Morgenandacht, 23.06.2016

von Johannes Schießl aus München

Schweigen

Über das Schweigen zu reden, ist nicht einfach, es ist sogar paradox. Denn man tut ja genau das Gegenteil dessen, worüber man gerade spricht. Wir könnten jetzt ein kleines Experiment wagen: Ich schweige, und Sie sagen auch nichts. Die Frage ist, wie lang wir das aushalten würden. Wahrscheinlich nicht sehr lange, denn unsere Welt ist voller Worte, sinnvoller und weniger überlegter, Schweigen ist zu einer Rarität geworden.

Das war nicht immer so. Denn schon in magischen Zeiten war das Schweigen wichtig, um Störungen bei der Kontaktaufnahme mit dem Göttlichen auszuschließen. Und in den Hochreligionen des Hinduismus und Buddhismus gilt Schweigen zugleich als Weg und Ziel der Erlösung. Durch Meditation soll die Wahrnehmung der Welt immer weiter zurück treten, bis nichts mehr an ihr haftet. Für den großen spätantiken Philosophen Plotin liegt im Schweigen der Grund allen Denkens und allen Handelns, der Anfang der Philosophie. Auch die großen monotheistischen Religionen, das Judentum, das Christentum und der Islam, alle kennen sie das Schweigen, allerdings nicht das Schweigen um seiner selbst willen, sondern als die wichtigste Voraussetzung für das Hören auf Gott.

Das christliche Beten meint also nicht, möglichst viele Worte zu machen, wie man das landläufig annimmt. Es geht nicht darum, Gott gut zuzureden. Beten meint vielmehr, vor Gott da zu sein. Das ist gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn dazu gehört zuerst einmal die Ruhe des Leibes. Die körperlichen Bedürfnisse müssen gestillt sein, so dass sie sich nicht in den Vordergrund drängen. Und dann braucht es noch einmal Zeit, bis wirklich Ruhe einkehrt.

Zur äußerlichen Ruhe muss die innerliche Stille kommen. Die Zerstreuung der Gedanken soll sich beruhigen. Das bedarf wiederum einiger Zeit, die sich aufdrängenden Fragen des Alltags gehen zu lassen, eine nach der anderen. Dann tritt Sammlung an die Stelle der Zerstreuung. Und dann kann sich Gottesbegegnung ereignen. Schweigen bleibt also auf ein Du bezogen. Dass dabei alles nur um einen selbst kreist, das ist nur ein weiteres Missverständnis.

Wie geht das nun alles zusammen mit der neutestamentlichen Rede von Gott als Wort, das doch eine Antwort geradezu herausfordert? Es geht insofern zusammen, als diese Antwort auch Schweigen sein kann, ein Schweigen, das im christlichen Gottesdienst von heute oft viel zu kurz kommt. Und das insgesamt in unserer unruhigen Welt mit ihrer Dauer-Berieselung kaum eine Chance zu haben scheint.

Dieses Schweigen darf freilich nichts von einer Verstockung an sich haben, von einem Sich-Abschließen. Vielmehr ist es so gemeint, dass der Mensch freiwillig auf die ihm eigene und ihn auszeichnende Sprachmächtigkeit verzichtet, weil er erkennt, dass sein Sprechen der Größe Gottes nicht angemessen ist, dass Gott immer mehr ist, als wir auszudrücken vermögen. Ja sogar, dass unser Sprechen ihn mehr verfehlt, als dass es ihn trifft.

Solches Ergriffensein von der Größe Gottes ist der Grund dafür, dass immer wieder in der Geschichte so genannte Schweigeorden gegründet wurden, die bis heute attraktiv auf Frauen und Männer wirken, sei es dass sie sich selbst für ein solches Leben in der Stille entscheiden oder es auch nur faszinierend finden. Man denke nur an den mehrfach ausgezeichneten Film „Die große Stille“ über das Leben der Kartäuser.

Aber es muss ja nicht gleich ein ganzes Leben im Schweigen sein. Man kann auch für eine gewisse Zeit schweigen. Die Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola etwa lassen viele Menschen für eine gewisse Zeit ins Schweigen gehen. Und das sind längst nicht nur Jesuiten, die sich der Spiritualität ihres Ordensgründers verpflichtet fühlen, sondern Menschen mit gewöhnlichen Berufen. Wer sich nicht für mehrere Tage – im Allgemeinen eine Woche - dem Alltag entziehen kann, entscheidet sich für sogenannte „Exerzitien im Alltag“. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, so heißt ein altes Sprichwort. Und in der Tat: Das Schweigen kann ein höchst wertvoller Schatz sein, allerdings nicht im Sinne von verschweigen, sondern als Offenwerden für Höheres.


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Dieser Beitrag wurde am 23.06.2016 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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