Feiertag, 10.07.2016

von Elena Griepentrog aus Berlin

Gegen den Strich. Kunst und Glaube des Schauspielers Ben Becker

Autorin
Ben Becker in ungewohnter Rolle. Sonst nicht gerade ein Leisetreter. Eher rustikal, kraftvoll, voller Energie. Ben Becker, der immer mal wieder auch mit Exzessen aufgefallen ist, der den Rausch liebt. Ein Schauspieler, wie es ihn nur selten in Deutschland gibt, mit Leib und Seele, mit Wildheit und Wucht. Und eben auch mit überraschenden Seiten. Immer wieder hat er sich in seiner Karriere auch mit religiösen Themen befasst. 2008 ging er mit einer großen Bibel-Show auf Deutschlandtournee. Und er las sie vor, die Bibel, eine Auswahl von Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, streng chronologisch. Die Schöpfung. Die Arche Noah. Samson und Delila. Hiob. Oder Jona. Bis hin zu Johannes dem Täufer, Jesu Versuchung, dem Einzug Jesu in Jerusalem, Kreuzigung, Offenbarung. So dass jeder und jede einen Eindruck vom großen Bogen bekam, den das heilige Buch der Juden und Christen nimmt, quer durch Raum und Zeit.

Ausschnitt Bibel-Show: Jesus in Gethsemane

Autorin
Zwischen den gelesenen Texten sang Becker auch, passende Stücke, von „Bridge over Troubled Water“ bis zu „He's Alive“. All dies tat er mit großer Ernsthaftigkeit, mit Hingabe. Man konnte schon den Eindruck gewinnen, dass ihm diese Texte persönlich wichtig sind. Und dies, obwohl Becker nicht mit dem Christentum aufgewachsen ist. Er ist nicht getauft, nicht konfirmiert oder gefirmt. Religion und Kirche spielten bei ihm zu Hause keine Rolle.

Ben Becker
„Ich bin also im 68er Haushalt groß geworden, und mein Vater, da bin ich auch sehr stolz drauf, ist letztlich immer noch Kommunist. Ich behaupte das von mir auch, ganz tief in meinem utopischen, kindlichen, naiven Denken, und sehe da durchaus Parallelen. Das heißt, naiv gesprochen, geht es darum: Alle Menschen werden Brüder und um das Predigen von Liebe. Und das finde ich spannend. Ich weiß, dass man mit der Kirche oder mit einigen Vertretern, Kirchenvertretern, egal, welchem Glauben sie angehören, unheimlich gut diskutieren kann, dass das offene Häuser sind, wo man sehr offen sprechen und offen Fragen stellen darf.“

Autorin
Ben Becker redet gern mit Pfarrern und Pfarrerinnen, mit Mönchen und Ordensschwestern oder auch mal mit „normalen“ Gläubigen, egal ob evangelisch oder katholisch oder sonst einer religiösen Herkunft. Und er hält sich auch gern in Kirchen auf. Zwar geht er nur selten in einen Gottesdienst. Aber er mag es, sagt er, ganz allein, einfach mal so zwischendurch, eine Kirche aufzusuchen. Dann sitzt er, der nicht selten lärmige Kraftmensch, ganz bescheiden in einer Bank und lässt die Stille und die Ruhe auf sich wirken, die ganz eigene Atmosphäre einer Kirche. Er mag diese besonderen Räume, die das Christentum inmitten einer oft unruhigen Welt zur Verfügung stellt. Und Christen wiederum schätzt er.

Ben Becker
„Also, ich habe zum Beispiel gerade einen Freund von mir begleitet, der war zehn Wochen im Hospiz, Lazarus, das sind Christen, die das machen, und die Liebe, die da Menschen entgegen gebracht wird, aus reinem Herzen und wirklich überzeugter Liebe zu Menschen oder zum Dasein und auch zum Sterben, das beeindruckt mich schwer. Und deswegen habe ich irgendwann angefangen, die christlichen Themen oder das christliche Gedankengut …-  da musste ich mich irgendwann mit auseinander setzen. Und das sind ganz tolle Sachen. Abgesehen davon, dass das für einen Schauspieler natürlich auch ein gefundenes Fressen ist. Also, manchmal geht es ja los wie Sindbad der Seefahrer, wenn man die Bibel liest. Das sind ja auch geile Abenteuergeschichten und so.“

Musik: Ben Becker: In the Ghetto

Autorin
Der Mensch Jesus von Nazaret hat um das Jahr Null im heutigen Israel gelebt, das ist historisch gesichert. Er war ein jüdischer Wander-Rabbiner, ein geistlicher Lehrer, der vor allem seine eigene Religion, das Judentum, erneuern wollte. In der Bibel lässt sich ein Großteil seiner Lebensgeschichte nachlesen. Er war manchmal unkonventionell und sperrig, vor allem aber liebevoll und tröstend. Die so genannten kleinen Leute, die, die unter Armut und der römischen Besatzungsmacht zu leiden hatten, lagen ihm besonders am Herzen. Er machte den einfachen Menschen Mut, gab ihnen Kraft, heilte immer wieder Menschen an Leib und Seele und lehrte sie die wahren Inhalte des jüdischen Glaubens. Er lebte ihnen ein tiefes Verhältnis zu Gott vor. Bei den Mächtigen, Rabbinern, Römern oder egoistischen Reichen, konnte er dagegen richtig wütend werden. Bei Menschen, die den Namen Gottes missbrauchten, um andere Menschen innerlich klein zu halten oder zu versklaven, äußerlich oder innerlich. Die Bibel enthält so manche Geschichte eines wütenden Jesus. Jesus von Nazaret war revolutionär, er wollte ein neues Verständnis seiner jüdischen Religion. Der historische Jesus, der Mensch, ist es, der es auch Ben Becker angetan hat:

Becker
„Das ist das Tolle: Der liebt uns alle. Und das finde ich toll an dem Typen. Ohne dass ich jetzt christlichen Glaubens bin, das fasziniert mich an dem. Deswegen liebe ich den, und deswegen betrete ich ein Gotteshaus mit größtem Respekt und größter Demut.“

Autorin
Ben Becker scheint es wirklich ernst zu meinen. Er mag es, dass die christlichen Kirchen einen Raum für Dinge bieten, die im normalen Alltag oft zu kurz kommen, Themen, die mehr sind als Alltag. Wo man auch mal Fragen nach dem richtigen Weg oder dem Sinn des Lebens stellen kann. Oder nach dem Leiden und nach Gerechtigkeit. Nach einem menschlichen Umgang miteinander. Ben Becker hat für solche Fragen einen besonderen Ort gefunden:

Becker
„Es kann durchaus vorkommen, dass ich ab und zu sage: ‚So Kinners, ich mache mal zehn Tage Urlaub‘, und dann setze ich mich ins Kloster. Beim Essen nicht reden, besser is. Aber ansonsten kann man da sehr tolle, wunderbare Gespräche führen. Und die führe ich gern.“

Autorin
Ich stelle mir Ben Becker im Kloster vor - mit seiner oft flapsigen oder auch mal raubeinigen Art. Da wird wohl mal mächtig Schwung in der Hütte sein. Doch sein Suchen und Fragen wirkt überzeugend. Unabhängig von einer konkreten Religion.

2005 drehte Becker den Film „Ein ganz gewöhnlicher Jude“. Hier spielt er den Juden Emanuel Goldfarb, geboren in Deutschland nach dem Krieg, als einziger Sohn zweier Shoa-Überlebender. Eines Tages soll er einen Vortrag darüber halten, wie es sich heute als Jude in Deutschland lebt. Goldfarb lehnt ab, wütend spricht er in ein Diktiergerät seine Argumente. Doch er muss für die Begründung tief in die eigene Familiengeschichte und den jüdischen Glauben abtauchen. 90 Minuten lang arbeitet sich Ben Becker durch einen aufgewühlten Monolog. Auch beim Judentum hatte er keinerlei Berührungsängste:

Becker
„Da musste mich da auch 'reinarbeiten in die Materie. Und dann fängt man an, mit Leuten zu reden. Dann steht man plötzlich in einer Synagoge, und dann guckt man sich an, wie die da predigen, und sagt: ‚Was ist hier denn los, habt ihr einen im Karton?‘ Und dann stellt man ganz dusselig die Frage:  ‚Habt ihr einen im Karton, wie darf ich das verstehen, was da gerade gesagt wurde?‘  So. Und dann fängt man an, mit so jemandem zu reden. Und dann wird es irgendwann so existenziell, und das finde ich toll. Dass man so über große Themen und über das Leben und über das Sterben und menschliches Miteinander so reden kann. Das interessiert mich. Mehr als Fernseher an, Fernseher aus.“

Musik: Ben Becker: Hurt

AutorinSowohl Altes als auch Neues Testament sind voll von Geschichten. Geschichten von Gott, aber auch von Menschen, die viele – ganz menschliche – Erfahrungen machen. Jede Gefühlslage kommt vor, von Liebe, Freundschaft und Vertrauen über Zweifel, Enttäuschung oder Überforderung bis hin zu Verzweiflung, Wut und Hass. Eine dieser Geschichte handelt von Judas Iskariot, vor 2000 Jahren ein Weggefährte von Jesus von Nazaret. Er war vermutlich ein Zelot, einer, der die römische Besatzungsmacht mit Gewalt vertreiben wollte. In der Schar der Jünger war er für die gemeinsame Kasse zuständig. In der Bibel wird Judas als derjenige beschrieben, der den beim Volk beliebten Wanderprediger Jesus an die römischen Machthaber ausgeliefert hatte. Römische Soldaten nahmen Jesus daraufhin fest, ließen ihn foltern und ans Kreuz schlagen, ein ungeheuer grausamer, entwürdigender Tod. Judas soll Geld dafür bekommen haben, dass er ihnen verriet, wo Jesus sich in Jerusalem aufhielt. Später erhängte er sich. Der Tübinger Rhetorik-Professor und Schriftsteller Walther Jens überraschte 1975 mit seinem Roman „Der Fall Judas“ die christliche Welt. Er stellte Judas erstmals als einen da, dessen fatale Pflicht es war, Jesus zu verraten. Der gar keine Wahl hatte, sondern sich für diesen Dienst opferte. Damit die Heilsgeschichte ihren Lauf nehmen konnte. Ben Becker hat sich eingelassen auf diesen Text:

Becker
„Der Herder-Verlag kam auf mich zu und hat gesagt:‘ Haben Sie Lust, das einzusprechen‘. Und dann habe ich gesagt: ‚Gib mal her den Text‘, und habe den gelesen und habe gesagt: ‚Was ist das denn?‘  Dann habe ich den noch mal gelesen und noch mal. Und da ich ein Freund von Literatur, auch schwer wiegender, existenzieller Literatur, fand ich das irgendwie toll. Und dann habe ich gedacht, der Text ist es wert, den möchte ich gerne verlesen. Weil, ich mag gern so kleine Bühnenprogramme, ich mag gerne den Leute etwas vorlesen oder Menschen mit Texten konfrontieren und sie zum Nachdenken bringen. Und der Text, habe ich gedacht, der ist es eigentlich. Und zwei Tage später hatte ich Amos Oz zu Hause, Judas. Und dann habe ich plötzlich gedacht, daraus mache ich einen Abend, das finde ich irgendwie interessant, Leuten das vorzulesen. Die einzige Stellung, die ich beziehe, ist, dass ich diesen Text für wichtig halte. Und die Infragestellung, die Walther Jens auf rhetorische Art und Weise dem Judas in den Mund legt. Und zu sagen: Warum? Warum bin ich schuldig? Ist das so? Oder habe ich nicht auf Gottes Befehl hin gehandelt? Warum behandelt Ihr mich so seit 2000 Jahren? Wo liegt Schuld überhaupt?“

Autorin
Heraus gekommen ist nicht nur das Hörbuch, sondern auch das Ein-Mann-Stück „Ich, Judas“. Derzeit tourt Ben Becker damit durch Deutschland. Er spielt dabei den Roman als Bühnenstück, uraufgeführt 2015 im Berlin Dom. Ben Becker als Judas. Ein gewaltiger Monolog von einem Judas, der endlich richtig verstanden werden will. Der verzweifelt ist, der jammert und weint, der liebt und wütet.

Der Name Judas wurde im Laufe der Geschichte zum Inbegriff des Verräters. Sogar  dort, wo es weder um Kirche noch um die Bibel geht. „Du Judas“ schreien Fußballfans, wenn ein Fußballer zur Konkurrenzmannschaft wechselt. Die heutigen Theologen sehen den biblischen Judas weit vielschichtiger. So einfach ist die Frage nach Schuld oder Unschuld eben oft nicht. Wie immer, wenn es um Menschen geht, gibt es viele Grautöne, Ausnahmen, feine Differenzierungen. Und genau diese Menschheits-Fragen von Schuld und Verrat, von freundschaftlicher Liebe und persönlicher Enttäuschung, von fehlender Anerkennung und Nichtverstandenwerden, von tieferen Gründen für das Handeln eines Menschen sind Fragen, die Ben Becker brennend interessieren.

Jesus von Nazaret, der Mensch, der für Christen noch mehr ist als ein religiös besonders begabter Mensch. Für sie ist er der Sohn Gottes, der Messias, der die Menschheit durch seine Botschaft und seinen Tod am Kreuz erlöst hat aus ihrem inneren Gefängnis. Und doch: Jesus von Nazaret war eben auch ein Mensch. Einer, der aus einfachen Verhältnissen kam, der eine revolutionäre Botschaft der Nächstenliebe und Menschlichkeit verbreitete. Der sich für Gerechtigkeit einsetzte. Und der jeden einzelnen Menschen zum redlichen Umgang mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen aufrief. So wie Ben Becker interessieren sich heute viele für den Menschen Jesus von Nazaret. Manche gehören einer anderen Religion an, sind Muslime oder Buddhisten. Andere wollen einfach ein guter, verantwortungsbewusster Mensch sein, glauben aber nicht an Gott. Jesus von Nazaret kann ein Vorbild sein für ein gutes Menschsein, auch dem, der kein Christ ist. Die Frage nach Gott beantwortet Ben Becker sich auf seine ganz eigene Weise:

Becker
„Ich weiß es nicht. Früher habe ich immer gesagt, die Frage ist mir zu privat. Weil, über die Definition von wer oder was ist Gott hat man sich im Laufe der Menschheitsgeschichte, jedenfalls in den letzten zweitausend Jahren, die Schädel drüber eingeschlagen. Und ich möchte mich in diesen Krieg nicht einmischen. Ich glaube! Und ich finde Glauben sehr, sehr wichtig. Ich glaube nicht unbedingt im christlichen Sinne. Aber ich glaube an die Schönheit meiner Tochter, ich glaube an die Schönheit des Baumes, der da drüben überlebt hat, ich glaube an die Vögel, ich glaube an den Himmel, ich glaube an das Meer, ich glaube an uns und an die Schönheit im Menschen, an die Schönheit dieses Planeten. Ich finde, das ist für mich Gott. Die Unendlichkeit des Alls und so weiter. Das hat was mit Demut zu tun. Mit Demut, dass wir da sein dürfen.“

Musik: Bibel-Show/Jesus Hears Every Prayer (Chor)

Autorin
Die Geschichte von Jesus von Nazaret gleicht einem Wunder. Er hatte offenbar etwas an sich, dass die Menschen ansprach, eine besondere Kraft, die ihre inneren und äußeren Wunden heilte. Große Menschenmengen suchten ihn auf, hörten auf seine Worte, schlossen sich seiner Bewegung und seinen Ideen an. Nach seinem Tod wurde aus dieser jüdischen Bewegung ganz langsam eine neue Religion, das Christentum. Heute, rund 2000 Jahre später, gehört fast jeder dritte Mensch auf der Welt einer christlichen Kirche an. Vielleicht interessieren sich trotzdem nicht alle davon für die Botschaft des Christentums. Doch dafür gibt es gar nicht mal wenige Menschen wie Ben Becker: kein Christ - aber ein wahrer Jesus-Fan.

Becker
„Ich liebe den! Ich liebe den, ich finde den … ich liebe den. Und das, was ich von ihm, sage ich jetzt mal als im christlichen Sinne nicht-gläubiger Mensch, von ihm empfangen habe. Das liebe ich. Ich fühle mich dem sehr zugetan. Und verneige mich vor ihm. Glücklicher Weise ist er ein großer Mensch gewesen, der was mitzuteilen hatte. Ein großartiger Revolutionär, ein wunderbarer … Hippie.“ 

Musik: Ben Becker: He's Alive


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Dieser Beitrag wurde am 10.07.2016 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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