Morgenandacht, 22.06.2016

von Johannes Schießl aus München

Nacht

„Gelassen stieg die Nacht ans Land, lehnt träumend an der Berge Wand.“ So beginnt das „Nachtgedicht“ von Eduard Mörike. Die Romantik hatte eine besondere Beziehung zur Nacht, man kann da auch an die „Nachtbilder“ von Caspar David Friedrich denken, oder ein „Nocturne“ von Frederic Chopin. Doch wir Heutige scheinen die Nacht zum Tage gemacht zu haben, man muss sich nur einmal die Satellitenbilder von der nächtlichen Erde anschauen. Aus dem Weltraum gesehen, reiht sich ein Lichtpunkt an den nächsten, so dass kaum mehr dunkle Flecken übrig bleiben.

Gerade weil die Nacht scheinbar so selten geworden ist, lohnt es sich, ein wenig über sie nachzusinnen. Das Lexikon weiß, dass es sich bei der Nacht nur um „relative Finsternis“ handelt, und zwar im Blick auf Dauer und Grad der Dunkelheit. Es ist also nicht immer Nacht, und die Nacht ist auch nie ganz dunkel. Tag und Nacht sind zwar Gegensätze, aber in ihrem Wechsel auch aufeinander verwiesen. So hat der Schöpfungsbericht der Bibel schon recht, wenn es bereits im ersten Kapitel der Genesis poetisch heißt: „Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht.“

Zunächst einmal ist die Nacht für den Menschen – im Unterschied zu nachtaktiven Tieren – die Zeit der Ruhe und des Schlafens. Beides ist für uns unabdingbar. – Aber die Nacht bleibt ambivalent. Formen und Farben sind für das Auge nicht mehr gut zu erkennen, das Bewusstsein dimmt herunter, der Wille hat nicht mehr alles fest im Griff. So wird das Feld frei für andere Kräfte, von ganz verschiedener Art.

Jeder kennt die Schrecken der Nacht, das hartnäckige Grübeln, sich auswachsende Schmerzen, Ängste bis ins Existenzielle hinein. Aber da sind auch die Träume, die changieren zwischen Ängsten und Glücksgefühlen. Trotz aller Erkenntnisse der Psycho-Analyse bleibt ihre Deutung nach wie vor schwierig. – In der Bibel gilt die Nacht zudem als Zeit der Befreiung, man erinnere sich nur an das Paschamahl vor dem Auszug aus Ägypten. In ihm ist auch das christliche Abendmahl vorgeformt. All das geschah in der Nacht!

Was die Bibel – ob nun Altes oder Neues Testament – für die Nacht empfiehlt, ist Wachsamkeit. Doch die kann der Mensch nur bedingt leisten, schließlich muss er irgendwann einfach schlafen. Letzten Schutz kann nur Gott gewähren. Denn: „Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht“, heißt es im Psalm 121. Und nicht umsonst wird die Geburt des Erlösers zuerst den Hirten auf dem Feld verkündet, die Nachtwache halten bei ihren Herden.

Die Nacht gilt aber auch als Zeit des Gebets in all seinen Formen, des Weinens und Flehens, der Sehnsucht nach Gott, aber auch des Dankens und Lobens. „Ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache“, so ein Satz aus dem Psalm 63. Wenn alle Ablenkungen des Tages wegfallen, kann sich der Mensch auf das Wesentliche konzentrieren: auf sich, auf die anderen und auf Gott.

Und doch hat die Nacht nicht das letzte Wort, so notwendig sie ist. Der Mensch bleibt ein auf den Tag ausgerichtetes Wesen, so sehr er auch den Schlaf braucht. Dazu noch ein drittes Zitat aus dem Psalter, dem großen Gebetbuch des Volkes Israel: „Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen. Mehr als die Wächter auf den Morgen soll Israel harren auf den Herrn.“ So formuliert der 130. Psalm das Sehnen des Menschen nach dem Licht des Tages, das für die Gegenwart Gottes steht.

Nicht von ungefähr sind die Übergangszeiten von Tag und Nacht, der Abend und noch mehr der Morgen, bevorzugte Gebetszeiten gläubiger Menschen. Und nicht von ungefähr ereignet sich Ostern am Morgen, die Auferstehung Christi ist untrennbar verbunden mit der aufgehenden Sonne. Deshalb wird in der Osternacht dreimal gesungen: „Christus, das Licht!“ Denn, wie es im ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher heißt: „Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis.“ Sondern dem Licht und dem Tag. Auch wenn sie in unserer Welt ohne Dunkel und Nacht nicht zu haben sind.


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Dieser Beitrag wurde am 22.06.2016 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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