Am Sonntagmorgen, 16.11.2014


von Elena Griepentrog, Berlin

Zufrieden, aber etwas fehlt... - von der stillen Sehnsucht nach Gefühlen

Autorin
Wie machen es andere nur, dass ihnen das Leben wirklich Spaß macht?

Wieso kann ich nicht richtig lachen, mich nie so richtig freuen.

Mal einfach aus mir rausgehen.

Eigentlich ist doch alles in Ordnung, ich habe Familie, Freunde, genug Geld...

Manchmal möchte ich einfach mal weinen, wie ein kleines Kind.

Ich kann das einfach nicht.

Ich sehne mich so danach, dass mich mal jemand in den Arm nimmt.

Irgendwie ist mein Körper ganz taub. Ich fühle kaum 'was, wie durch einen Nebel.

Ich glaube, ich mach' ich alles falsch.

Alle schaffen es, glücklich zu sein, nur ich nicht.

Solche Gedanken sind viel verbreiteter, als wir vielleicht meinen. Aber niemand redet darüber, es ist geradezu ein Tabu, jeder denkt, er ist der Einzige. Oberflächlich gesehen geht es uns ja gut, wir haben alles, wir haben schöne Momente in unserem Leben. Aber etwas fehlt vielen doch. Wo ist so etwas wie mitreißende Freude? Wo überwältigt uns eine so tiefe Wärme zu einem anderen Menschen, dass wir ihn einfach mal herzlich umarmen? Wo fließen Tränen voller glücklicher Traurigkeit? Wann fühlen wir uns der Tiefendimension des Lebens mal ganz nah? Dem, was die Bibel „Leben in Fülle“ nennt?

Manche halten sich schlicht für unfähig, solche intensiven Gefühle zu spüren. Fühlen sich als Versager in ihrem Lebensglück. Doch wenn wir Gefühle nur schlecht spüren können, heißt es nicht unbedingt, dass sie nicht da sind. Oft sind sie nur verkapselt. Wir haben sie zum Schutz eingeschlossen – ein typisches Symptom einer Traumatisierung. Oder die Gefühle hatten nie Raum, sich voll zu entwickeln. Sie blieben nichts als diffuse Zustände, für die wir keine Namen gelernt haben als Kinder. In der Tat reicht Gefühls- und Berührungsarmut meist in die Tiefe unserer Geschichte zurück, unserer familiären Geschichte und unserer gesellschaftlichen.

Musik


Autorin
In Kriegen, ob in Syrien, in Afghanistan oder im Kosovo, trifft es ja immer die am meisten, die komplett unschuldig daran sind - die Kinder. Auch im Zweiten Weltkrieg mussten viele Kinder ohnmächtige Angst in Bombennächten erleben, die Verzweiflung der Erwachsenen, vielleicht die Vergewaltigung der Mutter, der Verlust der Eltern und der Heimat. Nach dem Krieg der schreckliche Hunger, oft die Demütigung als Flüchtlinge, viele mussten ohne Vater aufwachsen, eine ungeheure Anzahl der Kinder wurde sexuell missbraucht. Zeit für Tränen gab es nicht, „reiß dich zusammen“ war meist das einzige, was Kinder in Gefühlsdingen lernten, vermischt mit gar nicht kleinen Resten der unheilvollen Nazi-Pädagogik und oft viel Prügel. So hat der Krieg und seine Folgen bei vielen Kindern die Grundsicherheit im Leben regelrecht zerbombt. Und damit auch unbekümmerte, freie Gefühle. Neugier, Entdeckerlust, im Augenblick aufgehen – den Schutzraum dafür hatten nur wenige.

Der Rheinländer Gerhard Weber*, ehemaliger Ingenieur, ein großer, intelligenter Mann mit nachdenklichen Zügen, er wurde 1942 geboren. Er hatte vergleichsweise Glück, erzählt er, er wuchs in einem kleinen Dorf auf, wo er weder Fliegeralarm noch wirklichen Hunger erleben musste. Doch auch er hatte unter dem Krieg und seinen Folgen zu leiden.

Gerhard Weber
Als mein Vater 49 zurückkam, stand er im Mittelpunkt, ein gebrochener Mann, mit Hungerödemen an den Beinen, der nachts schrie, aber alle waren froh, dass er zurück war. Aber von nun an war Schonung angesagt. Es war auch meine Aufgabe, also Vater zu entlasten, beiden Eltern keine Sorgen zu machen.


Autorin
Aufbegehren, sich aussprechen, gar sich ausweinen – diesen Raum hatte er als Junge nicht. Stattdessen hatte Gerhard seinen Eltern beizustehen.

Weber
Also, ich war ja der Ersatzpartner, der kleine, für meine Mutter, mit einem sehr oft traurigen, gehemmten Mann..., ich vermute, dass mein Vater schreckliche Dinge in seinen fünf Jahren Russland erlebt, über die er nur schriftlich vor allem Auskunft gegeben hat.

Autorin
Seine Mutter war verzweifelt über das eigene Leben, vermutet Gerhard Weber. Wie die meisten Menschen war sie überwältigt vom eigenen Leiden, versuchte, die Kriegserlebnisse zu verdrängen. Und die Schuld. Doch das ständige Schweigen verdichtete sich bei ihr wohl zu einem inneren Überdruck. Regelmäßig entlud sie ihn an ihrem Sohn, ohne besondere Anlässe.

Weber
Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter sehr früh angefangen hat, mich zu ohrfeigen. Ich habe es nie richtig verstanden, sie schlug dann auch mit dem Teppichklopfer. Und mit Gerten.


Autorin
Zwischendurch verwöhnte sie Gerhard, idealisierte ihn sogar. Ihren unberechenbaren Gefühls-Wechselduschen war er als Junge hilflos ausgeliefert. Wenn er sich in guten Momenten öffnete, musste er oft erleben, dass die Mutter das Preisgegebene später gegen ihn verwandte. So verschloss sich Gerhard immer mehr.

Rund ein Viertel der ehemaligen Kriegskinder leidet laut Forschungsstudien bis heute ernsthaft unter den Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs, sie haben eine posttraumatische Belastungsstörung, ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis, abgestumpfte Gefühle, Angstzustände, Schlafstörungen und Alpträume, Suchtkrankheiten, cholerische Anfälle oder unerklärliche chronische Schmerzen. Zusätzlich noch einmal knapp 10 Prozent dieser Generation sind sogar psychisch krank, von Psychosen über Depressionen bis hin zur Gefühlsblindheit und innerem Abgestorben sein. Erschreckende 15 Mal so viele wie in der Schweiz, einem Land, wo es keinen Krieg gab.

Musik

Autorin
Erst seit den letzten Jahren deckt die Forschung immer mehr auf: Wenn Traumata nicht verarbeitet werden, also auch die Schrecken und die Schuld eines Krieges, übertragen sie sich oft auf die nächste Generation. So leben auch viele Kinder der ehemaligen Kriegskinder entwurzelt, mit diffusen Ängsten, versteckten Schuldgefühlen, verunsichert, mit eingezwängten Gefühlen, körperlich gehemmt. Nicht umsonst nennt man die Kinder der Kriegskinder heute oft Kriegs-Enkel. Auch sie hatten oft wenig Geborgenheit und Raum, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen. Denn häufig bekamen sie schon früh den unbewussten Auftrag, bei ihren Eltern etwas wieder gut zu machen. Die emotionalen Bedürfnisse der Eltern zu erfüllen.

Die Universitätsdozentin Maria Baumeister*, eine lebendige, sensible Frau, ist in Bayern aufgewachsen, geboren wurde sie 1966. Heute weiß sie: Ihre Eltern waren traumatisierte Kriegskinder. Ihr Vater erlebte als Kind Bomben und Flucht, sein Vater blieb im Krieg, seine Mutter verhärtete, hatte offenbar weder Sinn noch Zeit für Zuwendung oder Zärtlichkeit. Marias Mutter wurde schon als kleines Mädchen misshandelt und innerlich gebrochen. Als Maria geboren wurde, war sie eigentlich nicht geplant. Ihre Eltern wollten als junge Studenten nun endlich das Leben genießen.

Maria Baumeister
Im Alter von drei Monaten wurde ich von meinen Eltern ins Kloster gegeben für drei, vier Tage, weil sie eben zum Ski fahren gefahren sind. Und als meine Eltern mich dann wieder abgeholt haben von den Klosterschwestern, waren die heilfroh und sagten, ihr Kind hat drei Tage lang geschrien und getrunken hat sie auch nichts.


Autorin
Immerhin: Ihre Eltern haben aus dem Vorfall gelernt, sagt Maria, sie hatte insgesamt eine geordnete Kindheit, der Vater Arzt, die Mutter Lehrerin, ein jüngerer Bruder. Doch etwas hat sie zu Hause sehr vermisst: Gefühle, Wärme, einfühlsames Verstehen, Kuscheln, das gab es zu Haus kaum. Noch lange als Erwachsene überfiel Maria immer wieder das Gefühl, nicht liebenswert zu sein. Sie hatte Mühe, ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren, konnte körperlich oft nicht so, wie sie eigentlich wollte. Eine diffuse Lebensangst lähmte sie regelmäßig.

Baumeister
Da gibt es auch eine Wunde, also durch den Körper, die körperliche Zuwendung ist man ja auch sehr seinen Eltern verbunden, ich glaube, ich habe immer wieder auch so ein Nicht-Verbundenheitsgefühl gehabt oder auch Trennungsängste, weil das eben keine stabile, warme Bindung war eine lange Zeit.

Musik


Autorin
Sich nicht zu Hause fühlen im eigenen Körper, Gefühle, die wie unter einem grauen Schleier liegen, ein wenig liebevoller Umgang mit uns selbst – all das scheint einfach zu vielen Menschen zu gehören. Oft merken wir gar nicht mehr, wie unnatürlich dieser Zustand ist. Wie er letztlich verhindert, dass wir ein erfülltes Leben führen. Doch die Forschung weiß zum Glück heute, dass das Gehirn in jedem Alter neue Nervenbahnen anlegen und alte überschreiben kann. Und das heißt: Was man früher nicht gelernt hat, lässt sich eben doch nachholen, auch innere Sicherheit, auch Berührung, auch Gefühle.

Manche Menschen können allein durch praktische Erfahrung, durch schlichtes Einüben mehr Gefühle zulassen und Berührung lernen. Bei nicht wenigen Menschen befreien sich die Gefühle auch schon ein gutes Stück dadurch, dass sie wissen: Es ist nicht meine Schuld. Es sind Spätfolgen des Krieges - nicht in jedem Fall, aber erschreckend häufig. Viele machen sich dann auf die Suche nach den eigenen Wurzeln. Bringen Transparenz in die oft lange im Dunkeln liegende Familiengeschichte. Und nicht selten lüften sie dabei endlich den Schleier über Familiengeheimnissen. All das kann sehr befreien.

Wenn die Vergangenheit zu bedrohlich ist, lassen sich viele Menschen lieber von Experten helfen. Gerhard Weber hatte schon als junger Mann eine Psychotherapie begonnen. Er konnte innerlich gesund werden, eine glückliche Ehe führen, gute Freundschaften pflegen und seine eigenen Kinder einfühlsam erziehen. Und wie nebenbei kamen auch die Gefühle wieder. Als er schon ein älterer Mann war, geschah sogar noch ein kleines Wunder, erzählt er: Endlich konnte er wieder weinen!

Gerhard Weber
Ich erinnere mich, dass es von selber kam in inneren Notsituationen. Ganz zaghaft und wohltuend, befreiend, erleichternd, sogar dann in einem Lachen endend, als Entdeckung so einer Nährquelle, die gut tut. Es befreite auch von so einem Grundgefühl, was ich über Jahre hatte: da sind Tränen hinter meinen Augen.


Autorin
Noch heute geht Weber aufmerksam mit seinen Gefühlen um. So kann er sich selbst nahe sein – und auch anderen Menschen, sagt er.

Weber
Es gibt ja dieses Schlagwort der Gefühlsidentifizierung, also, um was geht es denn jetzt. Oft wird ja zum Beispiel Wut und Trauer verwechselt, wenn man sagt, ich bin traurig, und eigentlich ist man wütend. Also, solche feineren Nuancen zu fühlen, zu spüren...

Autorin
Maria Baumeister geriet mit knapp vierzig durch eine Trennung in eine Lebenskrise. Sie ahnte: Es hat etwas mit ihrer Kindheit zu tun. Nun wollte sie endlich grundlegend die Wunden ihrer Vergangenheit und die ihrer Familie aufarbeiten. Es hat offenbar geklappt. Denn heute führt sie ein Leben, das sehr reich ist an Gefühlen.

Maria Baumeister
Es ist wahrscheinlich eine große Lebendigkeit, eine große Intensität des Lebens, das Leben mit all seinen Spektren kennen zu lernen. 1,30 Also die Schönheit eines Winters würden wir ohne den Sommer nicht verstehen. Und einen Frühling nicht ohne den Herbst, diese unglaublichen Qualitäten.


Autorin
Noch sind diese großen Gefühlsausschläge, die Freude, die Liebe, die Begeisterung, aber auch die Traurigkeit, die Angst oder die Wut, für Maria nicht immer leicht auszuhalten. Doch sie lernt jeden Tag mehr, mit ihren Gefühlen umzugehen, ohne sich ihnen auszuliefern. Hergeben würde sie ihren Gefühlsreichtum nie wieder. Denn erst durch Gefühle kann sie ja endlich glücklich sein, sagt sie.

Baumeister
Ich weiß immer besser, was mir gut tut, es gibt viel mehr Sicherheit, auch mit welchen Menschen ich mich umgeben will, und das geht auch immer besser auf. Also, das Gefühlsspektrum ist ja nicht nur, was Glück und Trauer anbetrifft erweitert, sondern ist ja eben auch erweitert das Spüren in sich selbst, was brauche ich eigentlich, um mich selbst zu versorgen.


Autorin
Durch Gefühle spüren wir uns selbst, in unserem Körper. Denn es gibt ja kein Gefühl, das nicht eine körperliche Auswirkung hat. Wir spüren uns, mit all unseren Schichten, den tieferen und den flacheren, mit den großen Eckpunkten unserer Persönlichkeit, aber auch mit den feinen Nuancen. Gefühle und Berührung sind eine Brücke, um in eine echte Verbindung mit anderen Menschen zu kommen. Durch Gefühle können wir Momente des Lebens als besonders nährend erleben, dann, wenn die Zeit still zu stehen scheint, wenn wir alles vergessen, ganz im Augenblich sind und eine andere Größenordnung von Leben spüren können, die Ewigkeit. Und Gefühle können uns auch animieren, nach dem Göttlichen zu suchen. Wenn wir spüren, da ist etwas um uns herum, vor uns, nach uns, eine andere Dimension, etwas Wohltuendes, Stärkendes, das über uns hinaus reicht. Gott ist kein Regelwerk und keine bloße Überzeugung, Gott ist die höchste Form der Geborgenheit - Gott lässt sich fühlen.


Musik


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Dieser Beitrag wurde am 16.11.2014 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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