Morgenandacht, 20.06.2016

von Johannes Schießl aus München

Wüste

Ein paar Kamele vor riesigen Sanddünen: Solche Bilder kennt man von der Wüste
– oft genug sind es grandiose Fotos. Sie wirken faszinierend fremd für uns und doch irgendwie majestätisch. Aber die echte Wüste ist anders, in den allermeisten Fällen zumindest. Langsam verliert sich die Vegetation; was bleibt sind Steine, Steine und nochmals Steine. Eintönig ist die Wüste allerdings nie. Wenn man genauer hinschaut, entdeckt man doch irgendwelche kleinen Pflanzen oder Tiere, die sich mit oft abstrus anmutenden Techniken am Leben halten. Und, wenn man sich länger in der Wüste aufhält, entdeckt man noch jemanden, nämlich sich selbst.

Vor vielen Jahren habe ich mit Freunden eine mehrtägige Wanderung durch die Wüste Negev im Süden Israels unternommen. Wir hatten einen kundigen Führer, Shimon aus Be’er Sheva, der die allergrößte Freude daran hatte, uns auf zunächst kaum erkennbare Kakteen oder Käfer hinzuweisen und dann wortreich zu erklären, wie sie es schaffen, in dieser unwirtlichen Gegend zu überleben.

Untertags ist es so heiß in der Wüste, dass man den Mund nach einigen Stunden nur noch zum Trinken aufmacht. Und in der Nacht wird es so kalt, dass man froh um einen warmen Schlafsack ist. Und ebenfalls schnell verstummt angesichts eines unendlich scheinenden Sternenhimmels, den man so klar noch nie und nie wieder gesehen hat.

Die Wüste wirft einen zurück auf sich selbst. Zunächst geistern noch die Alltagssorgen durch den Kopf, doch sie rücken immer mehr in den Hintergrund. Und es tauchen die Grundlinien des Lebens auf: Warum ist das alles so, wie es ist? Wo stehe ich in diesem ganzen Gefüge? Und wohin geht das alles?

Auch in der Bibel spielt die Wüste eine große Rolle, im positiven wie im negativen Sinn. In der Wüste offenbart sich Gott, man denke nur an den brennenden Dornbusch, aus dem heraus Jahwe den Mose anspricht und beruft. Man denke nur an die Zehn Gebote, die derselbe Mose am Sinai von Gott empfängt.

Der ganze Exodus, die zentrale Geschichte des Alten Testaments, ist eine Wüsten-Geschichte. Symbolische 40 Jahre zieht das Volk Israel von Ägypten an den Jordan, sieht sich Gefahren und Prüfungen ausgesetzt, ehe es im gelobten Land ankommt. Wüstenzeit ist Übergangszeit, Zeit zur Neuorientierung. Und in dieser Zeit der Kargheit, der Askese und der Stille ist der Mensch besonders offen für seine innere Stimme, für das Wort Gottes.

Auch in den Jesus-Geschichten, den Evangelien, kommt der Wüste eine wichtige Aufgabe zu. So kommt Johannes der Täufer, der Jesus den Weg bereitet, aus der Wüste. Im ersten Kapitel des Markus-Evangeliums wird anschaulich geschildert, dass dieser Johannes schon rein äußerlich alles andere als ein Stadtmensch war: Er trug „ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig“. Auch Jesus selbst geht immer wieder in die Wüste und erlebt ihre Ambivalenz – als Ort der Konzentration, des Gebets einerseits und als Ort der Versuchung, der Anfechtung andererseits.

Auch in der Geschichte des Christentums geht es immer wieder um die Wüste – sei es im tatsächlichen oder im übertragenen Sinn. So entwickeln die so genannten „Wüsten-Väter“ in Ägypten das frühe Mönchtum, und so lassen sich Ordensleute auf der ganzen Welt bis heute immer wieder auf „Wüsten-Tage“ ein, an denen sie sich – soweit das geht – ohne äußere Einflüsse ganz mit sich konfrontieren. Aber diese Erfahrung kann jeder von uns machen – auch mitten in unserem Trubel und unserer Hektik. Man braucht dazu nur einen ruhigen Ort und ein wenig Zeit. Und nicht zu vergessen den Mut, sich auf sich selber einzulassen.

Doch die Mühe lohnt sich, denn der Lohn kann groß sein. Nach einer Wüstenerfahrung kann es einem so ergehen wie dem Propheten Jesaja, der seinen Jubel im 35. Kapitel seines Buchs kaum mehr in Worte fassen kann: „Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen. Sie soll prächtig blühen, wie eine Lilie, jubeln soll sie, jubeln und jauchzen.“


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Dieser Beitrag wurde am 20.06.2016 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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