Morgenandacht, 07.07.2016

von Uwe Beck aus Mainz

Das 5. Evangelium

 „Hast du ein Lieblings-Evangelium?“, werde ich beim abendlichen Bibel-Teilen in der Kirchengemeinde plötzlich gefragt. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Lieblingsbibelstellen? Da gibt es eine Menge. Aber als komplettes Evangelium? Und doch geht mir die Frage nicht aus dem Kopf.

Jedes Evangelium hat sein Recht, und es war eine weise Entscheidung der Kirche, sich nicht auf das Buch eines Evangelisten beschränkt, sondern sich für vier Evangelien entschieden zu haben. Lukas ist nicht Johannes, und Matthäus ist nicht Markus – und doch bilden sie das eine Evangelium. Das eine Evangelium in vier Varianten. Jeder Evangelist stützt sich auf Quellen, auf schriftliche Textstücke, auf Zeugenaussagen. Und dann bringt er zum Ausdruck, was er selbst von Jesus gehört und verstanden hat. Herausgekommen sind da keine wertfreien Texte. Bei aller Unterschiedlichkeit haben die vier Evangelisten nur ein Ziel: Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen. Frommer Tendenz-Journalismus, wenn man so will.

Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen, das gelingt den Evangelien (und anderen neutestamentlichen Texten) seit 2000 Jahren. Wenn das gelingt, dann schreiben Christinnen und Christen die vier Evangelien weiter. Mehr noch: Es entsteht eine Art fünftes Evangelium. Auf mich bezogen heißt das: Mein Leben ist das fünfte Evangelium. Darin zeige ich, was ich von Jesus gehört, verstanden und weitergegeben habe. Wann habe ich vom Glauben Feuer gefangen? Wo habe ich mich als Christ bewährt? In welcher Situation habe ich jämmerlich versagt? Wo war Umkehr erforderlich? Und nicht zuletzt: In welchen Krisen ist mein Glauben gewachsen? Bleibt meine Hoffnung unerschütterlich bestehen, einmal in die Liebe Gottes hinein zu sterben, um dann bei ihm ewig zu leben?

Es gab Krisen in meinem Leben, in denen mein Glaube angefragt wurde. Als eines meiner Patenkinder sterben musste – da half kein Theologiestudium, kein Bibelzitat und keine frommen Lieder. Mein fünftes Evangelium stand vor dem Scheitern. Tagelang und wochenlang konnte ich an ihm nicht weiterschreiben. Und wenn es doch gelang, dann war es Protest. Protest gegen den Tod eines unschuldigen Menschen. Ganz am Anfang seines Lebens. Ein Leben, ungelebt. Was ist der Sinn? Was kann der Sinn sein? In meinem fünften Evangelium sind das die dunkelsten Kapitel geblieben. Mein Protest bleibt bestehen, auch wenn die Wunden langsam verheilen. Die Psalmen im Alten Testament haben mir geholfen, im Dauer-Gespräch mit meinem Gott zu bleiben. Vor allem deshalb, weil Wut und Protest erlaubt sind. Aber mir ist klar, dass es dabei nicht bleiben darf, nicht bleiben kann.

 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?“, heißt es in Psalm 22, den Jesus sterbend betet. Ja, diese letzten Worte Jesu am Kreuz mache ich mir zu Eigen. Da gibt es nichts zu deuteln! Und ich weiß, dass ich am Kreuz nicht stehen bleiben muss. Dass Auferweckung folgen wird, für Jesus, für mein Patenkind, und auch für mich, das ist meine Hoffnung. Schon jetzt, heute.  „Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit“, so schließt der Psalm 23. Auch das gehört zu einem wichtigen Kapitel im meinem 5. Evangelium.

Das fünfte Evangelium meines Lebens ist nicht bindend für andere, schon gar nicht für die Kirche. Im Gegensatz zu den vier Evangelien der Bibel entsteht keine neue Richtschnur. Aber als eine konkrete Form, als Christ zu leben – so möchte sich mein fünftes Evangelium dann doch verstehen. Es entsteht seit über 50 Jahren – Kapitel für Kapitel. Ich bin selbst erstaunt, wie umfangreich das wird mit den Jahren. Ich habe mich verändert, auch mein Glaube ist ein anderer. Ich lasse aber auch alte, frühe Texte stehen. Ich möchte mein Leben, mein Glaubensleben nicht umschreiben. Das wäre nicht redlich, und spannender zu lesen ist das allemal.

Ich glaube, dass ich mein Leben einmal vor Gott werde verantworten müssen. Mein Leben, also mein fünftes Evangelium. Wenn ich dann vor dem Allerhöchsten stehen werde, dann muss ich nicht mehr viel sagen. Ich überreiche ihm mein fünftes Evangelium, die einzige Ausgabe, die es davon gibt. Und Gott wird sagen: Ich weiß.


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Dieser Beitrag wurde am 07.07.2016 gesendet.


Über den Autor Uwe Beck

Uwe Beck studierte katholische Theologie und arbeitete anschließend als Seelsorger, Lehrer und Journalist. Kontakt
uwe.beck@st-loreto-duale-fachschulen.de

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