Morgenandacht, 18.07.2016

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Vergebung beginnt hier

Es ist sein erster Arbeitstag. Alle warten darauf, dass sich die Verhältnisse nun einfach umkehren: Die Unterdrücker müssten nun zu den Unterdrückten werden – und natürlich umgekehrt. Alle erwarten, dass die neue Regierung die alte ersetzt, mit ihr auch alle Bediensteten. Die Farben müssen nur getauscht werden: Die Schwarzen ersetzen die Weißen! Aber es kommt anders, als Nelson Mandela im Mai 1994 seinen Dienst als erster schwarzer Präsident Südafrikas antritt. Der Film Invictus – Unbezwungen des Regisseurs Clint Eastwood zeigt zu Beginn die gespannte Erwartung der weißen und der schwarzen Bediensteten in den Regierungsbüros. Die Weißen sind dabei, den Inhalt ihrer Schränke in Kartons zu verpacken, einige Schwarze haben schon die Ärmel hochgekrempelt, um die Macht zu übernehmen. Aber Nelson Mandela, im Film gespielt von Morgan Freeman, will einer bloßen Umkehr der Unrechtsverhältnisse von vornherein Einhalt gebieten. Gleich am Morgen dieses ersten Tages beruft er alle zusammen und stellt klar: „Wenn Sie packen, weil Sie fürchten, dass entweder Ihre Sprache oder Ihre Hautfarbe oder Ihr vorheriger Arbeitgeber Sie für die Arbeit hier disqualifizieren, dann möchte ich Ihnen sagen: Haben Sie keine Furcht! (…) Das Vergangene ist vergangen. Wir blicken jetzt in die Zukunft. Wir brauchen Ihre Hilfe, wir wünschen Ihre Hilfe. Wenn Sie sich dazu entscheiden hierzubleiben, erweisen Sie Ihrem Land einen großen Dienst.“[1]

Jason, ein enger schwarzer Vertrauter, hat dennoch ein Problem damit, dass Mandela die Leibgarde von seinem weißen Vorgänger de Klerk übernehmen will, Menschen also, die möglicherweise vorher Schwarze getötet haben. Mandela wirbt mit bewegenden Worten um Unterstützung: „Die Vergebung beginnt hier. Die Vergebung befreit die Seele, sie nimmt die Furcht. Deswegen ist sie so eine derart mächtige Waffe. Bitte, Jason, versuchen Sie es!“[2]

Eine unglaubliche Freiheit liegt in diesem Denken. Freiheit von Rache und Vergeltung, selbst von dem Bedürfnis, sich gegen frühere Feinde zu schützen. In seinem Buch Der lange Weg zur Freiheit schreibt Mandela: „... um frei zu sein, genügt es nicht, einfach nur die Ketten abzuwerfen, sondern man muss so leben, dass man die Freiheit des anderen respektiert und fördert.“[3]

Heute würde Nelson Mandela 98 Jahre alt. Dieser 18. Juli ist von der Vollversammlung der Vereinten Nationen im Jahr 2009 zum Internationalen Nelson-Mandela-Tag erklärt worden. Das jährliche Gedenken soll an den großen Friedensnobelpreisträger und an die Verantwortung jedes Einzelnen für Frieden und Versöhnung erinnern. Menschen in allen Nationen und in allen Situationen sollen zu humanitärem Verhalten angeregt werden. Die Botschaft Mandelas ist wie die Botschaft des Evangeliums heute so aktuell wie zu jener Zeit, in die sie hinein gerufen wurden. Genau betrachtet sind alle gewaltsamen Konflikte dieser Erde immer eine Reaktion auf eine vorher erlebte Gewalt. Es wird kein Ende der Gewalt geben, wenn nicht jemand scheinbar völlig irrational beginnt, nicht mehr zu misstrauen und nicht mehr mit gleicher Münze heimzuzahlen. Das gilt für verfeindete Volksstämme, verfeindete Kulturen, ja sogar für den Wahnsinn des Terrorismus. Terror will Angst verbreiten. Die Haltung Mandelas kennt keine Angst mehr. Es ist die Haltung Jesu, die dazu einlädt, dem Schläger die andere Wange hinzuhalten. (vgl. Mt 5,39).

Eine solche Haltung scheint unmöglich in dieser Welt, und doch haben in der Geschichte nur Menschen mit dieser Haltung am Weltgeschehen wirklich etwas verändert. Mandelas Credo ist daher zeitlos: „Der Mensch lernt zu hassen. Er kann lernen zu lieben. Denn Liebe entspricht der Natur des menschlichen Herzens sehr viel mehr.“[4]

1   Zitat Nelson Mandela aus dem Film „Invictus – Unbezwungen“.
2   Ebd.
3   Nelson Mandela: Der lange Weg zur Freiheit. (TB) Frankfurt a.M.
4   Letzte Worte aus dem Film „Mandela, der lange Weg in die Freiheit.“

 



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Dieser Beitrag wurde am 18.07.2016 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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