Wort zum Tage, 17.06.2016

von Pastoralreferentin Carla Böhnstedt aus Berlin

Lichtkreuz über den Dächern der Stadt

Zweifelsohne ein bautechnisches Mammutprojekt und gut für's Prestige: 368 Meter hoch, 26 000 Tonnen schwer, 986 Stufen für den Notfall. Die Rede ist nicht etwa vom Turmbau zu Babel, sondern vom Fernsehturm in Berlin.

Heute denkmalgeschützt, wurde er 1969 zum 20. Geburtstag der DDR eröffnet. Doch der erhoffte Propaganda-Effekt geriet zum Desaster, denn auf der silbernen Kugel des Kultobjekts des religionsfeindlichen Staates leuchtet bei Sonnenschein weithin sichtbar ein Kreuz. Und das kam so: Auf der Stahlverkleidung der Kugel wurden etwa tausend kleine Pyramiden angebracht, mit denen die Luftwirbel verringert und ein Schwanken der Kuppel verhindert werden. Und genau diese Pyramiden sind es, die den Kreuz-Effekt verursachen, wenn die Sonne darauf scheint.

Ich finde es grandios, dass ein Kreuzzeichen ausgerechnet über den Dächern einer Stadt erstrahlt, die oft allzu schnell als „gottlos“ tituliert wird. Einer Stadt, auf die zutrifft, was die Theologin Christina Brudereck beschreibt:

„Stadt: Wo jeder Glaube seine Hütte hat

Kirche, Dom und Synagoge, auch Moschee,

Tempel oder Saal, und noch mehr zur Wahl

Volkshochschule, Sportverein, Schrebergarten, Altenheim

 

Stadt: Wo das Leben nie geschlossen hat

sieben Tage, 24 Stunden, keine Bürgersteige hochgeklappt

anonym und laut, die Stadt, wunderbar und nimmersatt

anders als das Leben auf dem Land

hochinteressant, imposant, charmant

sie wirbt um dich, sie will dich ganz

(…)

Und Gott? … nicht eben dominant, oft unerkannt

wie sie charmant und tolerant

wahrscheinlich Protestant (kleiner Witz)

vielleicht auch Ministrant (alles wieder gut)

Gott: Zuhause in der Szene und den andren Szenen

in Dialogen, Ökumenen … im Suchen und Sehnen

Ja, Gott sehnt sich mit den Menschen um die Wette

ich bin überzeugt:

Gott mag die Städte.“

Wenn ich in der Nähe des Alexanderplatzes unterwegs bin, wandert mein Blick immer wieder zu diesem stummen Zeugnis hinauf. Es zeigt mir Gottes Sehnsucht nach uns Menschen, auf die er sich sogar hat festnageln lassen. Und mir kommt Maurice Sendak in den Sinn, der sagt: „Es muss im Leben mehr als alles geben!“ Recht hat er. Gerade in Berlin mit seinen schier unbegrenzten Möglichkeiten. Das hell strahlende Kreuz steht für diesen „Mehrwert“, es zeichnet ein göttliches „Plus“ über jedem Menschenleben.

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Quellen:

Christina Brudereck in: Philipp Elhaus, Christian Hennecke (Hrsg.) Gottes Sehnsucht in der Stadt. Auf der Suche nach Gemeinden für Morgen. Echter Verlag, Würzburg, 2011, S. 231f., 16 Zeilen

Maurice Sendak: „Es muss im Leben mehr als alles geben!“ in: Higgelti Piggelti Pop oder: Es muss im Leben mehr als alles geben. Geschichte und Bilder von Maurice Sendak, Diogenes Verlag, 6. Auflage 2009, gebundene Ausgabe, ISBN 978-3-257-00525-7


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Dieser Beitrag wurde am 17.06.2016 gesendet.


Über die Autorin Carla Böhnstedt

Carla Böhnstedt, geboren 1972, ist im Osnabrücker Land aufgewachsen. Ein Studium der katholischen Theologie absolvierte sie in Münster und Freiburg im Breisgau. Nach dem Diplom war sie 16 Jahre lang Pastoralreferentin im Bistum Osnabrück: acht Jahre in einer Pfarreiengemeinschaft in Lingen sowie acht Jahre in einem pastoralen Raum in Bremen. Im März 2014 wechselte Böhnstedt ins Erzbistum Berlin: dort arbeitete sie bis 2017 als Projektreferentin für Suchendenpastoral, und seitdem als Pastoralreferentin in der Citypastoral. Kontakt
carla.boehnstedt@erzbistumberlin.de

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