Morgenandacht, 24.06.2016

von Johannes Schießl aus München

Beziehung

Wir leben in einer Ellenbogen-Gesellschaft. Jeder scheint nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht zu sein. Mag es dabei um das persönliche Fortkommen im Beruf gehen oder um wirtschaftliche Vorteile für einen selber. „Das Hemd ist mir näher als der Rock“, wie es im Sprichwort heißt. Eine solche Einstellung gilt aber nicht nur für die eigene Person, sie gilt im erweiterten Sinn auch für ganze Familien, besonders für die Kinder. Hauptsache, sie schaffen es aufs Gymnasium oder in einen angesehenen Beruf. Und diese übersteigerte Gruppenfixierung geht noch weiter: Es gibt sie auch im Blick auf das eigene Land. Sollen die Flüchtlinge doch selber zusehen, wo sie bleiben. Hauptsache, bei uns bleibt alles in den gewohnten, für uns vorteilhaften Bahnen.

All das sind Formen von Egoismus, ob er nun die eigene Person, die eigene Familie oder eine ganze Gesellschaft angeht. Doch man sollte sich nicht täuschen, solche Egozentrik ist nicht naturgegeben. Im Gegenteil: „Der Mensch wird am Du zum Ich“, hat der große jüdische Religionsphilosoph Martin Buber einmal geschrieben. Das will sagen, dass das Ich nicht das Erste ist, dass vielmehr zuerst das Du da ist. Und erst an diesem Du wird das Ich zum Ich.

Das beginnt schon bei der Mutter-Kind-Beziehung. Ohne das Gesicht der Mutter, ohne ihr Lächeln, ohne ihre Ansprache entwickelt sich kein Mensch. Das geht weiter im Zusammenleben mit Geschwistern und Freunden. Auch wenn es da manchmal hart zur Sache geht, ohne die Auseinandersetzung – und das Wieder-Zusammensetzen – mit den anderen reift der Mensch nicht. Und damit nicht genug: Partnerschaft und Liebe formen den Menschen weiter, lassen ihn wachsen. Oder besser gesagt: lassen beide wachsen. Dazu kommt die Weitergabe des Lebens an eigene Kinder. Und die ungeheure Bereicherung, die der Mensch erfahren kann, wenn er sich Schwächeren zuwendet. Das kann einen Menschen mehr bereichern, als er das zunächst gedacht hat. Mehr sogar als die, denen die Einfühlung und Zuwendung gilt.

Beziehung steht also recht bedacht vor dem Fortkommen des eigenen Egos. Aber was macht nun eine solche Beziehung aus? Es ist wichtig, dass sie personal ist, das heißt, dass da Menschen auf Augenhöhe miteinander zu tun haben. Und es ist wichtig, dass eine solche Beziehung auf Dauer angelegt ist. Das heißt nicht, dass sie nicht auch einmal scheitern könnte. Aber von Haus aus muss sie auf Dauer angelegt sein, sonst ist sie nicht verlässlich.

Wenn ein Individuum in Kontakt mit anderen Individuen kommt, dann kann es durchaus knirschen. Denn da stoßen ja verschiedene Identitätsansprüche aufeinander. Es geht nicht darum, sie zu nivellieren oder nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen, sondern darum, die Verschiedenheit als Bereicherung zu erfahren. So entsteht echte Partnerschaft, so entsteht Familie, so entsteht letztlich auch Gesellschaft. Positive Nahbeziehungen sind entscheidend für die Entwicklung einer Moral – eines Zusammen-Lebens, das über Gesetze und Regeln hinausgeht, das von Verantwortung füreinander getragen ist.

Beziehung meint aber nicht nur das Verhältnis zu anderen Menschen, sondern hat noch zwei weitere Facetten. In Beziehung zu anderen treten kann nur, wer mit sich im Reinen ist, wer sich selbst bejaht – zumindest grundsätzlich. Wer positiv zu sich und anderen steht, der kann es auch zur Welt insgesamt und zu dem, den wir Gott nennen.

Man kann die ganze Bibel als Beziehungsgeschichte von Gott und Menschen lesen. Das gilt für den Bund, den Gott den Menschen angeboten hat, man denke nur an Noah, an Abraham und Mose. Immer geht es um Beziehung. Für Christen ist die Menschwerdung Gottes das ultimative Beziehungsangebot an uns Menschen. Wer die Oster-Erzählungen des Neuen Testaments genau anschaut, wird entdecken, dass es auch dort immer um Beziehungsangebote geht. Etwa wenn Maria Magdalena dem Auferstandenen begegnet. Oder wenn die Emmaus-Jünger ihren Meister zunächst nicht erkennen. Ihnen dann aber die Augen aufgehen, als er ihnen das Brot bricht. Und sie ihn gar nicht mehr loslassen wollen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 24.06.2016 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche