Am Sonntagmorgen, 30.11.2014


von Pater Norbert Cuypers SVD, St. Augustin

„Einen Raum für Gott bewahren – In Gedenken an Etty Hillesum“

100 Jahre wäre sie in diesem Jahr geworden und genau heute – am 30. November  – starb sie 1943 mit noch nicht einmal 30 Jahren einen viel zu frühen Tod. Die Rede ist von Etty Hillesum, dieser jungen Frau aus dem südniederländischen Middelburg, die ähnlich wie Anne Frank durch ihre Tagebuchaufzeichnungen der Nachwelt ein so erschreckendes und gleichzeitig doch beeindruckendes Zeitdokument hinterließ.

Was mich persönlich beim Lesen ihrer Aufzeichnungen so bewegt, ist die unbändige Freude am Leben, die in dieser jungen Frau gesteckt haben muss. Dazu ihre Liebe, die sie großherzig und manchmal auch irritierend unkonventionell an andere verschenken konnte und nicht zuletzt ihr tiefer Glaube an das Gute im Menschen. Trotz oder wegen all des Elends und all der Ungerechtigkeit, die sie als Jüdin in jenen Jahren am eigenen Leib erleben musste und am Ende mit dem Leben bezahlte. Die bedrängende Not ihrer Zeit ließ Etty Hillesum, die nicht religiös gebunden groß geworden ist, an eine Liebe glauben, die sie Gott nannte. In ihrem Tagebuch klingt das dann so:

Sprecherin
Das Stück Geschichte, das wir jetzt erleben, kann ich sehr gut ertragen, ohne darunter zusammenzubrechen. Ich sehe genau, was geschieht und behalte einen klaren Kopf. Manchmal freilich ist es, als legte sich eine Aschenschicht über mein Herz. Und dann kommt es mir vor, als würde mein Gesicht vor meinen Augen welken und vergehen, hinter meinen grauen Zügen taumeln Jahrhunderte nacheinander in einen Abgrund, und dann verschwimmt alles vor meinen Augen, und mein Herz lässt alle Hoffnung fahren. Es sind nur Augenblicke, gleich darauf habe ich mich wieder in der Gewalt, mein Kopf wird wieder klar, und ich kann meinen Anteil an der Geschichte tragen, ohne darunter zu zerbrechen. Wenn man einmal begonnen hat, an Gottes Hand zu wandern, ja, dann wandert man weiter, das ganze Leben wird zu einer einzigen Wanderung.“

Wie kommt diese junge Frau, die in ihrem Leben kaum bis gar nicht mit Religion in Berührung kam, zu der Aussage, sie wandere an der Hand Gottes? Woher kommt ihre Bereitschaft ihren „Anteil an der Geschichte“, wie sie es nennt, zu tragen, „ohne darunter zu zerbrechen“? Vor allem aber: was sagen mir die Aussagen dieser Frau für mein Leben heute?

Ihre Lebensdaten sind eigentlich schnell erzählt: Etty, eigentlich Esther Hillesum, wurde am 15. Januar 1914 geboren. Ihr Vater, Louis Hillesum, war Gymnasiallehrer für klassische Sprachen, ihre Mutter Rebecca stammte ursprünglich aus Russland. Als Etty zehn Jahre war, zogen die Eltern nach Deventer. Nach eigenen Aussagen erlebte Etty das Familienleben, zu der noch zwei jüngere Brüder zählten, als sehr intellektuell und vor allem als sehr chaotisch. In ihrer Jugend fühlte Etty sich in ihrem Lebensgefühl eher eingeengt und wollte immer wieder ausreißen. In Amsterdam hingegen, die Stadt, in der sie ab 1932 Slavistik und später Jura studierte, fühlte sie sich ausgesprochen wohl. Hier herrschten schon damals eine große religiöse Toleranz und die Liebe zur Freiheit. Dieser offene Zeitgeist prägte die junge Etty und daraus lebte sie. Ihrem Tagebuch vertraut sie an:

Sprecherin
Ich lebe jetzt, heute, in dieser Minute, ich lebe voll und ganz, und das Leben ist es wert, gelebt zu werden; und wenn ich wüsste, dass ich morgen sterben müsste, würde ich sagen: Das ist zwar sehr schade, aber es war gut, so wie es gewesen ist.“

Im Hier und Jetzt leben und nicht von glorreichen Zeiten träumen, die womöglich lange her sind oder die uns vielleicht erst noch bevorstehen: das ist ein erster wichtiger Gedanke von Etty Hillesum, den ich für mein Leben übernehmen kann. Ich selbst ertappe mich nämlich immer wieder dabei, wie ich über längst vergangene Jahre nachdenke. Über die Jugend, die hinter mir liegt und der ich dennoch manchmal nachtrauere oder über Erfahrungen als junger Missionar in Papua Neuginea,  die mir so wichtig wurden und an die ich heute gern noch einmal anknüpfen würde. Dann aber wird mir bewusst, dass ich dadurch das Jetzt mit seinen vielen Gelegenheiten zu einem erfüllten Leben verpasse.

Auch das Umgekehrte kann geschehen. Manch einer, der mit dem jetzigen Leben nicht zufrieden ist, träumt von einer besseren Zukunft - mit mehr Geld auf dem Konto, mit einer liebevolleren Partnerin an seiner Seite oder mit viel Zeit für längst vernachlässigte Hobbys. Und verpasst darüber das Hier und Jetzt, den einzigen Ort, wo das Leben wirklich stattfindet. In ihrem Tagebuch, in denen auffallend viele Dialoge mit Gott zu finden sind, lese ich bei Etty Hillesum:

Sprecherin
„Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen.“

Gerade über diesen letzten Halbsatz stolpere ich immer wieder: „Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt…“. Ich empfinde ihn als sehr irritierend und spannend zugleich. Denn vertauscht Etty Hillesum hier nicht die Rollen? In einer Zeit, in der ihre Mitmenschen klagen, Gott habe sie in Stich gelassen, spricht sie davon, Gott helfen zu wollen, sie nicht zu verlassen. Kommt einem das nicht als eine Anmaßung vor, wenn eine junge Frau behauptet, Gott helfen zu müssen? In ihr Tagebuch schreibt Etty:

Sprecherin
„Nur dies eine wird mir immer deutlicher, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen.“

Ein Stück von Gott in uns selbst zu retten. Darum also geht es Etty Hillesum. Darauf kommt es ihr an. Ein mutiger Gedanke in schweren Zeiten. Aber auch ein Gedanke, der mich sehr anspricht und mir für mein Leben heute weiterhilft. Am Ende eines arbeitsreichen Tages im Büro beispielsweise, da fühle ich mich oft so leer und so müde. An Gott zu denken fällt mir dann schwer. Von Beten kann da erst einmal nicht die Rede sein. In diesen Momenten spüre ich genau diese Sehnsucht, von der Etty Hillesum spricht: ein Stück von Gott in mir selbst zu retten. In solch einem Augenblick hilft es mir dann sehr, einfach eine Kerze vor meiner Christusikone anzuzünden, ruhige Meditationsmusik zu hören und zu warten, bis der Lärm des Alltags und die lauten Stimmen in mir zur Ruhe kommen.  Etty Hillesum:

Sprecherin
„Das ist eigentlich unsere einzige moralische Aufgabe: In sich selbst große Flächen urbar zu machen für die Ruhe, für immer mehr Ruhe, sodass man diese Ruhe wieder auf andere ausstrahlen kann. Und je mehr Ruhe in den Menschen ist, desto ruhiger wird es auch in dieser aufgeregten Welt sein.“

Etty Hillesum hatte offensichtlich ein Talent zum Schreiben und träumte auch davon, einmal eine große Schriftstellerin zu werden. Immer wieder dachte sie in ihren Tagebuchaufzeichnungen darüber nach, wie sie nach dem Krieg das Erlebte und Erlittene in die richtigen Worte fassen könnte. In Gebetsform schreibt sie in ihr Tagebuch:

Sprecherin
Vielleicht werde ich nie eine große Schriftstellerin werden, wie ich es eigentlich vorhabe, aber ich fühle mich tief in dir geborgen, mein Gott. Ich möchte zwar manchmal kleine Weisheiten und vibrierende kleine Geschichten in Worte prägen, aber ich komme immer wieder bald auf ein und dasselbe Wort zurück: Gott, darin ist alles enthalten, und dann brauche ich all das andere nicht mehr zu sagen. Und meine ganze schöpferische Kraft setzt sich um in die inneren Zwiegespräche mit dir, der Wellenschlag meines Herzens ist hier breiter und zugleich bewegter und ruhiger geworden, und mir ist, als würde mein innerer Reichtum immer größer.

Wie konnte Etty Hillesum inmitten der Hölle der Kriegsjahre schreiben, sie fühle sich tief in Gott geborgen? Wie konnte sie am Tag ihrer Deportation nach Ausschwitz noch auf eine Postkarte kritzeln: „Die Güterwagen sind gar nicht so schlecht.“ Ist das nicht übelster Galgenhumor? Auch diese Fragen bewegen mich, je länger ich über diese Frau nachdenke. Es will mir scheinen, Etty gäbe sich gleichsam selbst die Antwort, denn an einer anderen Stelle ihrer Aufzeichnungen meint sie:

Sprecherin
Da es ja den Himmel gibt, warum darf man darin nicht leben? Aber eigentlich ist es eher umgekehrt: Der Himmel lebt in mir.“

Da ist er wieder, dieser Perspektivwechsel, den ich beim Lesen der Texte von Etty Hillesum so bewundere: Gott und den Himmel nicht irgendwo außen zu suchen, wie man das gemeinhin annehmen könnte, sondern dort, wo ich ihn am wenigsten vermute: in mir selbst. Mag die Not und das Elend meines Lebens noch so groß sein: Gott lebt in mir. Im Juli 1942 schreibt Etty in ihr Tagebuch:

Sprecherin
Das Leben und das Sterben, das Leid und die Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen Füßen und der Jasmin hinterm Haus, die Verfolgungen, die zahllosen Grausamkeiten, all das ist in mir wie ein einziges starkes Ganzes, und ich nehme alles als ein Ganzes hin und beginne immer mehr zu begreifen, nur für mich selbst, ohne es bislang jemandem erklären zu können, wie alles zusammenhängt.“

Natürlich kannte auch Etty Hillesum Traurigkeit und Schmerz in den Jahren des Nationalsozialismus. Natürlich war auch sie in den Lebensumständen jener Zeit immer wieder verzweifelt und niedergeschlagen. Davon geben viele Tagebucheintragungen Zeugnis. Von „Lebensangst auf der ganzen Linie“ ist da zu lesen und mehr als einmal von „Mangel an Selbstvertrauen“. Das Gefühl der absoluten Ohnmacht kannte Etty Hillesum ebenso, wie die depressive Niedergeschlagenheit. Kopf- und Leibschmerzen waren für sie an manchen Tagen unerträglich. Dennoch war es für sie scheinbar kein Problem, die Liebe Gottes und das Leid ihrer Zeit zusammenzudenken; das Leben und den Tod des Menschen als eine Einheit zu verstehen:

Sprecherin
„Es klingt fast paradox: Wenn man den Tod aus seinem Leben verdrängt, ist das Leben niemals vollständig, und indem man den Tod in sein Leben einbezieht, erweitert und bereichert man das Leben.“

Diese Gedanken laden mich gerade jetzt im November, den wir auch als Totenmonat bezeichnen, zum Nachdenken ein. Welches Verhältnis habe ich zum Sterben und welche Rolle spielt eigentlich der Tod in meinem Leben?

Es ist wohl das große „Trotzdem“, das Etty Hillesum lebte und an das sie unerschütterlich glaubte: das „Trotzdem“ Gottes, das „Trotzdem“ der Liebe. Ein Trotzdem, zu dem ich mich beim Hören der Nachrichten, angesichts des massenhaften Elends in so vielen Krisenherden in unserer Zeit, oft nicht durchringen kann. Das grausame Schicksal ihres Volkes vor Augen schreibt Etty Hillesum:

Sprecherin
Gut, diese neue Gewissheit, dass man unsere totale Vernich­tung will, nehme ich hin. Ich weiß es nun. Ich werde den anderen mit meinen Ängsten nicht zur Last fallen, ich wer­de nicht verbittert sein, wenn die anderen nicht begreifen, worum es bei uns Juden geht. Die eine Gewissheit darf durch die andere weder angetastet noch entkräftet werden. Ich arbeite und lebe weiter mit derselben Überzeugtheit und finde das Leben sinnvoll, trotzdem sinnvoll, auch wenn ich mich das kaum noch in Gesellschaft zu sagen getraue.“

Am 7. September 1943 wird Etty Hillesum aus dem niederländischen Westerborg nach Auschwitz verschleppt, wo sie zusammen mit ihrer Familie genau heute vor 71 Jahren in den Gaskammern des Konzentrationslagers starb. In ihren Aufzeichnungen fragte sie Gott einmal:

Sprecherin
„Warum hast du aus mir keinen Dichter gemacht, mein Gott? Aber du hast mich ja zum Dichter gemacht, und ich werde geduldig warten, bis die Worte in mir herangewachsen sind, mit denen ich alles bezeugen kann, von dem ich glaube, ein Zeugnis ablegen zu müssen, mein Gott, dass es gut und schön ist, in deiner Welt zu leben, trotz allem, was wir Menschen einander antun.“

Auch wenn ihr großer Traum, Schriftstellerin zu werden, nicht in Erfüllung ging: durch ihre Tagebuchaufzeichnungen lebt Etty Hillesum und ihre Botschaft weiter: eine Botschaft, die voll gläubiger Zuversicht dem Trotzdem abgerungen ist. 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 30.11.2014 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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