Wort zum Tage, 14.06.2016

von Pastoralreferentin Carla Böhnstedt aus Berlin

Der Schuhbaum

Niemand weiß, wer sie dahin gehängt hat. Und erst recht nicht, warum. Sie waren einfach plötzlich über Nacht da. Die Schuhe im Baum neben der Erfurter Lorenzkirche. Knöchelhoch, aus dunkelbraunem Wildleder, leicht abgelatscht. An den Schnürsenkeln zusammengebunden hängen sie über einem der Äste in luftiger Höhe. Bestimmt wär ich einfach achtlos dran vorbeigelaufen. Doch an diesem Abend bin ich mit Kollegen auf einem Stadtspaziergang „Erfurter Ritualen auf der Spur“. Und da darf der Schuhbaum nicht fehlen.

Doch nicht nur in Erfurt – auch in Berlin, Hamburg, Köln oder München gibt es dieses Phänomen – ja, sogar weltweit von Kanada bis Neuseeland. Ursprünglich kommt es aus den USA, wo vor einigen Jahren bereits knapp 80 solcher Schuhbäume gezählt wurden.

Vermutet wird, dass dieser Brauch Glück bringen soll oder einen wichtigen Wendepunkt im Leben markiert. Doch die Deutung dieses seltsamen Rituals bleibt strittig.

Vielleicht liegt es genau daran, dass mir die Schuhe im Baum – im wahrsten Sinne des Wortes - noch lange „nachgegangen“ sind.

Ist sich da jemand darüber bewusst geworden, wo ihn der Schuh drückt?

Oder wollte jemand ausdrücken, dass er sich nicht die Schuld für etwas in die Schuhe schieben lassen will, das er gar nicht getan hat? Dass er sich also „den Schuh nicht anzieht“?

Oder hat es da jemandem sprichwörtlich "die Schuhe ausgezogen" – positiv oder negativ?

Mir fällt die Lyrikerin Hilde Domin ein, in deren Gedicht „Ziehende Landschaften“ es heißt: „Man muss weggehen können, und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft, und wir ständen fest.“

Aufbrechen, neuanfangen, sich an veränderte Gegebenheiten anpassen, flexibel reagieren– und dennoch verwurzelt sein, klingt da für mich durch. Wurzeln und Flügel gleichermaßen haben. Mir scheint, als gehe es hier um einen bestimmten Standpunkt; eine  Haltung, die es einzuüben und zu pflegen gilt. Bei all dem bin ich aber nicht ganz alleine auf mich gestellt, sondern darf mich begleitet wissen – von Menschen, denen ich wichtig bin. Und von Gott, der jeden Weg mit mir geht und mich notfalls sogar ein Stück des Weges trägt. So darf ich darauf vertrauen, dass alles gut wird.

Und das drückt Hilde Domin in einem anderen Gedicht folgendermaßen aus:

„Ich setzte den Fuß in die Luft – und sie trug!“

____________________________________________________________________

Ziehende Landschaft: Hilde Domin: Sämtliche Gedichte, hrsg. Von Nikola Herweg und Melanie Reinhold, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2009, S. 10, 4 Zeilen.

Ich setzte den Fuß in die Luft: Hilde Domin: Sämtliche Gedichte, hrsg. Von Nikola Herweg und Melanie Reinhold, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2009, Motto des ersten Gedichtbandes „Nur eine Rose als Stütze“, S. 47, 1 Zeile


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 14.06.2016 gesendet.


Über die Autorin Carla Böhnstedt

Carla Böhnstedt, geboren 1972, ist im Osnabrücker Land aufgewachsen. Ein Studium der katholischen Theologie absolvierte sie in Münster und Freiburg im Breisgau. Nach dem Diplom war sie 16 Jahre lang Pastoralreferentin im Bistum Osnabrück: acht Jahre in einer Pfarreiengemeinschaft in Lingen sowie acht Jahre in einem pastoralen Raum in Bremen. Im März 2014 wechselte Böhnstedt ins Erzbistum Berlin: dort arbeitete sie bis 2017 als Projektreferentin für Suchendenpastoral, und seitdem als Pastoralreferentin in der Citypastoral. Kontakt
carla.boehnstedt@erzbistumberlin.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche