Morgenandacht, 21.06.2016

von Johannes Schießl aus München

Berg

Berge haben Konjunktur. Wer am Wochenende etwa ins bayerische Oberland fährt und auf einen der bekannteren Gipfel steigt, der bleibt nicht allein. Junge Familien und alte Leute, Einheimische und Zugereiste machen sich auf den Weg nach oben, der durchaus anstrengend sein kann. Man frägt sich gelegentlich, warum so viele Menschen diesen Kraftakt auf sich nehmen.

Die Gründe werden vielfältig sein. So mancher will einfach der Enge der Großstadt entfliehen und in der Natur sein. Bei anderen hingegen mag der sportliche Aspekt im Vordergrund stehen. Wieder andere wollen endlich mal ein paar Stunden für sich sein und zur Ruhe kommen. Manch einer will vielleicht auch seinem Herrgott ein Stück näher kommen.

Und für all das eignet sich eine Bergtour prächtig. Fast nirgendwo ist die Natur noch so unberührt wie in den Bergen. Fitness und Ausdauer bekommt man nirgends so günstig wie in den Bergen. Wenn man die ganz ausgetretenen Pfade meidet, gelingt es auch schnell, allein für sich zu sein.

Für mich hat eine Bergtour ungefähr den Erholungswert von einer Woche Strand. Denn mit dem Gehen ist es eine ganz eigentümliche Sache. Nach einer halben Stunde kann man nicht mehr viel reden, denn sonst kommt man aus der Puste. Und dann denkt man sein Leben durch: Wie geht’s im Beruf, in der Familie, wie geht’s mir eigentlich selber?

Doch auch das aktive Denken lässt irgendwann nach, der Körper braucht die ganze Konzentration. Und dann beginnt es von selbst in einem zu denken. Es steigen Bilder, Geschichten und Ideen auf, die man schon lange im Unterbewusstsein wähnte oder noch gar nicht kannte. Sie kommen und sie gehen wieder, wie sich auch auf dem Weg durch die Natur die Eindrücke ändern. Das ist ein grandioser Vorgang, er ist für mich unlöslich mit dem Bergsteigen verbunden.

Und am Gipfel angekommen, liegt einem dann die Welt zu Füßen. Alles Alltägliche erscheint ganz klein, der Gedanke an Höheres stellt sich ein – nicht so sehr in Worten, mehr in einem Gefühl der Bewunderung und der Dankbarkeit.

In allen Religionen der Welt spielen Berge eine wichtige Rolle, sie gelten als Bindeglieder zwischen Himmel und Erde und zudem als bevorzugte Begegnungsorte von Göttern und Menschen. Oft hat man in frühen Zeiten sogar angenommen, dass die Götter auf den Bergen wohnen, man denke nur an den griechischen Olymp. Oder ein Berg wird zum Mittelpunkt einer Kultur, etwa der Ayers Rock für die Aborigines in Australien. In anderen Kulturen ahmen religiöse Bauwerke Berge nach. Als Beispiel können die Pyramiden Mexikos gelten.

Auch Jesus steigt immer wieder auf einen Berg, vor allem um allein zu beten, aber auch um seine Apostel zusammenzurufen. Seine zentralen Botschaften stehen in einer Text-Sammlung, die wir Bergpredigt nennen. Die Geschichte seiner Verklärung spielt auf dem Berg Tabor, der übrigens einem oberbayerischen Voralpen-Gipfel nicht unähnlich ist. Und auch in der Passion Jesu spielen Berge eine Rolle, freilich eher Hügel. Da ist der Ölberg als Ort der Endzeitrede und später der Himmelfahrt, und da ist Golgota als Ort der Kreuzigung. Allerdings merkt man von dieser Erhebung kaum mehr etwas, wenn man heute durch die Altstadt Jerusalems geht.

Dass der Zusammenhang von Berg und Religion in der christlich-jüdischen Überlieferung nicht allzu wörtlich zu nehmen ist, das zeigen schon ein paar Blicke ins Alte Testament. Zwar steht allem voran die Offenbarung Gottes an Mose auf dem Berg Sinai. Aber es gibt doch auch viele kritische Töne heidnischen Gottheiten gegenüber, die auf Bergen verehrt werden, etwa im Baalskult.

Die Rede vom Gottesberg Zion ist eher im übertragenen Sinn gemeint. Denn eine Religion, die in einer rationalen Welt bestehen will, kann nicht auf Magie setzen, auch nicht auf die Magie eines noch so schönen Ortes. Die Heilszusage Gottes gilt nämlich allen, nicht bloß denen, die gerade auf einem Berg stehen. So kann jeder den Psalm 132 mitbeten, wo es heißt: „Denn der Herr hat den Zion erwählt, ihn zu seinem Wohnsitz erkoren. Das ist für immer der Ort meiner Ruhe. ‘“


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Dieser Beitrag wurde am 21.06.2016 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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