Morgenandacht, 19.07.2016

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Ohne Ende kein Sinn!?

„Da bin ich dem Tod grade nochmal von der Schaufel gesprungen!“ So hat mir vor einiger Zeit ein Bekannter erzählt, bei dem im Rahmen einer Routineuntersuchung ein Darmtumor entdeckt wurde – in einem sehr frühen Stadium. „Glück gehabt“, sagte er dann noch, „wie ein zweiter Geburtstag. Fast wie beim Brandner Kasper beim Kartenspielen ...“

Die Geschichte vom Brandner Kasper, der den Tod betrunken macht und sich beim Kartenspiel 20 weitere Lebensjahre ertrickst, hat sich nicht nur in vielen bayerischen Herzen eingebrannt. Der Münchner Mineraloge und Schriftsteller Franz von Kobell, der heute 213 Jahre alt würde, hat in seiner Kurzgeschichte freilich die Angst vor dem Tod in der Gestalt des etwas unzuverlässigen „Boanlkramers“ thematisiert, aber auch seiner Hoffnung nach einem Danach Ausdruck verliehen.

Wenn ich als Seelsorger mit Menschen über das Thema „Was kommt danach?“ ins Gespräch komme, verwenden sie nicht selten die Bilder vom Paradies aus dem Brandner Kasper: Eine Welt ohne Schmerz und Leid, aber doch eine Welt, in der das, was hier für Menschen kostbar und wertvoll ist, seine Bedeutung behält; ein Leben, in dem Beziehungen über den Tod hinaus gelten. Ganz besonders interessiere ich mich aber für den Gedanken, wie sich das Leben in der greifbaren Nähe des Todes noch einmal verändert. Es geht nicht nur darum, Zeit zu gewinnen. Es geht vielmehr darum, die gewonnene Zeit sinnvoll zu nützen und in dieser Zeit das Leben noch intensiver kennen zu lernen.

Ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert, etwas aus der gleichen Zeit wie der Brandner Kasper, stammt das Märchen „Der Reisekamerad“ von Hans-Christian Andersen (1805-1875). Eine ganz andere Handlung, und dennoch geht es auch hier um die Sehnsucht nach Leben, nach Überleben, nach einem ewigen Leben. Ein junger Mann möchte das Herz einer schönen Prinzessin gewinnen und muss dafür eine sehr gefährliche Aufgabe lösen. Damit ihm das gelingt und er den bösen Zauber, der über dem Schloss liegt, brechen kann, bekommt er von einem geheimnisvollen Reisebegleiter ein rubinrotes Herz, das Herz der Unsterblichkeit geliehen. Nachdem alles gut ausgegangen ist, gibt er es dem Eigentümer zurück. Das Märchen endet mit den Worten: „Die Unsterblichkeit taugt für Euch Menschen nicht. Ohne das Ende verlöre das Leben seinen Sinn!“ Ein schwerer Schluss für ein Märchen, denke ich mir. Aber es ist die gleiche Erkenntnis wie beim Brandner Kasper: Hierbleiben geht nicht, das Wissen um das Ende ist schwer, aber es ist sinnvoll für die Gestaltung des Lebens. Angesichts des Todes werden oft noch beeindruckende Kräfte frei. Sie ermöglichen es, das Leben abzurunden: etwas zu regeln, noch etwas in Ordnung zu bringen, etwas zu bereuen, etwas zu vergeben, dem Leben seinen letzten Schliff zu geben. Mein Bekannter erzählt mir: „Wissen Sie, seit ich das Thema Tod schon einmal in so greifbarer Nähe hatte, hat sich mein Leben tatsächlich verändert. Bei allem, was mich aufregt, denke ich mir: Das sind doch nur Kleinigkeiten, die es nicht wert sind, Lebenszeit für Ärger zu verschwenden. Und vielen Kleinigkeiten, die ich früher übersehen habe oder für selbstverständlich ansah, schenke ich jetzt viel mehr Beachtung. Ich freue mich, wenn die Vögel in der Früh zwitschern und wenn mich mein Enkelkind anlacht. Es lebt sich anders!“

Vielleicht brauchen wir Menschen tatsächlich diese Grenze, um mit der geschenkten Zeit sinnvoll umzugehen. Zum Glück müssen wir uns nicht ständig mit den schweren letzten Fragen beschäftigen, aber unterschwellig begleitet uns dieses Thema ja doch. Ich bin dankbar für das Beispiel der Menschen an der Grenze, von denen ich viel lernen kann. Und ich bin froh um die gläubige Gewissheit, dass der Tod nicht das letzte, sondern nur das vorletzte Wort hat.


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Dieser Beitrag wurde am 19.07.2016 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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