Vom Bendlerblock zum Bebelplatz.

Vom Bendlerblock zum Bebelplatz. Ein Spaziergang durch die Berliner Gedenklandschaft

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„Die Erinnerung ist ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann. Gleichwohl kann sie jedoch auch die Hölle sein, aus der man nicht entfliehen kann“ – Dieser Gedanke der amerikanischen Psychologin Elisabeth Kübler-Ross bringt ein Problem auf den Punkt, das viele wahrnehmen. Wer sich an Früheres erinnert, neigt dazu, schön zu malen. Manches, was damals leidvoll war, erscheint Jahren und Jahrzehnte später im milden Licht der Vergangenheit weniger schlimm. Das Gehirn neigt zur Euphorie.

Es gibt allerdings auch schwere traumatische Erlebnisse, die niemals vergessen und auch in der Erinnerung nicht beschönigt werden. Dazu gehören Kriegserlebnisse und Gewalterfahrungen.

Das Jahr 2014 hält eine ungewöhnliche Vielzahl von Erinnerungen bereit: Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Er brachte millionenfachen Tod und – wie alle Kriege – furchtbares Leid mit sich. 75 Jahre sind seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vergangen – ein noch grausamerer Einschnitt in die Geschichte Europas.

2014 erinnert aber auch an freudige Anlässe: Vor 25 Jahren, am 9.November 1989, fiel die Berliner Mauer. Die letzte Wunde im Kalten Krieg zwischen Ost und West ist seither geheilt.

Ich lade Sie ein zu einem Spaziergang durch die Berliner Stadtmitte. Der Weg führt mich vom Bendlerblock im Diplomatenviertel am Tiergarten in Richtung Osten, durch das Brandenburger Tor bis zum Bebelplatz vor der St. Hedwigs-Kathedrale, vorbei an Orten des Gedenkens. Sie rufen Ereignisse in Erinnerung, die vergangen sind, die aber keineswegs vergessen werden dürfen.

Musik

Autor
Genau um 12 Uhr 42 ging die Bombe hoch. Die versammelten Offiziere wurden zu Boden geworfen, Trümmer flogen umher im Besprechungsraum im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze. Als der Rauch verflogen war, lagen vier Tote und weitere neun Schwerverletzte am Boden. Hitler aber lebte. Er wurde nur leicht verletzt. Das Attentat vom 20. Juli, auf den Tag genau heute vor 70 Jahren, war misslungen. Noch in derselben Nacht wurde Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit dreien seiner Mitverschwörer erschossen.

Stauffenberg und seine Leute hatten lange gezögert. Sie gehörten adligen und großbürgerlichen Kreisen an, die anfangs treue Gefolgsleute Hitlers waren. Erst nachdem das Kriegsglück sich wendete, und unter dem Eindruck der grausamen Massentötungen der Zivilbevölkerung im Osten, entschlossen sie sich zu handeln. Als religiöse Menschen erörterten sie in Widerstandkreisen ernsthaft die Frage, ob es ethisch überhaupt erlaubt sei, einen Tyrannen zu töten. Von Stauffenberg war überzeugt, dass er nicht als Held, sondern vor allem als Verräter in die Geschichte eingehen werde.

Heute erinnern eine Skulptur und eine Gedenktafel im Innenhof des Verteidigungsministeriums an die Widerstandsgruppe vom 20.Juli 1944. Schülerinnen und Schüler aus Niedersachsen, auf Klassenfahrt in Berlin, haben die Ausstellung zum gescheiterten Attentat auf Hitler besucht. Ich treffe sie an der Stelle, wo Stauffenberg mit seinen Gefolgsleuten hingerichtet wurde:

Schüler
Ich bin Julia und 15 Jahre alt, und ich bin Ramon 16.

Autor
Habt Ihr Euch vorher schon mal befasst mit Widerstand im Dritten Reich? Wie ist Euer Eindruck von dem Ort hier, wo die erschossen worden sind?

Ramon
Ich kannte den Ort noch nicht, auch nicht von Bildern. Es ist viel heller, als ich's mir vorgestellt hab. Ich dachte, das wär alles grau und dunkel hier.

Autor
Rührt einem das an, wenn man hier sieht wie das gelaufen ist und wie man dann kurzen Prozess gemacht hat. Die sind ja noch in derselben Nacht erschossen worden. Was hast du für Empfindungen hier?

Julia
Es macht mich unglaublich traurig, zu sehen, was hier passiert ist. Und man erlebt das viel mehr mit, als wenn man es im Geschichtsunterricht einfach mitbekommt, weil das viel trockener ist. Und hier ganz pragmatisch mehr Anschauungsmaterial ist, Ich mag es eigentlich nicht so nennen, weil es ein Ort ist, der unglaubliche Bewegung und Emotionen hervor ruft. Das ist etwas, wofür man sich doch verantwortlich fühlt.

Autor
Denkt ihr auch mal über Widerstand heute nach, in eurer Generation? Wogegen müsste man Widerstand aufbringen, wenn man das zum Vorbild nimmt, was die damals gemacht haben?

Julia
Gerade wenn man bedenkt, was vor kurzem bei der Europawahl passiert ist, dass eine Satirepartei in das Europaparlament gewählt worden ist, das ist ja schon ein Zeichen von Widerstand, dass unsere Jugend immer mehr gegen die Politik der älteren Parteien vorgeht, weil die wirklich nur auf den Wählerkreis von 40 und 50 aufwärts gerichtet ist. Und wir aber im Endeffekt diejenigen sind, die das jetzt zu interessieren hat, weil die Politik, die jetzt gemacht wird, auf unseren Schultern ausgetragen wir, also Schulden, die jetzt gemacht werden usw.

Musik

Autor
Mein Weg führt mich weiter, vorbei an der Ägyptischen und Österreichischen Botschaft, entlang des Tiergartens in Richtung Philharmonie. Hier an einer Straßenkreuzung treffe ich auf einen weiteren wichtigen Gedenkort. Der ist allerdings noch im Bau. Es handelt sich um das geplante Denkmal für die Euthanasie-Morde an geistig Behinderten im Dritten Reich, bekannt unter der Bezeichnung „Aktion T 4“. In einer dort bis Kriegsende befindlichen Villa an der Tiergartenstraße, Hausnummer Vier, wurden die Massentötungen von Behinderten erstmals im großen Stil geplant. Mindestens 300 000 Männer, Frauen und Kinder, die unter geistigen oder körperlichen Handicaps litten, kamen durch vorsätzlichen Mord ums Leben; unter den Tätern und Mitläufern gab es viele Ärzte und Pfleger in Kinderheimen und psychiatrischen Anstalten. Sie bezeichneten die Mordaktion als „Euthanasie“, die Auslöschung von sogenanntem „lebensunwerten Leben“ sollte aussehen wie eine Tat der Barmherzigkeit.

Der neue Gedenkort sieht eine drei Meter hohe Glaswand auf dunkler Fläche vor. Sie soll Sinnbild sein für die Verbindung des Betrachters zu den zwar getöteten, aber durch unser Erinnern doch weiter lebenden Menschen.  Die Jury, die den Entwurf der Berliner Architektin Ursula Wilms auszeichnete, formulierte hierzu:

Sprecher

„Ein fragiler Ort, ein zurückgenommener, zurückgewonnener Ort in der Stadt. Der Gedenk- und Informationsort drängt sich nicht auf und ist doch, durch die lange hellblaue Wand, unübersehbar. Wenige starke Elemente prägen das Konzept. Ein dunkler Untergrund, in leichter Schräglage gekippt, markiert das Grundstück. Der Villa wird keine Referenz erwiesen, sie bleibt unsichtbar. In der Mitte des Platzes steht eine große hellblaue Glaswand, auch sie scheinbar zufällig gesetzt. Sie bildet die symbolische Trennung derer, denen Unrecht geschah, von denen, die die Verbrechen begingen … Durch horizontale wie vertikale Kippungen und vor allem durch die hellblaue Glaswand treten Irritationen auf, die falsches Pathos nicht aufkommen lassen, aber nachdenklich machen.“

(Quelle: www.gedenkstaettenforum.de/nc/gedenkstaetten-rundbrief/rundbrief/news/gedenk_und_informationsort_tiergartenstrasse_4)

Musik

Autor

Weiter führt mich der Weg durch das Grün des Tiergartens. Schon erkennt man durch die Bäume die Umrisse des Brandenburger Tores. Doch zunächst versperrt ein großer grauer Betonquader den Weg. Es ist das Denkmal für die von den Nazis verfolgten und ermordeten Homosexuellen. 2008 wurde es eingeweiht, nach langer Diskussion und gegen den Widerstand konservativer Politiker. Das Schwulendenkmal liegt etwas versteckt zwischen Büschen, so als hätte man etwas zu verbergen. Und tatsächlich hat es eine Besonderheit: Durch ein Guckloch kann man einen kurzen Videofilm sehen, der zwei sich innig küssende Männer zeigt. Auch zwei lesbische Frauen in zärtlicher Umarmung sind zu sehen. Das Denkmal will nicht nur an die Opfer erinnern, sondern auch heute für Verständnis und Gleichberechtigung für homosexuelle Lebensweisen werben. Ein junger amerikanischer Tourist aus New York, den ich am Denkmal treffe, macht sich seine eigenen Gedanken:

Amerikanischer Student
I think, the monument itself is really nice and understated. I really like the film-idea.

Sprecher

Ich finde, das Denkmal selbst ist echt toll und unaufdringlich. An sich mag ich die Idee mit dem Film. Mein einzige Kritikpunkt ist, dass hier ein eingeschränktes Bild der Schwulen-Kultur gezeigt wird. Zwei weiße Männer, zwei weiße Frauen, immer wieder dieses Bild. Das Denkmal bringt die Schönheit der Homosexualität gut rüber, aber es limitiert diese Schönheit auch ein bisschen.

Autor
Mehrmals schon wurde das Schwulendenkmal beschädigt und beschmiert. Es provoziert noch immer Widerstand. Meinen amerikanischen Gesprächspartner wundert das nicht:

Sprecher
Das überrascht mich nicht, denn es gibt noch immer viel Schwulenfeindlichkeit in der Welt, in Deutschland, in den USA, wo ich herkomme. Das ist schade. Deshalb finde ich die konfrontierende Art des Videos gut. Anstatt daran zu erinnern, was vergangen ist, geht es darum, an einer größeren Akzeptanz in der Zukunft zu arbeiten.

Musik

Autor

Eine weitere Gruppe von Nazi-Opfern musste lange für die Anerkennung und den Bau eines eigenen Denkmals werben. Es sind die Sinti und Roma, die von den Nazis mit grausamer Härte verfolgt wurden. Auch hier gab es eine längere Auseinandersetzung zwischen dem Zentralrat der Sinti und Roma und offiziellen Stellen der Bundesregierung. Es ging darum, ob die Bezeichnung „Zigeuner“ überhaupt angemessen ist zur Charakterisierung der verschiedenen damit gemeinten Volksgruppen. Schließlich einigte man sich Anfang der 90er Jahre auf die Errichtung eines Denkmals für die, wie es amtlich heißt, „im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas“. Bis zu 500 000 Männer, Frauen und Kinder dieser Volksgruppen kamen in den Konzentrationslagern zu Tode. Das Denkmal, das an diese eigentlich unvorstellbare Untat erinnern soll, wirkt auf den ersten Blick eigentümlich diskret. In einer ruhigen Lichtung des Tiergartens, unweit des Reichstags, stößt man auf eine große runde und flache, mit Wasser gefüllte Schale, ähnlich einem still ruhenden Teich. Es soll ein Ort innerer Anteilnahme sein, gleichsam ein See voller Tränen, der den Schmerz über die Ermordung so vieler Menschen fühlen lässt.

Ich frage eine Frau, um die Siebzig, die seit geraumer Zeit schweigend und mit versunkenem Blick am Denkmal steht, wie sie diese Art des Gedenkens empfindet:

Denkmalbesucherin
Ich finde, erst in der Stille kommt man dazu, entsprechende Gedanken zu formulieren und wirklich in der Tiefe zurückzuführen. Und ich finde, zum Beispiel hier, die Wasserfläche bei diesem Mahnmal, ist für mich persönlich ein ganz wichtiges Stilmittel, mich in die Tiefe zu führen, und ich könnte das nicht so gut, wenn ich jetzt realistische Bilder sehen würde, da würde ich weglaufen. Also für mich ist es sehr wichtig, wenn ich hier die Namen der Orte lese, wo die Tötungen stattgefunden haben, dann geht bei mir innerlich sowieso ein Film ab, und ich hab dann sehr viele Bilder im Kopf, die dann hochkommen: Und ich denke, die sind bei uns allen sowieso im Kopf gespeichert, sie sind vorhanden. Und für mich ist es gut, wenn es auch an einem ästhetischen Ort ist und zurück gerufen werden kann. …. Es bringt einen sehr zur Stille und sehr viel Tiefe, und es bringt einen sehr zum Nachdenken. Und ich bin zwar nicht aus einer Zigeunerfamilie, aber doch aus einer Holocaustfamilie und kann mich sehr gut in diesen Ort hier einfühlen. Ich finde das sehr schön mit diesem Lautsprecher und der leisen Musik im Hintergrund.

Musik

Autor
Weiter führt mich mein persönlicher Gedenkweg - vorbei am Brandenburger Tor - zum großen Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals. Es steht für die unvorstellbar große Zahl von bis zu fünf Millionen Menschen, die planmäßig und industriell in den Gaskammern und Krematorien der KZ’s ermordet wurden. Wer aber nun meint, dies sei ein besonders heiliger Ort, der nur mit angemessener Ehrfurcht betreten werden kann, wird mit einer völlig anderen Wirklichkeit konfrontiert. Rund um das fußballgroße Feld mit seinen mehr als 2500 grauen Betonquadern herrscht touristischer Hochbetrieb. Besucher laufen mit Fotos durch die schmalen Gänge, machen Selfies und schicken sie auf Facebook oder Twitter in alle Welt, versehen mit den Schlagworten *holocaustmahnmal*berlin*happy day. Man sieht auch Kinder, die Fangen spielen und über die Stelen klettern. Andere ruhen sich aus, essen Eis oder benutzen die Säulen als Unterlage zum Postkartenschreiben. Gäbe es nicht die Informations- und Ausstellungsräume unterhalb des Mahnmals, könnte man das Stelenfeld auch als urbane Erlebnislandschaft verstehen.

Zwei ältere Damen, die auch gerade vom anstrengenden Touristikprogramm ausruhen, machen sich ihre Gedanken:

Holocaustmahnmal-Besucherin

Mein erster Eindruck ist: Es sind sehr viele Menschen hier, junge Leute, Kinder. Es lebt, es ist eigentlich ein Widerspruch: es sind harte Granitblöcke oder dieses Graue und die verschiedenen Grauschattierungen, die für mich sowas wie Tod, oder zumindest nichts Lebendiges ausstrahlen. Aber dadurch, dass soviele Menschen hier sind, und auch sehr fröhlich sind, ist das eigentlich was Positives, dass diese graue Vergangenheit wieder belebt ist einerseits, andererseits kann man natürlich auch fragen: Verstehn das die Leute? Ich denke, der Holocaust ist bei den jungen Leuten einfach nicht mehr so gegenwärtig wie in meiner Generation.

Der jüdische Architekt Eisenmann hat ja gesagt, er möchte ein Denkmal mitten in der Stadt, und er möchte es nicht abgegrenzt haben, sondern maximal offen. Deswegen sind die Steine am Anfang so niedrig, dass man fast hineinstolpert, auch die Bäume, die hier so ein wenig hineinreichen. Glauben Sie, dass das Konzept aufgeht, diese Lockerheit?

Die Lockerheit am Anfang, ja. Also mich hat das auch gleich lebensfroh gestimmt, trotz dieser Schwere von den Quadern hier, dieses leblose Gestein. Und zugleich denke ich, doch, was mir besonders imponiert hat, sind die kleinen Kinder die da rennen und sich eigentlich freuen. Das ist das pure Leben, das sich da in den dunklen Gängen und Fluchten bewegt.

Musik

Autor
Mein Weg führt mich weiter in östlicher Richtung, durch das Brandenburger Tor, Unter den Linden entlang. Man kann viele Stätten der Erinnerung an Krieg und Leid auf diesen wenigen Metern antreffen. Zu nennen wären etwa die weißen Kreuze für Werner Probst, Marienetta Jirkowski oder Chris Goeffroy, nur einige der Maueropfer, die bei Fluchtversuchen aus der DDR ums Leben kamen. Unweit des Grenzübergangs am früheren Checkpoint Charlie wird mit der Gedenkstätte Topographie des Terrors, der früheren Terrorzentrale der Nazis, an die Anfänge der Verfolgung und Nazi-Verbrechen erinnert. Mein Weg führt mich jedoch weiter in Richtung Bebelplatz. Hier, genauer gegenüber der Staatsoper Unter den Linden, steht die offizielle Nationale Gedenkstätte der Deutschen, die Neue Wache. Schon nach ihrer Fertigstellung im Jahre 1818 durch den Baumeister Karl Friedrich Schinkel diente das tempelartige Gebäude als Erinnerungsort für die Opfer der anti-napoleonischen Kriege. In der Weimarer Republik wurde die Neue Wache zum Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs umfunktioniert. Im Inneren erinnert eine Kopie der Pietà von Käthe Kollwitz heute an alle Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft.

Musik

Autor
Mein persönlicher Gedenkweg endet auf dem Bebelplatz, an einem ganz besonderen Denkmal, das gar nicht so leicht zu finden ist. Es besteht aus einem viereckigen Loch in der Mitte des Bebelplatzes. Nur eine begehbare Glasplatte schützt den Besucher davor, hineinzufallen. Touristen stehen vor dem Loch und versuchen, in den darunterliegenden Raum zu schauen. Doch der ist leer und ganz weiß. Nur ein paar Regalbretter an den Wänden geben Hinweise darauf, was mit dem eigenartigen leeren Raum gemeint sein könnte. Es ist das Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933, eine vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund geplante und durchgeführte Aktion, bei der Werke verfemter Autoren in schauerlicher Dramaturgie ins Feuer geworfen wurden. Unter den Büchern, die dem Allmachts- und Vernichtungswahn der Nazis zum, Opfer fielen, waren die von Karl Marx, Erich Kästner, Sigmund Freud oder Kurt Tucholsky – um nur einige zu nennen.

Musik

Autor
In der St. Hedwigs-Kathedrale, nur einen Steinwurf entfernt, befindet sich die letzte Station meines kleinen Gedenkwegs an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Hier liegt der frühere Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg begraben. Er starb, von den Nazis verfolgt, auf dem Weg ins KZ Dachau. Nach der so genannten „Reichskristallnacht“ im November 1938, als überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört wurden, war er auf die Kanzel der St. Hedwigs-Kathedrale gestiegen und hatte das Unrecht gegenüber den jüdischen Glaubensbrüdern deutlich beim Namen genannt. Seither betete er allabendlich in der Bischofskirche auch für die verfolgten Juden und die Gefangenen in den Konzentrationslagern.

In der Unterkirche der Hedwigs-Kathedrale befindet sich das Grab des mutigen Dompropstes. Er wurde nicht nur vom Papst als Märtyrer seliggesprochen wurde, sondern auch von jüdischer Seite als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. In einer der Kanzelvermeldungen von Dompropst Lichtenberg heißt es:

Zitator
„In Berlin wird ein anonymes Hetzblatt gegen die Juden verbreitet. Darin wird behauptet, dass jeder, der aus angeblicher Sentimentalität die Juden irgendwie unterstützt, und sei es auch nur durch ein freundliches Entgegenkommen, Verrat an seinem Volke übt. – Lasst Euch durch diese unchristliche Gesinnung nicht beirren, sondern handelt nach dem strengen gebot Jesu Christi: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘“.

Musik


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Dieser Beitrag wurde am 20.07.2014 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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