Morgenandacht, 25.06.2016

von Johannes Schießl aus München

Gemeinschaft

Kennen Sie das auch? Vor Wochen hat man ein Treffen mit Freunden ausgemacht. Aber als der Abend herankommt, hat man keine Lust mehr. Man ist müde, erschöpft von der Arbeit. – Worüber soll man reden? Über Alltägliches: langweilig! Über Politik: gefährlich! Über das, was einen wirklich bewegt: anstrengend!

Am Abend dann entwickelt sich mit der Zeit doch ein recht gutes Gespräch. Es geht um ganz andere Themen als gedacht, ein Wort gibt das andere. Auch die anderen scheinen sich zu entspannen. Auf einmal wird es richtig gut, ganz gleich ob lustig oder ernst. Es stellt sich ein Geist der Gemeinschaft ein, der Zeit und Raum vergessen lässt, die Runde will gar nicht mehr auseinander gehen.

Ganz ähnlich muss es den Jüngern Jesu an Pfingsten gegangen sein. Das zweite Kapitel der biblischen Apostelgeschichte gebraucht das starke Bild vom Sturm, der das ganze Haus erfüllt. Und das andere von den Feuerzungen über den Köpfen der Freunde Jesu, die nach seiner Himmelfahrt zu verzagen drohten. Aber plötzlich ist ihre Angst wie weg-geblasen, sie macht einer neu gewonnenen Zuversicht Platz, die freilich mehr ist als ein bloß innerlicher Sinneswandel. Diese Zuversicht schafft es, Wirklichkeit zu verändern. Die Jünger beginnen in fremden Sprachen zu reden, heißt es in der Apostelgeschichte. Damit ist gemeint, dass ihre Begeisterung auch anderen verständlich wurde.

Was die Apostel an Pfingsten erleben, ist eine Gotteserfahrung in Gemeinschaft. Doch dieser Gedanke ist uns Heutigen gar nicht so leicht zu vermitteln. Zu sehr ist Religion bei uns ins Private abgedrängt, zur bloß individuellen Entscheidung im stillen Kämmerlein geworden. Damit wir uns nicht missverstehen: eine individuelle Entscheidung ist nichts Schlechtes, im Gegenteil, sie ist notwendig. Aber die Dimension der Gemeinschaft als anderem Ort der Gottesbegegnung darf dabei nicht verloren gehen.

Theologisch gesprochen, geht es hier um die „Communio“, das lateinische Wort für Gemeinschaft. Auch im Lauf der katholischen Kirchengeschichte etwas zurückgedrängt, hat das Zweite Vatikanische Konzil den Begriff wieder ganz nach vorn gebracht, wenn es von der Kirche als dem „Zeichen und Werkzeug für die … Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ spricht, wie es zu Beginn der Kirchen-Konstitution „Lumen gentium“ heißt. Diese Gemeinschaft hat eine vertikale und eine horizontale Dimension. Gemeint sind also einerseits die Gemeinschaft mit Gott, und andererseits die Gemeinschaft unter den Menschen.

Ein schönes Bild für diese doppelte Gemeinschaft hat der Apostel Paulus in seinem ersten Korinther-Brief gefunden, wo er im 12. Kapitel von dem „einen Leib und den vielen Gliedern“ schreibt. Die Christen sind nach dieser Vorstellung untereinander verbundene und gleichzeitig voneinander verschiedene, aber gleichwertige Glieder des einen Leibes Christi, der das Ideal der Kirche ist. Auch dieses Bild bedarf heute einiger Erklärung. Zuerst ist also die Einheit wichtig. Alle gehören durch die Taufe so eng zusammen wie ein Leib, „Juden und Griechen, Sklaven und Freie“, wie es bei Paulus heißt.

Aber sie sind nicht gleichgeschaltet. Fuß und Ohr etwa haben verschiedene Aufgaben, aber beide sind für das Funktionieren des ganzen Leibes unabdingbar. Noch einmal Paulus: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen.“ Der Apostel geht sogar noch einen Schritt weiter: Gerade die eher schwach scheinenden Glieder sind unentbehrlich. Und es gilt auch: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder.“ Und andersherum: Wenn eines sich freut, freuen sich alle. Jeder ist Teil des Ganzen und wichtig mit seinem je eigenen Charisma.

Schöne Worte, wird mancher denken, aber die Wirklichkeit ist doch eine ganz andere. Sicher, aber das ist auch notwendigerweise so, denn die Welt bleibt unvollendet. Das darf aber wiederum nicht als Entschuldigung dafür herhalten, die Hände in den Schoß zu legen. Vielmehr bleibt das Bild vom „einen Leib und den vielen Gliedern“ als Anspruch, als Anspruch für uns alle.


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Dieser Beitrag wurde am 25.06.2016 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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