Wort zum Tage, 16.06.2016

von Pastoralreferentin Carla Böhnstedt aus Berlin

Alltagstourismus

„Alltagstourist – An unscheinbaren Orten dem tieferen Sinn auf der Spur“ heißt ein Buch der Hamburger Kommunikationsdesignerin Eva Jung. Darin lädt sie auf wunderbar ver-rückte Gedankenspaziergänge ein, um „das Besondere im Hier und Jetzt zu entdecken“, wie sie sagt. Der Leser kann durch ungewöhnliche Perspektiven und neue Blickwinkel Orte wahrnehmen, die er sonst keines intensiveren Blickes würdigen würde: Straßenschluchten, Hinterhöfe, Hochhausfassaden, Straßengraffiti, U-Bahn-Schächte, kaputte Leuchtreklamen … Eva Jung hält flüchtige Augenblicke, Gesten und Gesichter fest, die normalerweise schnell aus dem Blick geraten. Oder gar nicht erst hinein.

Die Fragen neben den Fotos locken auf eine innere Entdeckungsreise: Wie schnell träumen Sie? Was fehlt Ihnen zum Glück? Was erlauben Sie sich? Würden Sie gern woanders wohnen? Gar nicht so einfach zu beantworten! Und gerade deshalb so reizvoll.

Ich flaniere gerne durch dieses Buch. Schon der Titel „Alltagstourist“ fasziniert mich in seiner provokanten Widersprüchlichkeit. Und mehr noch die Haltung, die dahinter steckt. Denn ich ertappe mich oft dabei, eher ein "Blindfisch" zu sein als ein Alltagstourist. Eher durch den Alltag zu hetzen, als mich mal treiben zu lassen. Tunnelblick statt Fernglas. Zielgerichtete Effizienz statt Müßiggang. Routine statt Abenteuergeist.

In meinem Alltag bin ich schließlich ortskundig. Die Kassiererin im Supermarkt: kenn ich. Der Straßenkünstler im U-Bahn-Schacht: steht da häufig. Der Geschmack des frischen Brotes von meinem Lieblingsbäcker: lecker, aber vertraut. Der Berliner Dialekt: charmant, aber verstehbar. Die wesentlichen U-und S-Bahn-Routen: hab ich im Kopf. Einkaufen gehen: irgendwie landen immer dieselben Produkte in meinem Korb. Da weiß man, was man hat.

Also „nichts Neues unter der Sonne“ wie bereits vor 2000 Jahren der biblische Prophet Kohelet (Koh 1,9) fast schon gelangweilt zusammenfasst. Dagegen ist ja auch grundsätzlich nichts einzuwenden. Eingespielte Abläufe haben durchaus ihren Wert, sie geben Sicherheit. Schade nur, wenn Routine umkippt in Lethargie und Behäbigkeit. Da würde ich mir dann schon gerne selbst „in den Hintern treten“.

Vielleicht könnte gegen solch lähmende Resignation die Haltung des von Eva Jung beschriebenen Alltagstouristen ein wirksames „Hausmittel“ sein, um die Sinne zu trainieren.

Denn - wie Pipi Langstrumpf treffend bemerkt - : „Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet“.

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Quellen:

Eva Jung: Alltagstourist. An unscheinbaren Orten dem tieferen Sinn auf der Spur. Adeo-Verlag 2014.

Pipi Langstrumpf: „Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet“, Lindgren, Astrid: Pippi Langstrumpf. Friedrich Oetinger GmbH, Hamburg 2007, 2 Zeilen.


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Dieser Beitrag wurde am 16.06.2016 gesendet.


Über die Autorin Carla Böhnstedt

Carla Böhnstedt, geboren 1972, ist im Osnabrücker Land aufgewachsen. Ein Studium der katholischen Theologie absolvierte sie in Münster und Freiburg im Breisgau. Nach dem Diplom war sie 16 Jahre lang Pastoralreferentin im Bistum Osnabrück: acht Jahre in einer Pfarreiengemeinschaft in Lingen sowie acht Jahre in einem pastoralen Raum in Bremen. Im März 2014 wechselte Böhnstedt ins Erzbistum Berlin: dort arbeitete sie bis 2017 als Projektreferentin für Suchendenpastoral, und seitdem als Pastoralreferentin in der Citypastoral. Kontakt
carla.boehnstedt@erzbistumberlin.de

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