Wort zum Tage, 18.06.2016

von Pastoralreferentin Carla Böhnstedt aus Berlin

Luftschlösser bauen

Was sagt der Fuchs dem Hasen zur Nacht? Wovon träumen Schneeflocken? Welche Mutproben machen Angsthasen? Wer hängt die Geigen an den Himmel?

Mit solchen Fragen hat eine Aktion auf dem Leipziger Katholikentag meine Phantasie angekurbelt. Ich finde sie spannend. Weil: Ich werde aufgefordert, die gewohnte Perspektive zu ändern. Die übliche Denkrichtung zu verlassen. So verspielt die Fragen auch daherkommen – eine flotte, gar fertige und „wasserdichte“ Antwort gibt es nicht. Ausgetretene Gedanken-Pfade verlassen, das träge „Aber-das-war-doch-immer-schon-so“ abschütteln, von Aufbrüchen träumen - das sind ganz wichtige Übungen gerade für Christen.

Von einer „anderen Kirche“ träumt auch der evangelische Pfarrer und Publizist Jörg Zink. Er schreibt:

"Ich träume von einer Kirche,
die in Bewegung ist,
in Bewegung auf ihren Herrn zu:

Ich träume von einer Kirche,
die ihr Dach verliert und stattdessen
nur den Himmel über sich hat und die Wolken,
den Glanz der Sonne und das zarte Leuchten der Sterne bei Nacht.

Ich träume von einer Kirche,
die keinen Turm hat und keinen Turm braucht,
denn niemand braucht nach oben zu weisen,
das Licht des Himmels ist allen Augen sichtbar.

Ich träume von einer Kirche,
die keine Türen hat
und schon gar keine Schlösser an ihren Türen,
in die wir hineingehen können oder hinaus,
in voller Freiheit, weil das Innen und das Außen eins sind;
von einer Kirche, die niemanden aussperrt.

Ich träume von einer Kirche,
deren Wände sich auflösen und sich verlieren,
so, dass das Licht von allen Seiten eindringt;
von einer Kirche, in der Freiheit ist,
die sich selbst und ihre Grenzen und Wände
nicht wichtig findet;
die ihr Dach und ihre Wände und Pfeiler
dem Glanz des Himmels zum Opfer bringt.

Ich träume von einer Kirche,
die durchscheinend wie Glas ist
oder noch mehr: von einer Kirche,
die so offen und so frei ist wie die Welt selbst.

Denn »Kirche« ist doch wohl
nicht eine Institution innerhalb der Welt.
Sie ist vielmehr die Welt selbst,
soweit in ihr das Wort von Christus ergeht."  (Jörg Zink)

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Quelle: „Ich träume von einer Kirche“, Jörg Zink, in »Themen des Glaubens«, Heft 29, Frankfurt/Main (Verlag der action 365), 1983, 33 Zeilen; als Postkarte und Poster im Kawohl-Verlag (Wesel)


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Dieser Beitrag wurde am 18.06.2016 gesendet.


Über die Autorin Carla Böhnstedt

Carla Böhnstedt, geboren 1972, ist im Osnabrücker Land aufgewachsen. Ein Studium der katholischen Theologie absolvierte sie in Münster und Freiburg im Breisgau. Nach dem Diplom war sie 16 Jahre lang Pastoralreferentin im Bistum Osnabrück: acht Jahre in einer Pfarreiengemeinschaft in Lingen sowie acht Jahre in einem pastoralen Raum in Bremen. Im März 2014 wechselte Böhnstedt ins Erzbistum Berlin: dort arbeitete sie bis 2017 als Projektreferentin für Suchendenpastoral, und seitdem als Pastoralreferentin in der Citypastoral. Kontakt
carla.boehnstedt@erzbistumberlin.de

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