadt Regensburg zur Wallfahrtskirche Mariaort. Wir treffen hauptsächlich Leute, die – nach einer durchzechten Nacht  - auf dem Nach-Hause-Weg sind. Mit dem Kreuz voran pilgern wir betend und singend durch die morgendlichen Straßen und ziehen so manche verwunderten Blicke auf uns. Da ist es auch schon passiert, dass einige Betrunkene mit lautstarken Kommentaren auf sich aufmerksam machen. Ob das auch so einer ist, der uns da mit dem Rad entgegen kommt? Ein Punker mit einem schönen grünen senkrecht aufragenden Haarkamm, etwas müdem Gesichtsausdruck und auch nicht mehr ganz so frischen Klamotten. Einige aus unserer Gruppe machen sich schon gefasst auf irgendeine Bemerkung – aber es kommt anders: Der junge Zeitgenosse bekreuzigt sich im Vorbeifahren! Verdutzte Blicke einiger Pilger – und ein schöner Satz: „Nicht mal auf seine Vorurteile kann man sich verlassen!“


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Dieser Beitrag wurde am 21.07.2016 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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