Wort zum Tage, 13.06.2016

von Pastoralreferentin Carla Böhnstedt aus Berlin

„Über den Wolken…“

Sie ist ein Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes und befindet sich 68 Meter und 395 Stufen über der Stadt: die Turmeremitage im Linzer Mariendom. Bett, Schreibtisch, Bücherregal, Kochnische, Garderobe, WC – das Ganze auf acht Quadratmeter. Mehr braucht es nicht für die Männer und Frauen, die sich dort jeweils für eine Woche aus dem Trubel des Alltags in die Stille zurückziehen. Von der Kassiererin bis zum Museumsdirektor, von 18 bis 80 Jahre, alleinlebend oder Familienvater, verschiedenen Konfessionen zugehörig: Die Eremiten bilden die Vielfalt der Gesellschaft ab. Für Verpflegung ist gesorgt, eine ausgewählte Bibliothek vorhanden, außerdem ein Tagebuch, das von Eremit zu Eremit weitergegeben wird. Fixpunkt des Tages ist das öffentliche Mittagsgebet, zu dem der Eremit in die Krypta der Kirche hinabsteigt.

Gestartet als eine Aktion der Kulturhauptstadt Linz im Jahr 2009, erfreut sich die Turmeremitage nach wie vor großer Nachfrage. Denn „dann/Würde was uns groß und wichtig erscheint/Plötzlich nichtig und klein“ – heißt es in einem Lied von Reinhard Mey. Und genau diese Erfahrung macht offenbar den anhaltenden Reiz der kleinen Einsiedelei aus.

Mich fasziniert dieses Fleckchen zwischen Himmel und Erde. Quasi eine kleine, erhöhte „Verkehrsinsel“, auf der ich mich neu sortieren und ausrichten kann – inmitten der Geschäftigkeit der Stadt. Eine Woche ohne familiäre und dienstliche Verpflichtungen, ohne Ein-Blick in To-do-Listen, aktuelle Sonderangebote, das Fernsehprogramm und, und, und, … dafür aber mit ungewohntem Aus-Blick auf neue Perspektiven in meinem Leben. Einem Durch-Blick, weil ich Zeit habe, Dinge in Ruhe zu durchdenken und ihnen auf den Grund zu gehen.

Ein Licht-Blick, der den Himmel ein bisschen auf die Erde holt, denn die Eremiten schauen abends auf das Lichtermeer der Stadt, während die Bewohner von Linz in der Dunkelheit im Turmzimmer ein Licht flackern sehen. So bleiben sie in einer gewissen Verbundenheit: der Eremit und die Städter.

Die Erfahrung der Einsiedler: Die Zeit vergeht viel zu schnell. Von Langeweile oder gar Einsamkeit keine Spur. Es gibt halt viel zu entdecken, wenn man mal nachschaut, wohin man kommt, wenn man zu sich kommt. Und vielleicht bemerkt man dann ja auch einen besonderen Gast, denn „In unserem tiefsten Innern, da will Gott bei uns sein. Wenn er uns nur daheim findet und die Seele nicht ausgegangen ist mit den fünf Sinnen“ wie Meister Eckhart, ein spätmittelalterlicher Theologe, sagt. Hier, auf  bescheidenen acht Quadratmetern, hat man endlich mal unbegrenzt Zeit und Raum füreinander.

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Reinhard Mey, „Über den Wolken…“:  Wie vor Jahr und Tag, CD (intercord) 1987, Nr. 8

Zitat Meister Eckhart in: Ein Licht für deine Seele. Die schönsten Weihnachts-geschichten. Benno Verlag, Leipzig, ISBN 978-3-7462-2804-4, S. 9, 5 Zeilen.


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Dieser Beitrag wurde am 13.06.2016 gesendet.


Über die Autorin Carla Böhnstedt

Carla Böhnstedt, geboren 1972, ist im Osnabrücker Land aufgewachsen. Ein Studium der katholischen Theologie absolvierte sie in Münster und Freiburg im Breisgau. Nach dem Diplom war sie 16 Jahre lang Pastoralreferentin im Bistum Osnabrück: acht Jahre in einer Pfarreiengemeinschaft in Lingen sowie acht Jahre in einem pastoralen Raum in Bremen. Im März 2014 wechselte Böhnstedt ins Erzbistum Berlin: dort arbeitete sie bis 2017 als Projektreferentin für Suchendenpastoral, und seitdem als Pastoralreferentin in der Citypastoral. Kontakt
carla.boehnstedt@erzbistumberlin.de

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