Am Sonntagmorgen, 17.07.2016 

von Elena Griepentrog aus Berlin

Donner-Drama-Dichtung - Von der erstaunlichen Kraft der Psalmen

Sprecher
Von allen Seiten umgibst du mich, / und hältst deine Hand über mir. Steige ich zum Himmel hinauf, so bist du da, / lege ich mich zu den Toten, da bist du auch. Nehme ich die Flügel des Morgenrots / und lasse mich nieder am Ende des Meeres, auch dort wirst du mich führen, / und deine Hand wird mich halten. (Psalm 139, 5, 8-10)

Autorin
Psalm 139. Für mich der Inbegriff von Geborgenheit in etwas Höherem, im Raum, in der Zeit, in Gott. Die biblischen Psalmen sind eine Sammlung von 150 geistlichen Gebeten mit freiem Vers, zusammengefasst in einem Extrabuch im Alten Testament. Die Psalmen atmen die karge, kleinbäuerliche Welt des antiken Israel - ursprüngliche Wucht und Kraft, aber auch unverstellte Zärtlichkeit. Im Alten Testament haben die Psalmen eine Sonderstellung. Denn sie sind keine Erzählungen über das Volk der Israeliten, keine theologischen oder historischen Abhandlungen, sondern: Gebete, Gesänge und Klagen zu ihrem Gott, Jahwe. Ganz praktisch, auf Du und Du. Randvoll mit Gefühlen des täglichen Lebens. Freude und Dankbarkeit. Angst und Verlassenheit. Enttäuschung. Wut und sogar Hass. Über 3000 Jahre sind die ältesten Psalmen alt. Im alten Israel kannte sie jeder, auch Jesus von Nazareth hat sie gebetet. Diese knorrigen, lebensprallen Gedichte und Gebete, ja, unbekümmerten Zwiegespräche mit Gott, sie werden bis heute genutzt, von Juden und von Christen aller Konfessionen.

Besonders präsent sind die Psalmen in den Klöstern. Je nach Orden strukturieren sie hier weitgehend den Tag. Morgens, mittags, abends kommen Mönche oder Nonnen, ganz normale Gläubige und auch einfach Suchende zum gemeinsamen Stundengebet zusammen, eine uralte Tradition, die zurück geht bis in die Anfänge des Christentums.

In den Klöstern unserer Tage beten manche Gäste das Stundengebet der Mönche oder Nonnen aktiv mit, andere hören einfach nur zu, lassen sich fallen in den Halt der betenden Gemeinschaft. Fühlen sich mit ihren eigenen Gedanken und Gefühlen hier gut aufgehoben. Der Theologe, Psychologe und Buchautor Wunibald Müller:

Wunibald Müller
Das Stundengebet hat da die Funktion natürlich schon einmal, den Tag zu unterbrechen, mich wieder zu besinnen, der Verbundenheit mit Gott, und indem ich diese alten Gesänge miteinander, mit den anderen Mitbrüdern, mit den anderen Mitschwestern mitbete, die Verbundenheit miteinander zu stärken, und manchmal auch einfach diese halbe Stunde oder diese Viertelstunde sozusagen baden in der Gegenwart Gottes.

Autorin
Die meisten Gläubigen beten nur gelegentlich, an manchen Tagen das Stundengebet. Aber es gibt auch katholische Gläubige, die das Stundengebet jeden Tag, allein zu Hause oder gemeinsam in der Kirche beten. Die Berlinerin Rita Krutschke ist neben dem Dominikaner-Kloster in Berlin-Moabit aufgewachsen. Und mit dem Stundengebet.

Rita Krutschke
Ich bin eigentlich ziemlich begeistert davon, von Anfang an. Das ist ein St
ück Liturgie, das heißt, es ist alles vorgeschrieben, was man da machen muss, und wenn man sich da reinfindet, kann man richtig abschalten, und der Atem, der Körper, alles betet praktisch mit.

Autorin
Und ihre Kirchenbanknachbarin Christa Hornig meint:

Christa Hornig 
Ich finde, diese Stundengebete ziehen einen so ein bisschen aus dem Alltag raus. Und ja, macht mich in gewisser Weise eben auch glücklich, muss ich sagen. Und ich nehme es dann eben auch mit.

Autorin
Und dies, obwohl die Psalmen sprachlich durchaus eckig sein können, nicht immer leicht verständlich. Die Lebenswelten sind häufig fremd. Und die Inhalte wiederholen sich häufig, in orientalischer Tradition. Doch wenn man sich einlässt auf die scheinbaren Endlosschleifen, auf die urtümlichen Lebenswelten, auf die ursprüngliche Kraft, dann leuchtet der Kern, das Göttliche tritt hervor. Und das Menschliche! Das, was heute noch genauso gilt wie schon zu allen Zeiten.

Ein Leben ohne Stundengebet? Für den Dominikanerpater Burkard Runge ist dies nach beinahe 70 Jahren im Kloster nicht mehr vorstellbar.

Pater Burkard Runge
Manche Worte kommen einem zur richtigen Zeit wieder in Erinnerung, Worte, die ermutigen oder trösten oder eine eigene innere Einstellung ansprechen. Aber, dass zum Leben halt auch das andere gehört, mit dem dunklen Tal oder die Belastungen des Lebens, die es auch gibt, und Enttäuschungen, dass auch da das Vertrauen mich nicht verlässt, ich muss sagen, ich bin, seitdem ich im Orden bin, wirklich in Vieles von diesen Psalmen hineingewachsen, und das trägt mich.

Autorin
Das Wort Psalm stammt vom griechischen psállein – die Saiten schlagen, also in etwa „Gesang mit Saitenbegleitung“. Die meisten Psalmen waren vermutlich religiöse Gassenhauer. Viele sinnenhafte Bilder aus dem Alltag von Kleinbauern kommen vor: Felder, Weinstöcke, Wasserkrüge. Neben dem Lobpreis Gottes und Dankbarkeit geht es häufig um sehr menschliche Themen: Altwerden, Trauer, Krankheit. Lebensfreude, leibliche Genüsse, den Sehnsuchtsort Zion. Die Bitte um Schutz auf Reisen. Um Trost und Gerechtigkeit. Oder um den schmerzlichen Verrat durch andere Menschen.

Sprecher    
Steh auf, um mir zu helfen! Denn grundlos haben sie mir Fallen gestellt, / ohne Grund eine Grube gegraben, ein Netz gelegt. Gewaltsame Zeugen sagen gegen mich aus, / sie werfen mir Verbrechen vor, von denen ich nichts weiß. Sie vergelten mir Gutes mit Bösem. / Ich bin verlassen und einsam. (Psalm 35, 7, 11-12)

Autorin
Das große Finale ist der Psalm 150, ein einziger, großer Lobgesang auf Gott, den Schöpfer, auf den Geist, der alles durchdringt. Auf die Ewigkeit.

Wer einen solchen Psalm mitbetet, schließt sich an an alle Generationen, die vor uns gelebt haben. Und an die, die nach uns kommen werden. Ich lasse mich fallen in die Menschheit. Wunibald Müller:

Wunibald Müller
Die Vorstellung in der Tiefenpsychologie ist ja, dass zum Beispiel durch die Archetypen wir im Grunde genommen an etwas angeschlossen sind, dass wir mit der übrigen Menschheit teilen. Also unabhängig von unserem persönlichen Wissen, individueller Erziehung gibt es so etwas wie ein kollektives Unbewusstsein, das uns, die ganze Menschheit, seit Jahrmillionen im Grunde genommen miteinander verbindet.

Autorin
Die Psalmen sind unsterblich. Denn es geht um menschliche Grunderlebnisse. Erfahrungen, die Menschen schon gemacht haben, als sie noch Nomaden waren. Genauso wie die Menschen, die heute Tag für Tag durchs Internet surfen. Sie alle erleben Angst, Freude oder Traurigkeit. Sie kennen Verzweiflung, glückliche oder unglückliche Liebe. Das schmerzhafte Gefühl, abgelehnt zu werden. Oder Momente der Einsamkeit. Vielleicht sind Psalmen deshalb besonders bei Beerdigungen sehr beliebt. Wenn die eigenen Worte fehlen, wenn man sprachlos ist vor Schmerz oder vor Angst vor dem Kommenden, kann man sich den alten Worten anvertrauen. Worten, die schon von Hunderten von Generationen vor uns durchlebt und erprobt wurden.

Besonders faszinierend und irgendwie auch hochmodern: In den Psalmen redet der Beter mit Gott auf Augenhöhe. Manches klingt spontan, anderes fordernd, anklagend, vorwurfsvoll, ja fast beleidigend. Und all das ist erlaubt vor Gott, es steht so in der Bibel. Ein Verzweifelter kann eben nicht mehr jedes Wort abwägen. Da donnert's und kracht's. Da wird’s auch mal dramatisch. Es ist eine enge Beziehung zwischen Mensch und Gott. Voller Urvertrauen.

Vielleicht haben auch deshalb so viele Komponisten die Psalmen als Inspirationsquelle genutzt. Nicht zu vergessen die Dichter! Auch der Berliner Dichter Norbert Hummelt, Träger etlicher Literaturpreise, fühlt sich von der Sprache der Psalmen inspiriert. Zum Beispiel vom berühmten Psalm 23.

Sprecher    
Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln/ Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser/ Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück/ denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich. (Psalm 23, 1-2, 4)

Autorin
Norbert Hummelt:

Norbert Hummelt
Das ist eine feierliche, aber auch schöne Sprache, die hat einfach etwas sehr Einnehmendes und Betörendes, einfach diese Bilder da. Die grünen Auen und das Wasser. Das sind Bilder, die offen sind. Also, das gehört ganz ohne Zweifel zu den wertvollen sprachlichen Quellen, aus denen man als Lyriker schöpfen kann.

Sprecher
Mein Gott, mein Gott! / Warum hast du mich verlassen? / Warum bist du so weit weg? / Du hörst mein Schreien nicht! Mein Gott, ich rufe am Tag, / doch du antwortest nicht, / ich rufe bei Nacht / und finde nicht Ruh! (aus Psalm 22)

Hummelt
Man spürt eine Not, eine Veranlassung, jetzt diesen Anruf an Gott zu tätigen. Also die Dringlichkeit eines Textes ist ganz sicher ein literarisches Kriterium. Und die Psalmen, sie wirken nicht ausgedacht, sie sind nicht fiktional, sie sind einfach ein ganz existenzieller menschlicher Ausdruck, der, und das ist natürlich erst recht ein literarisches Gütezeichen, die Jahrtausende überdauert hat und immer wieder uns heute ansprechen kann.

Autorin
Einer meiner persönlichen Lieblingspsalmen ist der Psalm 137. Vor rund 2600 Jahren werden die Israeliten gewaltsam in der Fremde, in Babylon, festgehalten. Und sie sehnen sich nach ihrer Heimat! Wohl jeder, der einmal brennendes Heimweh hatte, fühlt hier mit!

Sprecher   
An den Strömen Babylons, / da saßen wir und weinten, / und wir dachten an Zion. An die Pappeln dort / hängten wir unsere Zithern. Denn die uns verschleppt hatten, forderten Strophen von uns; / unsere Peiniger verlangten Freudengesang: / "Ja, singt uns eins der Zionslieder!" Wie könnten wir ein Jahwelied singen / auf dem Boden der Fremde?
(Psalm 137, 1-4)

Autorin
Eifersucht und Missgunst, Eitelkeit, Trotz oder nackte Wut - in den Psalmen wird kein Gefühl ausgelassen, sagt der Theologe und Psychologe Wunibald Müller.

Wunibald Müller
Also Gefühle von Ärger, auch Ärger gegenüber Gott, wie konntest du mir so etwas antun! Wie konntest du mir meinen Mann nehmen! Oder manchmal auch die Gefühle von Hass, und dadurch, dass das in einem Psalm sozusagen zugelassen wird, kann es den Betreffenden leichter gemacht werden, zu solchen tabuisierten Gefühle wie Ärger oder Hass zunächst einmal zu stehen und in Form von Psalmworten diese Gefühle auch zum Ausdruck zu bringen.

Autorin
Die Psalmen als therapeutische Hilfe. Insbesondere in Trauerprozessen, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat oder selbst schwer krank ist oder seine Arbeitsstelle verliert. Es gibt Psalmen für alle Lebenslagen, für verschiedene Lebensalter. Sie können eine reinigende Wirkung haben, wie die Klageriten in archaischen Gesellschaften.

Müller
… dass die Klagefrauen, die ja dann zum Beispiel der Beerdigung dabei sind und die sich das Herz zerreißen, die Kleider zerreißen, die total diese Gefühle ausleben, und das, was da abläuft, im Grunde genommen, wenn ich wirklich die Trauer in den Psalmen zulasse, wirklich die nicht nur mit dem Mund spreche, sondern mit dem ganzen Leib, dem Körper spreche, ich im Grunde genommen das tue, was die Klagefrauen bei den Beerdigungen in Griechenland tun.

Autorin
Die Psalmen werden in vielen Klöstern heute als Sprechgesang gesungen, nach festgelegter einfacher Tonfolge, dem Psalmton. Zwischen zwei Versen ist jeweils eine kurze Pause vorgegeben, ein Moment des kollektiven Atmens. Durch das ständige Wiederholen der simplen Tonfolge, durch den gemeinsamen Rhythmus in der Gemeinschaft wirkt das Psalmenbeten fast wie ein Mantra, manch einer gibt sich einer leichten Trance hin. 

Müller
Ich weiß von manchen, die sagen, ach, manchmal bin ich da ganz bewusst dabei, dann wieder bete ich die einfach vor mich hin, dann wieder schlafe ich vielleicht so halb, und trotzdem bin ich so in Berührung mit den Texten, eine ganz unterschiedliche Weise, die hier ermöglicht, die Verbundenheit mit Gott, mit dem Größeren auf diese Weise zu artikulieren und dabei, wenn ich möchte, auch offen dafür zu sein, dass das, was das in mir auslöst, das zuzulassen.

Autorin
Die Psalmen. Sie erlauben uns, ganz Mensch zu sein. Sie beruhigen die Seele, sie geben Wurzeln und Halt. Sie schenken eine Mitte und öffnen den Himmel.


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Dieser Beitrag wurde am 17.07.2016 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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