Morgenandacht, 20.07.2016

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Tag des Gewissens

 „Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen." [1]

Diese Worte stammen von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der heute vor 72 Jahren das missglückte Attentat auf Hitler verübt hat. Heute sind deshalb alle öffentlichen Gebäude beflaggt. In Berlin wird dieses Tages mit einem ökumenischen Gottesdienst und einer Feierstunde der Bundesregierung gedacht. Eine Nation feiert das Gewissen. Das beeindruckt mich. Und es ist für mich mehr als ein Heldengedenktag, wenn so ein Ereignis in der Erinnerung der Bevölkerung wachgehalten wird. Für mich ist es ein Appell an mein ganz persönliches Denken, meine Haltung zu gesellschaftlichen Fragen und meine ganz konkreten Entscheidungen.

Die Bedeutung des Gewissens haben nicht nur Politiker und Soldaten in dieser dunklen Zeit der deutschen Geschichte am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ich denke an den Wiener Arzt und Therapeuten Viktor E. Frankl (1905-1997), der als Bürger jüdischen Glaubens zusammen mit seiner ganzen Familie ins Konzentrationslager deportiert wurde. Er hätte die Möglichkeit gehabt, nach Amerika auszureisen, aber er wollte seine Familie nicht alleine zurücklassen. Nicht nur für ihn persönlich, sondern auch in der Behandlung seiner Patientinnen und Patienten, denen er vor dem Krieg und auch später als Überlebender von Auschwitz begegnet, spielt das Gewissen eine zentrale Rolle. Für ihn ist das Gewissen das zu jedem Menschen gehörende „Sinn-Organ, das die Funktion hat, der jeder einzelnen Situation innewohnenden, in ihr 'schlummernden' Sinnmöglichkeiten gewahr zu werden.[2] Dabei ist für ihn entscheidend: „Solange Furcht vor Strafe, Hoffnung auf Lohn oder der Wunsch, dem Überich zu gefallen, menschliches Verhalten bestimmen, ist ja das wirkliche Gewissen noch gar nicht zu Wort gekommen.“[3] Sich auf innere oder äußere Bedingungen, die der Mensch vorfindet, auszureden, lässt Frankl nicht gelten. Sätze wie „Ich bin halt so“ oder „Die Umstände sind halt nun mal so, was will ich da schon machen“ lenken von einer bewussten Entscheidung des Gewissens ab.

Mich beeindruckt es, wenn auf höchster Ebene in Deutschland immer wieder das Thema Gewissen auf der Tagesordnung steht. Ich denke an die Debatte im Bundestag über die deutsche Mitverantwortung am Völkermord an den Armeniern. Ich denke auch an die Abstimmung zum ärztlich assistierten Suizid im vergangenen Herbst. Das letzte, das bindet, ist – unabhängig von allen Plausibilitäten und politischen Mehrheitsverhältnissen – das persönliche Gewissen. Freilich ist das Gewissen nicht einfach gleichzusetzen mit einer momentanen subjektiven Meinung. Gewissen braucht Bildung – durch Erziehung, durch allgemeine Werte, nicht zuletzt auch durch Religion. Aber all das sind Orientierungshilfen, sind Trainingsmöglichkeiten, um eine eigenständige Persönlichkeit herauszubilden und sich gegenüber allen von außen herangetragenen Wertmaßstäben zu verhalten. Das gilt gegenüber allen Autoritäten, auch gegenüber der Religion. Kein Geringerer als der große dominikanische Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274), der im 13. Jahrhundert einen ausgeklügelten Katalog von Glaubensfragen und -antworten erstellt hat, kam zu der Überzeugung: „Alles, was gegen den Glauben oder das Gewissen geschieht, ist Sünde."[4]

Dieser 20. Juli fordert mich ganz persönlich heraus, in meinem Leben genau darauf zu achten, wann von mir Loyalität und wann meine Gewissensentscheidung gefordert ist.


[1]Stauffenberg kurz vor dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 in einem Gespräch mit der Frau seines Bamberger Regimentskameraden Bernd von Pezold. Nach einer mündlicher Mitteilung Pezolds in einem Gespräch mit Joachim Kramarz am 17. Mai 1963 zitiert in Kramarz, Joachim: Claus Graf Stauffenberg. 15. November 1907-20. Juli 1944. Das Leben eines Offiziers. Frankfurt a.M. 1965.

[2]Viktor E. Fankl, Logotherapie und Existenzanalyse, Weilheim (Beltz) Neuausgabe 2002, S. 286.

[3]Viktor E. Frankl, Der Wille zum Sinn, München (Piper), 41997, S. 167.

[4]                Super epistolam B. Pauli ad Romanos (Kommentar zum Römerbrief), cap. 14, l. 3


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 20.07.2016 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche